netzeitung.deBBC modifiziert Vorwürfe gegen Blair-Regierung

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In einer Analyse jetzt zugänglicher Dokumente versucht die BBC erneut nachzuweisen, dass ein Dossier gegen Irak im September 2002 manipuliert wurde. Sie ändert aber ihre Argumente.

Die BBC steht in der Affäre um den Freitod des Waffenexperten David Kelly unter wachsendem Druck. Die Hutton-Kommission, die die Umstände von Kellys Ableben untersucht, hat bisher keine klaren Erkenntnisse darüber zu Tage gebracht, was ein BBC-Bericht im Mai unter Berufung auf (den damals noch anonymen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums) Dr. Kelly behauptete: Die Regierung habe an einem umstrittenen Dossier über die Bedrohung, die von Irak ausgeht, gezielt manipuliert.

Die Glaubwürdigkeit der BBC, die vordem den Ruf besonderer Verlässlichkeit genoss, ist in Gefahr. Kritiker halten ihr immer wieder vor, sie habe Kellys Aussage überspitzt dargestellt und im übrigen entgegen ihren eigenen Grundsätzen für ihre Enthüllungen über die Regierung nur aus dieser einen Quelle geschöpft.

Nach der ersten Aussage eines britischen Top-Geheimdienstlers vor einem öffentlichen Gremium - der Chef des Geheimdienstekomittees, John Scarlett, hatte am Dienstag vor der Hutton-Kommission gesprochen - hat die BBC online eine Analyse ihres Verteidigungskorrespondenten Paul Adams veröffentlicht, der den Manipulationsvorwurf mit den Mitteln der Text-Exegese zu stützen versucht. Zugleich vermeidet er jedoch die alten BBC-Vorwürfe gegen das Blair-Kabinett, indem er nun eine Unterlassungstat suggeriert.

Anhand von E-Mails und verschiedenen Entwürfen des umstrittenen Dossiers legt Adams dar, wie einschränkende Formulierungen der Behauptung, Irak könne binnen 45 Minuten mit Massenvernichtungswaffen losschlagen, nach und nach aus dem Dossier gestrichen wurden, um schließlich eine eindeutige Aussage zu ergeben. Er legt dar, wie überdies durch das Weglassen der Qualifizierung, dass es sich bei den erwähnten Waffen um «Munition» handle, suggeriert worden sei, dass Irak über die Möglichkeit verfüge, Raketen mit biologischen oder chemischen Sprengköpfen einzusetzen.

Die 45-Minuten-Behauptung war der Hauptkritikpunkt David Kellys gegen die Regierung.

Kelly kannte Original-Information nicht
Scarlett räumte vor der Kommission ein, dass Kelly aus Unkenntnis der Original-Information «verwirrt» gewesen sein könnte über die Formulierung im Dossier und daher auf die Idee gekommen sein könne, es sei manipuliert.

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Hutton-Kommission und dessen eigener Aussage hat Scarlett beim Verfassen des Dossiers freie Hand gehabt.

Das widerspricht den Angaben Kellys, der laut BBC den Sprecher von Premierminister Blair, Alastair Campbell, für das «Aufsexen» des Papiers verantwortlich gemacht hatte.

Zwar wurde Scarlett aus dem Kabinett darum ersucht, «jede verfügbare Information» in das Dossier gegen Irak hineinzuschreiben, aber ausdrücklich unter dem Hinweis: jede Information, «die die Geheimdienste haben», wie der «Guardian» schreibt.

Scarlett: kein Druck der Regierung
Wie sehr eine solche Anregung als Aufruf zur Manipulation verstanden werden kann, bleibt auch nach Scarletts Aussage offen; er sagte allerdings, ihm sei keine Klage aus den Geheimdiensten über «Druck der Regierung» zu Ohren gekommen. Scarlett bestritt auch für sich selbst, Druck der Regierung nachgegeben zu haben und verteidigte seine Formulierung als konform mit Geheimdiensterkenntnissen, die er im September 2002 für hinreichend gesichert hielt.

Der BBC-Mann Adams weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die «45-Minuten-Behauptung» im Dossier nur aus einer Geheimdienstquelle stammte, die sie aus zweiter Hand kolportiert habe.

«There was, of course, a great deal of confusion», kommentiert Adams die Spekulation Scarletts über die «Irritation», die Kelly empfunden haben mag: «Es gab natürlich eine Menge Verwirrung.»

Während das bislang nie bezweifelte Interesse der Regierung an einem starken und auch scharf formulierten Dossier von der Hutton-Kommission belegt wurde, sprechen für inhaltliche Manipulationen bislang allein Scarletts Zuspitzungen und Weglassungen im Text. Darauf, dass sie unmittelbar auf Betreiben des Blair-Kabinetts geschahen, wie die BBC unter Berufung auf Kelly nahelegte, gibt es bisher keinen Hinweis.

Adams' Analyse erneuert den Vorwuf gegen die Regierung angesichts dessen auf Umwegen. Warum, so fragt er, stellte die Regierung vor der irritierten Öffentlichkeit nicht gleich klar, dass nicht Raketen, sondern Granaten oder kleinkalibrige Munition gemeint waren, wie Scarlett einräumt? Adams gibt selbst die Antwort: Weil die 45-Minuten-Behauptung im Detail «weit weniger brisant war, als das Dossier andeutete». Den Vorwurf, dass das Kabinett selbst daran geschraubt habe, wiederholt Adams nicht. (nz)