netzeitung.de«Selbst Benzin wird gefälscht»

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Hans Joachim Fuchs (Foto: Chinabrand<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hans Joachim Fuchs
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Deutsche Unternehmen tun viel zu wenig, um sich gegen chinesische Fälscher zu schützen, meint Hans Joachim Fuchs. Die Netzeitung sprach mit dem Fachmann über stolze Markenpiraten, korrupte Provinzfürsten und Gefahren für Airbus.

Netzeitung: China gilt als der Spitzenreiter in der Markenpiraterie. Herr Fuchs, warum wird gerade dort so kräftig gefälscht?

Hans Joachim Fuchs: Das hat zum großen Teil kulturelle Hintergründe. Das Fälschen wurde in China historisch nie als krimineller Akt, als Straftat gesehen. Den Begriff «geistiges Eigentum» gibt es in der chinesischen Sprache nicht. Der Chinese ist Kollektivist und kann nicht verstehen, dass eine Idee einer privaten Person gehören soll. Wissen ist Kollektivgut und soll dazu dienen, die Gesellschaft insgesamt voranzubringen.

Im Fälschen steckt auch ein wenig Konfuzianismus drin: Kopieren gilt als Wertschätzung des Kopierten. Ich selbst erlebe das in meiner Praxis. Wenn ich Fälscher auf ihre Straftat hinweise, dann sind die ganz stolz, wie gut ihre Plagiate sind. Das Problem ist aber auch politisch zu erklären. China versucht zu wachsen und an die Spitze zu kommen – ohne Rücksicht auf die Umwelt, auf andere.

Netzeitung: Stecken in der Idee des Kollektivguts auch mehr als 50 Jahre Kommunismus in China?

Fuchs: Da steckt sicherlich auch sozialistisches Denken drin. Allerdings: Das alles ist der Hintergrund. Heute ist das Fälschen hochgradig kriminell geworden. Wir können die heutige Piraterie nicht mehr mit Konfuzius relativieren oder gar entschuldigen. Das ist organisierte Kriminalität. Sie hat sich zu einer Krankheit entwickelt und ist der Krebs der chinesischen Wirtschaft.

Netzeitung: Ob beim Besuch von Angela Merkel oder von Präsident Bush in Peking: Die chinesische Seite bekräftigt, sich mehr um den Kampf gegen Produktpiraterie zu kümmern. Sind das nur Lippenbekenntnisse oder haben Sie den Eindruck, die chinesische Führung nimmt das Problem wirklich ernst?

Fuchs: Das sind alles andere als Lippenbekenntnisse. Wir werden bei unseren Projekten in China von den Behörden sehr stark unterstützt.

Netzeitung: Die chinesischen Gesetze reichen für den Kampf gegen Piraterie aus?

Fuchs: Ja, völlig. Die chinesische Gesetzgebung ist hier an die internationale weitgehend angepasst. Das Problem liegt aber in der mangelhaften Umsetzung in erster Linie in den Provinzen. Die Zentralregierung in Peking nimmt Piraterie sehr ernst und geht massiv gegen Fälscher vor, aber die Provinzregierungen ziehen nicht mit. Der Provinzfürst will seine regionalen Firmen schützen. Die zahlen schließlich in der Region Steuern. Außerdem kennt er sehr oft die Manager persönlich.

Netzeitung: Da wird auch Korruption im Spiel sein ...

Fuchs: Definitiv. Aber eben immer auf regionaler Ebene, nicht in der Zentralregierung. Es bessert sich jedoch auch in vielen Regionen. Die Chinesen sind sehr sensibel geworden, auch aufgrund des politischen Drucks. Sie merken darüber hinaus, dass sie sich selbst schaden: Welches chinesische Unternehmen investiert denn in Forschung und Entwicklung, wenn seine Ergebnisse von den Landsleuten geklaut werden?

Netzeitung: Das heißt, Piraterie ist nicht nur ein Problem Chinas im Verhältnis zum Ausland, sondern auch ein internes Problem?

