In den USA könnte eine neue Blase platzen
06. Apr 2007 09:25
 |  Ein Neubau in den USA steht zu einem reduzierten Preis zum Verkauf. | Foto: AP |
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Angesichts immer neuer fauler US-Kredite wächst die Sorge vor einem kräftigen Abschwung.
Matthias Breitinger geht der Frage nach, ob der Vergleich mit dem Platzen der Dotcom-Blase übertrieben ist.
In den vergangenen Monaten berichteten Wirtschaftsblätter wie das «Wall Street Journal» und die «Financial Times» lang und breit über die Furcht vor dem Platzen der Immobilienblase in Amerika und die drohenden Folgen für die US-Wirtschaft. Angesichts dessen überraschte der geringe Raum, den dieselben Zeitungen dem Insolvenzantrag von New Century einräumten. Eine kurze Notiz, mehr war den Zeitungen die Pleite eines der größten US-Anbieter auf dem Markt für zweitklassige Hypotheken-Darlehen nicht wert.Volkswirte und Börsianer sind sich in ihrer Bewertung der Auswirkungen allerdings uneins. Die einen halten das Segment der so genannten subprime mortgages – Hypothekenkredite für Gläubiger ohne ausreichende Sicherheiten – und die Zahl der gefährdeten Verträge für zu klein, als dass sie die gesamte US-Wirtschaft erheblich belasten könnten. Andere warnen jedoch, dass die Probleme in dem Segment nur der Anfang für eine größere Kreditkrise in den USA sein könnten.
Hypotheken – die neuen Dotcoms?
Der als Pessimist bekannte Chefökonom von Morgan Stanley, Stephen Roach, ging sogar so weit, die subprime mortgages als die neuen dotcoms zu bezeichnen – in Anlehnung an die Rezession zu Beginn des neuen Jahrtausends, als nach einem Boom der Internet-Aktien weltweit die Spekulationsblase platzte. Mitte März berichtete die US-Vereinigung der Hypothekenbanken, dass 13 Prozent der Kunden aus dem Subprime-Segment mit ihren Zahlungen in Verzug seien.2006 waren insgesamt die Besitzer von 1,3 Millionen Häusern bei ihren Hypotheken im Rückstand – 42 Prozent mehr als im Vorjahr. Experten fürchten, dass die Zahl noch kräftig steigen wird. Kein Wunder: Im Immobilienboom der vergangenen Jahre wurden die Hypothekenbanken zusehends gieriger und leichtsinniger. Die Kreditstandards wurden immer mehr gelockert – letztlich gelangten selbst ärmere Amerikaner, die kaum bis gar keine Sicherheiten anzubieten hatten, an Hypothekenkredite.
Banken riskieren immer mehr
Solange die Hauspreise rasant stiegen und die Zinsen niedrig blieben, machten sie sich wenig Sorgen, und so wagten die Banken immer mehr: Kredite ohne Anzahlung, mit variablen Zinsen und so genannte «teaser loans» – Kredite, die mit einem Einstiegszins von teils nur einem Prozent locken sollten. So wurde das Geschäft am Laufen gehalten, und Unternehmen wie New Century boomten. Weil Kredite billig zu haben waren und die Häuser immer wertvoller wurden, lohnte es sich, die Immobilien höher zu beleihen.Doch inzwischen endet der Traum vom eigenen Haus für viele Amerikaner immer häufiger mit der Zwangsversteigerung. Die Zinsen sind mittlerweile kräftig gestiegen, einer neuen Studie zufolge dürften 60 Prozent der Kredite mit variablen Zinsen, die seit 2004 abgeschlossen wurden, um ein Viertel oder mehr teurer werden. Für ein Fünftel wird sogar eine Steigerung der Raten um mehr als 50 Prozent vorhergesagt. Dem stehen sinkende Häuserpreise gegenüber: Pessimisten taxieren den Preisverfall in diesem Jahr auf zehn Prozent – während der Boomphase stiegen die Preise jährlich um deutlich über fünf Prozent.
