netzeitung.de«Auch Bauern in Mali brauchen ein Handy»

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Heidemarie Wieczorek-Zeul (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Heidemarie Wieczorek-Zeul
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Afrika ist im Internet weitgehend ein weißer Fleck. Im Interview mit Netzeitung.de erklärt Entwicklungshilfe- Ministerin Wieczorek-Zeul, warum sie Initiativen zur Überwindung der digitalen Spaltung unterstützt.

Bundesentwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul macht sich für einen Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) in Afrika stark. IKT sei dort, «wo ein Teil der wichtigen Infrastruktur, zum Beispiel Telefonnetze, nicht existiert», notwendig, sagte die SPD-Ministerin im Gespräch mit Netzeitung.de. «Damit ein Bauer in einem Dorf in Mali seine Produkte vermarkten kann, braucht er Informationen über Marktpreise, und das hängt häufig vom Zugang zu solchen Informationstechniken ab.»

Deutschland finanziere Initiativen zur Förderung von Telekommunikationssystemen in Afrika mit 42,5 Millionen Euro jährlich. Ferner sei die staatseigene Bank KfW an dem Projekt «Eassy» beteiligt – dabei geht es um ein Seekabel vor der Küste Ostafrikas, um die dortige Region «an die weltumspannende Datenautobahn anzubinden», wie Wieczorek-Zeul erläuterte.

Für einen «ersten und richtigen Schritt» zur Überwindung der digitalen Spaltung der Welt hält Wieczorek-Zeul das Programm «One Laptop Per Child» des früheren MIT-Direktors Nicholas Negroponte. Allerdings reiche die Verteilung von Notebooks alleine nicht, betonte die Ministerin. «Kinder müssen lesen und schreiben können und auch Software-Kenntnisse haben.» Dennoch sei das Internet hilfreich: In manchen entlegenen Gegenden Südafrikas beispielsweise lernten Schüler per Fernunterricht, weil Schulen zu weit entfernt seien.

Zudem setzt sich Wieczorek-Zeul für einen verstärkten Einsatz alternativer Energieformen in Afrika ein. «Grundsätzlich sind Erneuerbare Energien in der Entwicklungszusammenarbeit unsere heißen Renner, aber in Afrika müssen beide Seiten noch mehr tun.» Dies gelte vor allem für die Photovoltaik. Der Kontinent sei vom Klimawandel «massiv betroffen», sagte die Ministerin. Er werde «dafür sorgen, dass eine große Zahl von Umwelt-Flüchtlingen verstärkt nach Europa drängt». Deshalb sei es «in unserem eigenen Interesse, zu guten Lebenschancen in den Entwicklungsländern beizutragen».

Netzeitung.de: Frau Wieczorek-Zeul, Sie planen für den kommenden Jahreswechsel einen Afrika-EU-Gipfel mit den Themen Aids, demokratische Entwicklung, Energiepolitik und Armutsbekämpfung. Das hören wir aber schon seit Jahrzehnten. Passiert etwa nichts in Afrika?

Heidemarie Wieczorek-Zeul: Sie werden noch fünfzig Jahre lang vom Kampf gegen Aids hören, weil uns das über Jahrzehnte begleiten wird.

Netzeitung.de: Ohne Fortschritte?

Wieczorek-Zeul: Natürlich mit Fortschritten, hoffen wir. Unser Ziel ist, bis 2015 den Ansteckungstrend zu stoppen. Das bedeutet aber, dass es immer noch Infektionen geben wird. Die Menschen müssen immer wieder behandelt werden, und das muss finanziert werden. Es gibt einfach Themen, die über Jahrzehnte laufen, aber auch Fortschritte bringen. Die globale Bekämpfung von Armut und der Kampf gegen allzu hohe Geburtenraten haben Fortschritte gemacht.

In den Entwicklungsländern hat sich die Zahl der Kinder, die von einer Frau geboren wurden, binnen 40 Jahren von sechs auf drei halbiert. Mehr Kinder haben heute die Chance, in eine Schule zu gehen. Afrika ist ein Kontinent, der durchschnittlich fünfprozentige Wachstumsraten aufweist – ohne dass der Ölboom einiger afrikanischer Länder mit eingerechnet ist. Wir nehmen Afrika manchmal nur als Kontinent von Krisen und Konflikten wahr, nicht aber auch seine Chancen.

