Netzeitung: Kohleverstromung gilt als einer der größten Klimakiller. Können wir auf Kohle überhaupt verzichten?Troge: Wir werden Kohle noch eine Weile verwenden. Wenn neue Kohlekraftwerke entstehen sollen, muss der Strom aus Kohle allerdings sauber werden. Verfahren zur CO2-armen Kohle-Verstromung werden frühestens in etwa 15 Jahren großtechnisch verfügbar sein. Dann wird sich entscheiden, ob diese Technik eine Übergangslösung bietet.
Eines muss klar sein: Falls wir vorher neue Kohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung bauen, wird in anderen Industriezweigen, im Verkehr und in Wohnungen mehr CO2 zu sparen sein. Wer heute zu Braunkohle und Steinkohle Ja sagt, muss sagen, wo wir das CO2 dann einsparen.
Netzeitung: Die Autohersteller hatten sich vor gut zehn Jahren freiwillig bereiterklärt, die Schadstoffemissionen der Autos bis 2008 auf durchschnittlich 120 Gramm pro Kilometer zu senken. Das Ziel wurde mit aktuell 163 Gramm klar verfehlt. Die Hersteller verwiesen auf die Autofahrer, die angeblich lieber große und umweltschädliche Autos fahren. Haben die Deutschen tatsächlich noch nicht verstanden, welchen Anteil sie am Klimawandel haben?
Troge: Die Deutschen gucken bewusst weg. Bei allen Bevölkerungsumfragen sehen wir bei den Befragten eine klare Erkenntnis der Umweltprobleme, solange sie zeitlich oder räumlich weit weg sind. Wenn es darum geht, das eigene Verhalten zu ändern, nimmt die Selbsterkenntnis rasch ab.
Schuld daran ist aber auch die Autoindustrie selbst: Die Hersteller haben das Auto als Kulturgut positioniert. Den Menschen werden zwar effizientere Autos angeboten – gleichzeitig haben die Fahrzeuge aber immer mehr PS unter der Haube, und es wird damit aggressiv geworben.
Mit dem Wohlstand wurden immer höhere Ansprüche gestellt. Wir müssen zwar nicht mit dem Bollerwagen durch die Gegend ziehen, es genügen schon leichtere Sitze und schmalere Reifen, um den Treibstoffverbrauch zu senken. Machbar ist das: Schon vor 20 Jahren lagen solche Pläne in den Schubläden. Aber die Autohersteller verdienten kurzfristig nicht am Umweltschutz, sondern an Zusatzausstattungen – wie elektrischen Fensterhebern, Navigationsgeräten oder Klimaanlagen – und die treiben den Energieverbrauch nach oben. Man nimmt die Kaufkraft nicht für Umweltschutz in Anspruch, sondern für Luxus.
Netzeitung: Die EU-Kommission hat sich trotzdem nicht gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Autolobby durchsetzen können. Bis nunmehr 2012 sollen die Schadstoffemissionen auf 120 Gramm pro Kilometer sinken. Japanische Autos sind aber nicht nur preiswerter, sondern auch umweltfreundlicher. Ist der Kompromiss zwischen EU und Deutschland für die deutsche Autoindustrie nicht ein Pyrrhus-Sieg?
Troge: Ich warne vor dem Irrtum, dass die Japaner oder Koreaner generell besser oder effizienter wären als die deutschen Hersteller: Es gibt einige Modelle, die unter den versprochenen Grenzwerten liegen, aber in der Flotte haben sie die Grenzwerte ebenfalls überschritten.
Netzeitung: Wäre es sinnvoller gewesen, den Autoverkehr in den Emissionshandel einzubeziehen?
Troge: Ich denke nein. Der Emissionshandel setzt ja nicht beim Verbraucher, sondern bei der Industrie, bei Anlagenbetreibern und demnächst hoffentlich auch bei Fluggesellschaften an. Die Verwaltungskosten für einen Emissionshandel im Verkehr wären übrigens sehr hoch.
Mit Andreas Troge sprach Markus Scheffler.