Angebot wächst, Nachfrage fällt
Teurere Kredite und fallende Preise: eine böse Mischung. Sie hat inzwischen dazu geführt, dass Schätzungen zufolge mittlerweile sieben Prozent der Eigenheim-Besitzer ein Haus haben, das weniger wert ist als die Hypothekenschulden, die darauf lasten. Die Folge: 1,1 Millionen Hypothekenkredite im Wert von über 300 Milliarden Dollar könnten laut Experten in den kommenden Jahren verpfändet, die Häuser damit verkauft werden – zu einem niedrigeren Preis. Den Verlust taxiert der Fachmann Christopher Cagan in den kommenden Jahren auf 112 Milliarden Dollar.Vor dem Hintergrund der wachsenden Zahl fauler Hypothekenkredite und zunehmender Ausfallraten dürfte die Pleite des Baufinanzierers New Century nicht die letzte bleiben. Große Banken wie HSBC und Wells Fargo, die zu den größten Subprime-mortgage-Anbietern zählen, sollten mit den Verlusten klarkommen. Bleibt die Frage, wie groß die Wirkung auf die US-Konjunktur sein wird. Der Markt für Privathypotheken in den USA ist mit Krediten im Gesamtwert von etwa zehn Billionen Dollar gewaltig. Eine sinkende Nachfrage nach neuen Häusern bei einem immer größeren Angebot an Altbauten trifft zunächst die US-Baubranche, bedroht aber auch Jobs von Maklern und Bankern.
Privater Konsum wird nachlassen
Doch die Krise zieht mit hoher Wahrscheinlichkeit größere Kreise: Immerhin haben während des Immobilienbooms viele Amerikaner die Häuschen-Kredite nicht zur Finanzierung des Eigenheims verwendet, sondern das Geld verkonsumiert. In einer Immobilienkrise dürfte deshalb auch private Nachfrage in erheblichem Maße wegfallen. Ökonomen schätzen, dass ein Rückgang von Vermögen in Höhe von 100 Dollar den Konsum um drei bis fünf Dollar im Jahr reduziert.Jüngeren Studien zufolge dürfte dieser Effekt im Immobilienbereich aber mehr als doppelt so groß sein, berichtet das britische Wirtschaftsmagazin «Economist». Bei einem Immobilienwert von 20 Billionen Dollar in den USA könnte demnach ein Wertverfall von zehn Prozent leicht das Konsumwachstum halbieren – und damit die US-Wirtschaft einer Rezession «gefährlich nahe» bringen.
Kein Domino-Effekt
 |  Alan Greenspan | Foto: dpa |
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Optimisten halten den prognostizierten Preisrutsch und damit den Vergleich mit dem Platzen der Dotcom-Blase aber für übertrieben. Auch der frühere Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, versuchte kürzlich in einer Rede, Sorgen um eine drohende Rezession in den Vereinigten Staaten zu zerstreuen. Einen solchen Abschwung halte er für möglich, aber nicht für wahrscheinlich. Sein Nachfolger Ben Bernanke gibt sich ähnlich zuversichtlich. Die US-Wirtschaft werde in den nächsten Quartalen mit «moderater Geschwindigkeit» wachsen, sagte er vor dem US-Kongress in Washington. Für 2007 wird ein Wachstum von 2,5 Prozent erwartet nach 3,4 Prozent im Vorjahr.Dass aus der US-Immobilienkrise eine Gefahr für den Aufschwung in anderen Teilen der Welt erwachsen könnte, bezweifeln viele Beobachter ohnehin – zuletzt der Internationale Währungsfonds (IWF). Der «Economist» weist darauf hin, dass die jährliche Wachstumsrate der US-Wirtschaft von 4,4 Prozent in 2004 auf 1,9 Prozent im zweiten Halbjahr gefallen sei – dennoch habe Japan im vierten Quartal 2006 ein aufs Jahr hochgerechnetes Wachstum von 4,8 Prozent erreicht, in Deutschland lag die Rate zum Schlussquartal des Vorjahres bei 3,5 Prozent. Das Fazit des Magazins: Die Weltwirtschaft ist auf die «Lokomotive» USA weniger stark als früher angewiesen.