Netzeitung.de: Welche Perspektiven sehen Sie denn für Afrika? Die Wachstumsrate von fünf Prozent ist schließlich sehr ungleich verteilt – in einigen Ländern geht es eher abwärts, Südafrika hingegen steht wesentlich besser da.

Wieczorek-Zeul: Wichtig ist, einen anderen Blick auf Afrika zu gewinnen. Es gibt Länder wie Südafrika oder Nigeria, die angesichts ihrer Größe eine Rolle spielen und entscheidend dafür sein können, dass die anderen Länder der Region mitgezogen werden. Es gibt auch die Versuche, die Region der großen Seen zu so etwas wie einer Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit ähnlich der KSZE in Europa zu machen und damit Länder, die vorher gegeneinander Krieg geführt haben, in eine Kooperation zu bringen. Es gibt afrikanische Friedensmissionen.

Netzeitung.de: Die Investmentbank Goldman Sachs sieht das offenbar anders. Dort werden derzeit Anlage-Strategien für die künftigen Boom-Staaten entwickelt. Zu den aussichtsreichsten elf Regionen der Welt zählen auf dem afrikanischen Kontinent lediglich Ägypten und Nigeria. Versteht Goldman Sachs sein Geschäft nicht oder müssen wir den Rest des Kontinents abschreiben?

Wieczorek-Zeul: Wenn die Welt nur unter dem Gesichtspunkt von Banken und «Analysten» gestaltet würde, wäre sie vielleicht nicht sehr zukunftsfähig. Länder wie Ghana oder Botswana haben hervorragende Chancen. Das Problem vieler afrikanischer Länder liegt darin, dass sie nur einen ganz geringen Anteil am Welthandel haben. Sie brauchen größere Märkte. Das muss gefördert werden, wie es die EU mit afrikanisch-karibisch-pazifischen Staaten macht.

Netzeitung.de: Sie sehen vor allem in den Erneuerbaren Energien Entwicklungs-Chancen für Afrika. Wann werden denn Sonnenkollektoren in der Sahara aufgestellt?

Wieczorek-Zeul: Windparks gibt es ja schon. Außerdem möchte ich vorausschicken: Afrika ist vom Klimawandel massiv betroffen. Früher hätte man sich gar nicht vorstellen können, dass Flüchtlinge in der Wüste von einer Überschwemmung überrascht werden. Wir müssen Hilfestellung geben einerseits bei der Anpassung an den Klimawandel – also zum Beispiel in den Küstenregionen an die Steigung des Meeresspiegels –, andererseits bei der Erhaltung des Regenwaldes.

Wir müssen zudem verstärkt die verschiedenen Instrumente – die Weltbank, den Privatsektor und unsere Entwicklungs-Kooperationen – dafür nutzen, dass Erneuerbare Energien dort ihre Chancen haben. In Afrika bestehen Potenziale für Wasser- und Windkraft, Geothermie und Photovoltaik, aber man muss diese Energieformen fördern. Grundsätzlich sind Erneuerbare Energien in der Entwicklungszusammenarbeit unsere heißen Renner, aber in Afrika müssen beide Seiten noch mehr tun.

Netzeitung.de: Aber wann sehen Sie solche Projekte in größerem Stil – nicht nur kleine Tests?

Wieczorek-Zeul: Windparks gibt es heute schon in großem Umfang, beispielsweise in Ägypten. Schwierigkeiten gibt es noch bei der Photovoltaik. Das hängt damit zusammen, dass sich manche der Entwicklungsländer sagen: Wenn wir einen bestimmten Betrag zur Verfügung haben, dann stecken wir den in die im Moment kostengünstigste Technologie. Das ist zwar verständlich, aber langfristig falsch. Deshalb gibt es ein Programm der Weltbank, das einen Teil der Anlaufkosten gerade bei der Nutzung der Solarenergie übernimmt.

Netzeitung.de: Sie fordern für den G8-Gipfel im Sommer einen Nachhaltigkeitspakt für Afrika. Was konkret können die afrikanischen Staaten von der industrialisierten Welt erwarten?

