02.09.2005
Herausgeber: netzeitung.de
Evakuierungsversuch in New Orleans
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Das Chaos in New Orleans wächst. Angesichts der zunehmenden Gesetzlosigkeit hat Gouverneurin Blanco der Nationalgarde nun den Befehl gegeben, auf Plünderer zu schießen. Um die Zukunft der Stadt gibt es mittlerweile Streit.
Verwesende Leichen liegen in den Straßen der weitgehend überschwemmten Millionen-Stadt New Orleans, bewaffnete Plünderer sind unterwegs, und tausende Menschen warten weiter auf ihre Rettung oder wenigstens die Versorgung mit dem Nötigsten.
Als Rettungskräfte eine überflutete Klinik evakuieren wollten, wurden sie von einem Heckenschützen beschossen. Anwohner feuerten auf Polizei und Helikopter, weil sie selbst aus der Stadt gebracht werden wollten. Ein Augenzeuge beschrieb das Chaos an einer Klinik in einem Vorort. «Wir versuchten, Lebensmittel und Medikamente zum Kenner-Memorial-Krankenhaus einzufliegen. Aber am Landeplatz wartete ein Mob, die Menschen hatten Schusswaffen. Die Piloten weigerten sich, zu landen.»
Befehl «zum Schießen und Töten»In anderen Straßen der Stadt waren Schüsse zu hören. Angesichts der um sich greifenden Gesetzlosigkeit sagte Gouverneurin Kathleen Blanco, die Nationalgarde habe den Befehl «zum Schießen und Töten». Die neu ins Katastrophengebiet eingeflogenen Nationalgardisten hätten Maschinengewehre, «und sie sind geladen», sagte Blanco am Donnerstagabend. Die Reservisten, zum Teil erst vor kurzem aus dem Irak zurückgekehrt, «wissen wie man schießt und tötet, sie sind mehr als bereit, das zu tun, und ich denke, dass werden sie auch.»
Der Chef der Polizei von ganz Louisiana, Henry Whitehorn, sagte, er habe gehört, dass mehrere Beamte in New Orleans ihre Dienstmarke abgegeben hätten. «Sie sagten, sie hätten alles verloren und wollten jetzt nicht zurückgehen, um sich von Plünderern erschießen zu lassen», sagte Whitehorn.
«Verzweifeltes SOS»Der Bürgermeister von New Orleans flehte mit einem «verzweifelten SOS» um Hilfe für bis zu 20.000 Überlebende, die nach wie vor rund um ein Kongresszentrum der Stadt ausharren. Man bräuchte Transportmöglichkeiten am Boden, um die Menschen heraus zu bekommen und Hilfe, um ihnen Schutz zu verschaffen, sowie Nahrungsmittel, um sie in eine sichere Umgebung zu schaffen.
Die Ärzte von zwei schwer beschädigten Krankenhäusern in New Orleans haben in ihrer Verzweiflung am Donnerstag bei der Nachrichtenagentur AP angerufen, weil sei keine Hilfe bekommen. Lebensmittel und Strom gingen zur Neige und die Patienten müssten in die oberen Stockwerke gebracht werden, um sie vor Plünderern zu schützen, berichten die Mediziner.
Krankenhäuser ohne Strom«Wir haben versucht, das Büro des Bürgermeisters zu erreichen. Wir haben versucht, das Büro des Gouverneurs zu erreichen. Wir haben alles versucht. Jetzt wenden wir uns an Euch. Bitte helft uns», sagt Norman McSwain von der Unfallchirurgie der Charity-Klinik. 250 Patienten hat das Krankenhaus. «Wir brauchen endlich koordinierte Hilfe.»
Die Ärzte berichten, die Kranken äßen Fruchtbowle, etwas anderes sei nicht mehr da. Das Wasser sei fast aufgebraucht. Es gebe kaum noch Strom. «Die Intensivstation haben wir in den zwölften Stock verlegt. Weil die Aufzüge nicht mehr fahren, müssen Krankenschwestern und Ärzte die Treppen nehmen, um die Patienten zu sehen.»
Grenze der Kapazität erreichtIn der ganzen Stadt breiten sich Tod, Verwüstung und Verwahrlosung aus, obwohl das Wasser langsam zurückgeht. «Alle Krankenhäuser der Stadt wollen evakuiert werden», sagt Cheri Ben-Iesan von der Küstenwache.