Fuchs: Sogar ein wesentliches. 80 Prozent der Prozesse gegen Markenfälscher in China werden von Chinesen betrieben. Chinesen kopieren Chinesen – und die Kopierer werden wiederum von chinesischen Kopierern gefälscht.

Netzeitung: Es gibt sicher deutsche Unternehmen, die gern ihre Produkte in China verkaufen würden, aber davor zurückschrecken – aus Angst, ihre Ware würde sofort nachgeahmt. Inwieweit bremst Piraterie das Geschäft mit Fernost?

Fuchs: In einer Studie haben wir uns mit den Marktchancen und -problemen deutscher Umwelttechnik in China gefasst. Diese Branche ist Weltmarktführer, und China ist der größte Bedarfsmarkt der Welt für Umwelttechnik. Die Studie ergab indes, dass viele deutsche Umwelttechniker – obwohl sie beste Absatzchancen hätten – aus Angst vor Piraterie nicht nach China gehen. Diese Angst ist zum großen Teil unbegründet. Wir können uns durch ein integriertes System gegen Fälscherei sehr gut schützen.

Netzeitung: Man könnte also viel mehr tun?

Fuchs: Das Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Die deutschen Unternehmen tun noch viel zu wenig. Es gibt sehr differenzierte juristische Maßnahmen. Wir können zudem betriebswirtschaftlich, organisatorisch, technisch und politisch sehr viel machen. Die Kombination dieser Maßnahmen setzt die Hürde für einen Fälscher so hoch, dass es sich für ihn nicht mehr lohnt. Fälscher müssen Skaleneffekte realisieren, und wenn das ganze für sie zu teuer wird, lassen sie davon ab.

Netzeitung: Was können Unternehmen konkret gegen Piraterie tun? Bringt es was, die Innovationszyklen so zu beschleunigen, dass die Fälscher nicht mehr hinterher kommen?

Fuchs: Das ist eine Hauptstrategie. In meinem Buch «Piraten, Fälscher und Kopierer» beschreibe ich mehrere Strategien, wie man gegen Kopierer vorgehen kann. Die Innovationsstrategie wird immer wieder zitiert – nur: Sie ist begrenzt. Man kann nicht ewig innovieren. Eine andere Strategie: Europäische Hersteller haben gesehen, dass der Fälscher sehr gut arbeitet, und beschlossen, ihn ganz einfach zu kaufen. Man kann den Faker auch kontern, indem man eine abgespeckte Discount-Version des eigenen Markenprodukts auf den Markt bringt. Es gibt also einen ganzen Strauß von Strategien, mit denen man gegensteuern kann.

Netzeitung: Was muss der Staat noch tun?

Fuchs: Was die von Ihnen genannten Politiker Merkel und Bush tun, ist richtig: Man muss am großen politischen Hebel drücken. Nur mahlen die politischen Mühlen eben langsam. Bis die EU oder die USA wirksame Maßnahmen ergriffen haben, werden viele Firmen durch Piraterie bankrott sein. Sie müssen jetzt selbst aktiv werden. Ich kenne Fälle, wo chinesische Piraten den Markt eines Markenherstellers regelrecht übernommen haben: Der Marktanteil des Originalherstellers sinkt und sinkt, während der des Piraten steigt, bis er die Marke «erobert» hat. Es gibt deutsche Unternehmen, die Insolvenz anmelden mussten, weil sie auf diese Weise ausgeblutet sind.

Netzeitung: Imitiert werden nicht mehr nur Markenjeans oder Luxusuhren. Gibt es Grenzen bei den Produkten – etwa bei Hochtechnologie? Oder muss Airbus Angst haben, dass die Chinesen irgendwann den A320 fälschen?

