netzeitung.deHussein wollte Krieg in letzter Minute mit Zugeständnissen verhindern

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Verzweifelt hat Saddam Hussein offenbar versucht, den Krieg abzuwenden. Unterhändler sollen alles angeboten haben, was die USA hätten haben wollen: Öl, Kontrollen, Auslieferung von Terroristen, freie Wahlen.

Saddam Hussein hat mehrere Monate vor Beginn des Krieges durch die USA versucht, diesen mittels Verhandlungen zu verhindern. Wie die «New York Times» berichtet, gab es auf mehreren Kanälen informelle Gespräche und erstaunliche Angebote der Iraker. Die Antwort der USA lautete: Nein, danke, wie die Zeitung Richard Perle zitiert, den Vorsitzenden des US Defense Policy Board und einen der einflussreichsten Berater des Pentagon.

Perle selbst habe solche Verhandlungen in London geführt, so der Bericht. Beauftragter der Iraker war ein Geschäftsmann namens Imad Hage. Er habe sich mit verschiedenen irakischen Funktionären getroffen und auch die Genehmigung von Hussein gehabt.

Hage bot im irakischen Auftrag demnach an, amerikanische Truppen und Waffenexperten dürften sämtliche Anlagen durchsuchen und versicherte, man habe keine Massenvernichtungswaffen mehr. Außerdem bot er an, man werde einen Beteiligten an den Anschlägen auf das World Trade Center von 1993 ausliefern, der in Bagdad festgehalten werde. Als Pfand für die Verhandlungen wurde schließlich auch versprochen, in Irak Wahlen abzuhalten.

Die Gespräche fanden Anfang März in London statt, kurz vor Beginn des Krieges.

Öl, Verhandlungen, Kontrollen
Zuvor hatte Hage in Beirut den für Operationen im Ausland zuständigen Chef des irakischen Geheimdienstes getroffen, Hassan al Obeidi. Wie Hage berichtete, lautete sein Angebot: «Wenn es um Öl geht, werden wir über amerikanische Ölkonzessionen reden. Wenn es um den Nahost-Friedensprozess geht, werden wir verhandeln. Wenn es um Massenvernichtungswaffen geht, lasst die USA ihre Leute herschicken. Sie können 2000 FBI-Agenten schicken, die suchen dürfen, wo immer sie wollen. Es gibt keine Massenvernichtungswaffen.»

Über ein Abtreten von Hussein selbst habe Obeidi nicht verhandeln wollen, dies wäre einer Kapitulation gleichgekommen, doch habe er angeboten, man könne innerhalb von zwei Jahren Wahlen abhalten.

Außerdem habe es ein Treffen mit dem Geheimdienstchef Tahir Dschalil Habbusch gegeben. Dieser habe ihm zusätzlich angeboten, Abdul Rachman Jasin auszuliefern. Der gilt als Planer des ersten Anschlages auf das WTC und ist einer der meistgesuchten Terroristen des FBI.

«Wir sehen uns in Bagdad»
Bei der CIA erkundigte sich Perle nach seinem Gespräch mit dem Vermittler Hage, ob es Interesse an weiteren Gesprächen und Verhandlungen gebe und bekam eine Absage. Man besitze selbst diverse Kontakte, habe es geheißen. «Die Botschaft war, 'sag ihnen, dass wir uns in Bagdad sehen werden'», so Perle.

Die «NYT» zitiert einen Geheimdienstmitarbeiter mit der Aussage, es habe vor dem Krieg viele solcher Kontakte gegeben. «Solche Signale kamen über eine ganze Anzahl von fremden Geheimdiensten, anderen Regierungen, Charlatane und unabhängigen Akteuren.»

Angst vor einem Krieg
Trotzdem, so die Zeitung, scheint der Draht des libanesisch-amerikanischen Geschäftsmanns Imad Hage der ernsthafteste Versuch gewesen zu sein, mit den USA Kontakt aufzunehmen. Er sagte in Interviews, die Iraker hätten die Bedrohung sehr ernst genommen und versucht, zu verhandeln. «Sie wollten reden und sie boten Sachen an, diese sie ohne den Truppenaufmarsch niemals angeboten hätten.»

Mehrere Dokumente belegen laut der Zeitung, dass die Iraker verzweifelt versuchten, angesichts der Armee an ihrer Grenze Raum für Verhandlungen zu bekommen.

Wie Perle der Zeitung «Newsweek» sagte, habe er die irakische Initiative nie «besonders ernst» genommen. Auch in der «NYT» versuchte er, die Gespräche «herunterzuspielen», wie die Zeitung berichtete.

Möglicherweise scheiterten die Verhandlungen nicht nur an dem Willen der Amerikaner, Krieg zu führen, sondern auch an ihrer Skepsis gegen diese Art von Verhandlungen, spekuliert ein ehemaliger Geheimdienstoffizier in der Zeitung. Arabische Führer würden solchen geheimen Gesprächskontakten traditionell sehr viel Aufmerksamkeit schenken, sagte er der «NYT». In Washington dagegen halte man diese für sehr suspekt. (nz)