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«Die Deutschen gucken bewusst weg»

19. Feb 2007 14:04, ergänzt 15:23
Symbol für Spritfresser: der Porsche Cayenne
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Die Automobilbranche setzt seit Jahrzehnten aufs falsche Pferd, meint der Chef des Umweltbundesamtes: Im Gespräch mit Netzeitung.de plädiert Andreas Troge für ökologische Autos statt Luxuskarossen.

Interview:
Die Automobilbranche vernachlässigt weltweit seit Jahrzehnten den Umweltschutz und setzt stattdessen auf Luxus. «Die Autohersteller haben das Auto als Kulturgut positioniert», kritisiert Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA) in Dessau, im Interview mit Netzeitung.de. Den Menschen würden zwar effizientere Autos angeboten – «gleichzeitig haben die Fahrzeuge aber immer mehr PS unter der Haube, und es wird damit aggressiv geworben».

Leichtere Sitze und schmalere Reifen würden bereits genügen, um den Treibstoffverbrauch zu senken. «Schon vor 20 Jahren lagen solche Pläne in den Schubläden. Aber die Autohersteller verdienten kurzfristig nicht am Umweltschutz, sondern an Zusatzausstattungen – wie elektrischen Fensterhebern, Navigationsgeräten oder Klimaanlagen –, und die treiben den Energieverbrauch nach oben.»

Ignorante Autofahrer

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Allerdings spielen die Kunden selbst den Herstellern in die Hände: Autofahrer ignorierten die von ihnen verursachten Umweltprobleme – sofern sich die Umweltschäden nicht vor ihrer eigenen Haustüre oder erst in einigen Jahren ereignen, rügt Troge: «Die Deutschen gucken bewusst weg.» Bei allen Bevölkerungsumfragen sei bei den Befragten eine klare Erkenntnis der Umweltprobleme erkennbar, solange sie zeitlich oder räumlich weit weg sind. «Wenn es darum geht, das eigene Verhalten zu ändern, nimmt die Selbsterkenntnis rasch ab.»

Die von den Herstellern ins Gespräch gebrachte Einbeziehung des Autoverkehrs in den Emissionshandel lehnt der Umwelt-Experte indes ab. «Der Emissionshandel setzt ja nicht beim Verbraucher, sondern bei der Industrie, bei Anlagenbetreibern und demnächst hoffentlich auch bei Fluggesellschaften an», argumentierte der UBA-Chef. Außerdem seien die Verwaltungskosten für einen Emissionshandel im Verkehr «sehr hoch».

Menschen verlassen dünn besiedelte Regionen

Andreas Troge
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Troge warnt überdies vor den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen des Klimawandels, die sich vor allem im Nordosten Deutschlands abzeichnen. «Wir bekommen (...) erhebliche Probleme in der Wasserwirtschaft: Falls es über Jahrzehnte weniger regnet, wird der Grundwasserspiegel sinken.» Es müsste tiefer gegraben werden, um Trinkwasser zu gewinnen. Die Wasserkosten würden dadurch in die Höhe getrieben.

Die Menschen werden in der Folge die dünn besiedelten Regionen verlassen, sagt Troge vorher: «Demographischer Wandel und Klimawandel begünstigen eine stärkere Zentralisierung in Deutschland, um die Versorgung kostengünstiger zu machen.» Außerdem begünstige der Klimawandel die Gefahr, in den Gewässern und Küstenregionen an Blaualgen-Giften zu erkranken. Außerdem wachse auch in Deutschland das Risiko, sich mit Malaria zu infizieren.

Atomstrom verzichtbar

Um den Klimawandel aufzuhalten oder zumindest zu bremsen, ist der von Unionskreisen erneut ins Spiel gebrachte Atomstrom nicht erforderlich, meint UBA-Chef Troge. «Es geht auch ohne Kernenergie», stellt er klar. Der Verzicht auf Atomkraft sei allerdings nur unter zwei Bedingungen möglich: «Wir müssen bis zum Jahr 2050 unseren Primärenergiebedarf halbieren und unsere Energie- Effizienz steigern. Von dem verbleibenden Bedarf muss die Hälfte aus regenerativen Quellen stammen. Technisch und wirtschaftlich ist das machbar.»

Lesen Sie morgen den zweiten Teil des Gesprächs mit Andreas Troge.

 
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