19.05.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Ein neuer Star
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wie in einem Hollywood-Film hätten US-Truppen Jessica Lynch befreit, berichten irakische Ärzte. Dabei habe man sie zwei Tage vorher an die Amerikaner ausliefern wollen und sei beschossen worden.
Jessica Lynch selbst kann sich zu ihrer Gefangennahme nicht äußern, sie leidet unter einer Amnesie. Um so mehr spekulieren Medien, was wirklich in der Nähe des irakischen Nassirijah passierte. Die BBC zumindest äußert einige Zweifel an der offiziellen Darstellung der US-Armee.
Bereits kurz nach ihrer Befreiung waren Berichte dementiert worden, Lynch habe bei einem Gefecht um ihr Leben diverse Schuss- und Stichverletzungen erlitten.
Die BBC zitiert nun einen Arzt in Nassirijah, nach dessen Ansicht ihre Arm- und Beinbrüche eher von einem Autounfall herrühren. «Ich habe sie untersucht, ich sah dass sie einen gebrochenen Arm, einen gebrochenen Oberschenkel und ein ausgerenktes Fußgelenk hatte», so Dr. Harith a-Houssona gegenüber der BBC. «Da gab es keine Anzeichen von Schusswunden nur die eines Autounfalls.»
Kampf gegen imaginäre FeindeLynch gehörte zu einer Nachschub-Kolonne, die sich während des Irak-Krieges bei Nassirijah verfahren hatte und gefangen genommen worden war. In einer dramatischen Operation wurde sie acht Tage später von einem Spezialkommando aus einem Krankenhaus befreit.
Auch an dem darüber veröffentlichten Bericht werden Zweifel geäußert. Die BBC zitiert Augenzeugen mit den Worten, in dem Krankenhaus seien längst keine irakischen Soldaten mehr gewesen, als die Amerikaner kamen. Und das sollen diese auch gewusst haben.
Laut US-Armee hatte die Einheit Lynch unter feindlichem Feuer befreit und musste sich den Weg freikämpfen.
«Wir waren überrascht. Warum taten sie das? Dort war keine Armee, dort waren keine Soldaten in dem Krankenhaus», sagte Dr. Anmar Uday, der während des Angriffs dort arbeitete.
«Es war wie in einem Hollywood-Film. Sie schrien dauernd 'go, go, go', mit Gewehren und Platzpatronen und dem Krach von Explosionen. Sie machten die Show einer amerikanischen Attacke, wie in Action-Filmen mit Sylvester Stallone oder Jackie Chan.»
Vereitelte ÜbergabeDabei, so Harith a-Houssona, wäre das überhaupt nicht nötig gewesen. Zwei Tage vor der Aktion habe er mit den Amerikanern ausgehandelt, Jessica Lynch in einem Krankenwagen zu ihren Leuten zu bringen. Doch als der Krankenwagen mit Lynch darin einen amerikanischen Kontrollpunkt erreichte, sei er beschossen worden und zurück zum Krankenhaus geflohen.
In den USA ist Lynch ein Star. Und der irakische Anwalt Mohammed Odeh Al Rehaief, der sich laut der offiziellen Version mehrmals heimlich durch die Linien schlich und die US-Soldaten mit Informationen und selbstgemalten Karten des Krankenhauses versorgte, lebt inzwischen bei Washington D.C. Er hat gemeinsam mit seiner Familie politisches Asyl erhalten.
Jessica Lynch, so sagen die Ärzte im Walter Reed Army Medical Center, wird sich möglicherweise nie an die Zeit ihrer Gefangennahme erinnern können. (nz)