Fuchs: Die Zeiten, in denen nur Markenbekleidung oder Parfums gefälscht wurden, sind lange vorbei. Heute werden Maschinen, Medikamente, Helikopter, Zigaretten, Ölfarben, Designs von Küchengeräten, selbst Benzin gefälscht. Vor allem aber gehen Kopierer heute ganz massiv auf Vorprodukte, etwa Autozulieferteile. Sogar Konzepte und Zertifikate werden gefälscht. Wenn Sie zum Beispiel Medikamente an chinesische Krankenhäuser liefern wollen, brauchen Sie bestimmte Bescheinigungen, die schwer zu bekommen sind – die werden jetzt gefälscht, damit ein Medikamentenfälscher seine Ware an Hospitäler liefern kann.

Aber es gibt Grenzen. Fachleute gehen davon aus, dass beim Transrapid nicht großartig gefälscht wird. Der Zug ist natürlich öffentlich sichtbar, und das technische Prinzip ist bekannt und im Internet runterzuladen. Die Chinesen bauen das zwar nach, aber haben bisher mit großer Sicherheit kein Patent der Deutschen verletzt. Airbus muss hingegen vorsichtig sein: Die chinesische Regierung ist sehr am Flugzeugbau, einer Schlüsselbranche, interessiert. Wenn Airbus-Maschinen in China montiert werden, ist die Gefahr der Piraterie sehr, sehr groß.

Netzeitung: Unter Piraterie fällt auch die illegale Überproduktion authentischer Markenware ohne Auftrag des Markeninhabers. Das sind also nicht wirklich minderwertige Fälschungen. Lässt sich sagen, wie groß ihr Anteil an den Plagiaten ist?

Fuchs: Da gibt es keine Zahlen – es gibt zu dem ganzen Feld keinerlei empirische Untersuchungen. Wir schätzen den Anteil aber als nicht sehr groß ein. Dieser so genannte Overrun findet sich fast ausschließlich bei Bekleidung und Schuhen. Aber das sind wie gesagt nicht mehr die Kernmärkte der Piraterie.

Netzeitung: Liegt Overrun an der schlechten Bezahlung der Fabrikarbeiter, die die zusätzlich produzierte Ware unter der Hand verkaufen, um überleben zu können? Müssten also die westlichen Bekleidungskonzerne den Beschäftigten in den chinesischen Werken einfach höhere Löhne zahlen, um das Problem einzudämmen?

Fuchs: Nein. Urheber der Fälschungen ist ja nicht der Beschäftigte. Die Arbeiter, die die Overrun-Ware herstellen, bekommen oft überhaupt nichts zusätzlich, oder wenn dann nur ein paar Yuan obendrauf. Urheber sind die Führungskräfte, die gut ausgebildeten und exzellent organisierten Manager und Inhaber der Fabriken. Den bösen Spitzbuben, der im Hinterhof in seiner Fälscherbude sitzt, gibt es längst nicht mehr. Wir haben es heute mit professionellen, renommierten chinesischen Unternehmen zu tun, die Produkte fälschen.

Deshalb werden auch juristische Maßnahmen in Europa niemals ausreichen. Alle reden bei Piraterie immer nur von Grenzbeschlagnahmungen. Es genügt aber nicht, wenn der Zoll hierzulande ein paar Container mit gefälschten DVDs beschlagnahmt und diese zerstört. Das ist gut, bringt aber nicht viel. Oder es wird auf einer Messe in Deutschland der Stand des chinesischen Fälschers, der dort seine Ware vorstellt, geschlossen. Doch was bringt das? Derselbe Kopierer verkauft auf einer großen Messe in China seine Produkte weiterhin, und zwar weltweit. Wir müssen also in die Höhle des Löwen gehen und Piraterie an der Quelle bekämpfen, denn sonst zerstören die Fälscher unser Exportgeschäft.

Der Diplomingenieur und Wirtschaftswissenschaftler Hans Joachim Fuchs leitet die Beratungsfirma Chinabrand in München und Schanghai. Er verfügt über langjährige Erfahrung im asiatischen Raum und ist Herausgeber des Buchs «Piraten, Fälscher und Kopierer - Strategien und Instrumente zum Schutz geistigen Eigentums in der Volksrepublik China». Mit ihm sprach Matthias Breitinger.