Wieczorek-Zeul: Nachhaltige Investitionen, Investitionen, Investitionen, vor allem auch durch Mikrofinanzförderung! Das brauchen viele afrikanische Länder, um Wachstum zu generieren. Zudem geht es um die in Gleneagles gemachten Zusagen der Entwicklungsfinanzierung, also bis 2010 die Mittel für Afrika zu verdoppeln. Weitere Themen sind Bildung, Aidsbekämpfung und Umweltschutz – also die Millenniumsziele. Dazu kommt der Versuch, den Klimawandel zu mildern und die Handelschancen für die Entwicklungsländer zu verbessern.

Netzeitung.de: Und die Frage der guten Regierungsführung?

Wieczorek-Zeul: Das gehört natürlich mit dazu. Wir wollen die Länder unterstützen, die verantwortliche Regierungsführung praktizieren. Gerade Länder, die über Ressourcen verfügen, müssen Transparenz zeigen, langfristig denken und vor allem eigene Institutionen und Regeln haben, damit der Öl- und Ressourcenreichtum nicht zu einem Fluch wird.

Netzeitung.de: Was kann die entwickelte Welt von Afrika lernen?

Wieczorek-Zeul: Lebensfreude, Spontaneität, Menschlichkeit. Die Partnerschaft sollte darin bestehen, dass wir dazu beitragen, dort bessere Lebensverhältnisse zu schaffen, damit Menschen nicht abwandern müssen. Der Klimawandel wird dafür sorgen, dass eine große Zahl von Umwelt-Flüchtlingen verstärkt nach Europa drängt. Heute wissen Jugendliche in Afrika, dass es eine andere, eine reichere Welt gibt. Deshalb ist es auch in unserem eigenen Interesse, zu guten Lebenschancen in den Entwicklungsländern beizutragen.

Netzeitung.de: Die FDP macht ganz praktische Vorschläge: In einem Antrag im Bundestag fordern die Liberalen, afrikanische Kleinbauern mit Handys auszustatten, damit sie ihre Ware nicht mehr auf den Markt tragen müssen, sondern einfach anrufen. Garküchen müssten mit Telefonen ausgestattet werden, damit Kunden telefonisch bestellten können. Klingt doch ganz vernünftig!

Wieczorek-Zeul: Ja, nur kommt die FDP damit ein bisschen spät. Die Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologie war schon ein Anliegen der Weltbank unter James Wolfensohn, und wir haben das immer unterstützt – zum Beispiel die «Global Gateway»-Initiative, die die digitale Spaltung überwinden hilft.

Denn Informations- und Kommunikationstechnologien sind in den betroffenen Regionen, wo ein Teil der wichtigen Infrastruktur, zum Beispiel Telefonnetze, nicht existiert, notwendig. Damit ein Bauer in einem Dorf in Mali seine Produkte vermarkten kann, braucht er Informationen über Marktpreise, und das hängt häufig vom Zugang zu solchen Informationstechniken ab.

Die Entwicklung von Telekommunikationssystemen, insbesondere Mobilfunk, macht in Afrika rapide Fortschritte. Wir finanzieren solche Initiativen mit 42,5 Millionen Euro. Ein Beispiel: das ostafrikanische Seekabel «Eassy», an dem die KfW beteiligt ist. Da geht es darum, Ostafrika an die weltumspannende Datenautobahn anzubinden.

Netzeitung.de: Der frühere MIT-Direktor Nicholas Negroponte hat die Stiftung «One Laptop Per Child» gegründet, um die Verbreitung von Computertechnologie in Afrika zu stärken. Was nützt es denn, jedem afrikanischen Kind einen Laptop zu geben, wenn es das Gerät nicht bedienen und mit den Ressourcen des Internets nicht umgehen kann – angesichts der hohen Analphabetenrate?

Wieczorek-Zeul: Afrika lässt sich nicht über einen Kamm scheren: In Südafrika beispielsweise lernen Schülerinnen und Schüler in manchen entlegenen Gegenden per Fernunterricht, weil Schulen zu weit entfernt sind. Aber ich gebe Ihnen Recht: Notebooks alleine reichen nicht, Kinder müssen lesen und schreiben können und auch Software-Kenntnisse haben. Ich halte das Programm «One Laptop Per Child» dennoch für einen ersten und richtigen Schritt, um die digitale Spaltung der Welt zu überwinden.

Mit Heidemarie Wieczorek-Zeul sprachen Matthias Breitinger und Markus Scheffler. Der erste Teil des Interviews erschien am 9. Februar auf Netzeitung.de.