Selbst die wenigen Kranken, die es in einen Hubschrauber geschafft haben, sind noch nicht in Sicherheit. Die Entscheidung, wohin sie gebracht werden können, fällt oft erst in der Luft. Inzwischen stoße auch der Astrodome in Houston/Texas an die Grenzen seiner Kapazitäten, berichtete der US-Nachrichtensender CNN am Freitag unter Berufung auf Behördensprecher. 11.000 Menschen sind derzeit in dem Stadion untergebracht. Erschöpfte Flüchtlinge aus dem gut 500 Kilometer entfernten, überfluteten New Orleans seien am späten Donnerstagabend (Ortszeit) aus Sicherheitsgründen abgewiesen worden.
Hilfe auch von Nato und UnoNun bereitet sich die Stadt San Antonio in Texas, etwa 800 Kilometer von New Orleans entfernt, auf zehntausende Flüchtlinge vor. Die Hurrikan-Überlebenden werden unter anderem mit Bussen aus New Orleans herausgebracht.
Der US-Kongress bewilligte 10,5 Milliarden Dollar Soforthilfe für die Opfer des Hurrikans. Von Deutschland bis Japan boten mehr als 20 Länder ihre Hilfe an. Auch die Nato und die Uno erklärten sich bereit, Ärzteteams zu schicken, Boote, Flugzeuge, Zelte, Decken und Generatoren. Unterdessen wurde Kritik an den Behörden laut, weil die Rettungsbemühungen nur langsam vorankommen. Auch US-Präsident George W. Bush geriet unter Druck.
Reparatur der Deiche kommt voranDie Reparatur der Deiche in New Orleans kommt unterdessen voran. Militärhubschrauber platzierten am Donnerstag Sandsäcke im Loch eines Kanals, durch das Wasser aus dem See Pontchartrain in die Stadt strömte. Als nächster Schritt sollen nun Betonblöcke versenkt werden, um das Loch zu versiegeln, wie der Leiter der Verkehrs- und Baubehörde von Louisiana, Johnny Bradberry, mitteilte.
Es sei inzwischen gelungen, eine provisorische Straße anzulegen, mit der schweres Gerät bis zu dem Loch gebracht werden könne.
Pumpsystem der Stadt ausgefallenDer Pegelstand des Sees ist in den vergangenen Tagen auf das Niveau des Wassers in der überfluteten Stadt gesunken, erklärte Bradberry. Bauarbeiter begannen auch, den Kanal mit Spundwänden vom See zu trennen. Schon am Freitag könnte der See so isoliert werden.
Ein Ingenieurskorps der Armee sei überdies damit beschäftigt, das ausgefallene Pumpsystem der vollgelaufenen Stadt, die wie eine Schüssel zwischen dem See und dem Mississippi liegt, wieder in Gang zu setzen. Wann damit zu rechnen sei, wollte Korpsführer Walter Baumy noch nicht angeben.
Fläche so groß wie großbritannienMehr als 80 Prozent von New Orleans stehen unter Wasser. Am Donnerstag waren 234.000 Quadratkilometer entlang der Golfküste zu Katastrophengebieten erklärt, eine Fläche etwa so groß wie Großbritannien.
Angesichts der dramatischen Verwüstungen ist in den USA eine Debatte über die Zukunft von New Orleans entbrannt. Es mache keinen Sinn, Milliarden Dollar in den Wiederaufbau einer unter dem Meeresspiegel liegenden Stadt zu stecken, sagte der republikanische Sprecher es Abgeordnetenhauses, Dennis Hastert. Demokratische Abgeordnete aus dem US-Staat Louisiana protestierten umgehend.
Zukunft der Stadt ungewiss«Es sieht aus, als müsste ein Großteil der Stadt abgerissen werden», sagte Hastert der Zeitung «Herald of Arlington Heights». Es sei keine Frage, dass die Menschen ihre Häuser wieder aufbauen wollten. Gleichzeitig verwies er darauf, dass viel Geld der Versicherungen und der öffentlichen Hand eingesetzt würde. «Wir müssen einen zweiten Blick darauf werfen», zitierte ihn die Zeitung.
Der demokratische Abgeordnete Charlie Melancon nannte die Ausführungen Hasterts «unverantwortlich». Senatorin Mary L. Landrieu forderte den Republikaner auf, sich auf die menschliche Tragödie zu konzentrieren. (nz)