netzeitung.deDeutschland AG ist nur noch «Klotz am Bein»

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Türme der Deutschen Bank am Abend (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Türme der Deutschen Bank am Abend
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Deutschland AG löst sich auf - und zunächst sind die Belegschaften die Verlierer. Der Kapitalmarkt hat zudem die Kontrolle über die Führungskräfte noch nicht vom alten Firmengeflecht übernommen.

Von Matthias Breitinger

Enge Kapital- und Personalverflechtungen – dadurch war jahrzehntelang die deutsche Unternehmenslandschaft gekennzeichnet. Ein Netzwerk aus einheimischen Banken, anderen Kapitalgebern und Industriekonzernen war das Markenzeichen der «Deutschland AG», die sich damit vor Einfluss von außen schützte. Doch dieses Wirtschaftsgefüge ist in Auflösung begriffen, wie das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIFG) herausgefunden hat.

1996 waren an dem Netzwerk noch 60 der 100 größten deutschen Unternehmen beteiligt, wobei die Finanzkonzerne Deutsche Bank und Allianz eine zentrale Stellung innehatten. Im Lauf der vergangenen zehn Jahre hat sich das Geflecht aber spürbar gelockert und ausgedünnt – im Jahr 2004 weisen nur noch 35 der 100 größten deutschen Unternehmen Kapitalverflechtungen auf, davon 28 im eigentlichen großen Netzwerk. Es gibt nur noch 44 Verbindungen zwischen den Unternehmen, verglichen mit 143 im Jahr 1996.

Im Mittelpunkt der Erosion steht ein Wandel bei den Finanzinstituten, wie Martin Höpner vom Max-Planck-Institut im Gespräch mit der Netzeitung erklärt. «In der vergangenen Dekade hat sich das internationale Bankgeschäft verändert», sagt der Politologe. Das Investmentbanking, zu dem Beratung und Durchführung von Fusionen und Übernahmen zählen, sei immer wichtiger geworden. Für das industrielle Kreditgeschäft sei es zweifellos von Vorteil gewesen, nah an der Industrie zu sein, erläutert Höpner – das habe die Unsicherheit gesenkt, die mit jeder Kreditvergabe verbunden ist.

Verflechtung in globaler Welt weniger attraktiv
«Für das Investmentbanking sind enge Verbindungen zur heimischen Industrie hingegen ein Klotz am Bein.» Ein internationaler Konzern würde keinen Auftrag zur Vorbereitung einer feindlichen Übernahme in Deutschland an die Deutsche Bank vergeben, wenn er befürchten müsste, dass alle weitergegebenen Informationen «am Ende beim Übernahmeziel landen». Kurzum: Die Deutsche Bank müsse deutlich machen, dass sie – «ohne mit der Wimper zu zucken» – bereit wäre, etwa an einer feindlichen Übernahme von Volkswagen zu arbeiten. «Und das spricht dafür, sich von allzu engen Verbindungen zu lösen», so Höpner.

Aber auch die Globalisierung hat Verflechtungen weniger attraktiv gemacht als noch vor zwanzig Jahren. «Es gibt keine abgeschotteten Volkswirtschaften mehr», argumentiert der Max-Planck-Forscher. Einst war es den Banken noch möglich, in relativ geschlossenen Volkswirtschaften die Kreditrisiken «durch aktive Regulierung der Konkurrenz» zu begrenzen. Aufgrund der vielfältigen internationalen Aktivitäten sind die Kreditrisiken heutzutage aber auch durch Einmischung für die deutschen Banken nicht mehr steuerbar.

Steuerfreistellung «beschleunigt» Prozess
Zudem hat die Wirtschaftspolitik zum Entflechtungsprozess maßgeblich beigetragen, meint Höpner. Die Steuerfreistellung von Gewinnen aus Beteiligungsverkäufen im Jahr 2000 habe die Auflösung der Beteiligungen «beschleunigt». Als den entscheidenden Wendepunkt, seit dem die Gesetze der alten Deutschland AG nicht mehr gelten, hat der Experte indes die Übernahmeschlacht zwischen Krupp und Thyssen im März 1997 ausgemacht.

«Damals hat zum ersten Mal eine große deutsche Bank, die Deutsche Bank, einen feindlichen Übernahmeversuch – den von Krupp – aktiv unterstützt», erläutert Höpner. Damit hätten «erstmals im Institut die Investmentbanker über die Traditionalisten obsiegt». Im vergangenen Jahrzehnt habe in der politischen Ökonomie in Deutschland ein «fundamentaler Wandel» stattgefunden: Noch in den 90er Jahren habe kaum jemand in Deutschland gewusst, was eine feindliche Übernahme überhaupt ist.

«Wie sehr feindliche Übernahmen heute zum normalen Spiel gehören, zeigt der jüngste Fall mit Merck, Bayer und Schering», so Höpner. «Aber auch während der Mannesmann-Übernahme war auffällig, dass die Deutsche Bank überhaupt es tunlichst vermied, Mannesmann zur Hilfe zu kommen. Sie verhielt sich wie ein neutraler Unbeteiligter – wie man es eben von einer Investmentbank erwarten würde, und nicht von einem strategischen Spieler der alten Deutschland AG.»

Arbeitsmarkt als Verlierer
Uneins sind sich Fachleute über die Bewertung des Entflechtungsprozesses. Viele Ökonomen heben positiv hervor, dass die Auflösung des Netzwerks langfristig einen effizienteren Kapitalaufbau mit sich bringe. «Das mag sein», meint Höpner. Er fürchtet aber zumindest kurz- bis mittelfristig negative Effekte für den Arbeitsmarkt.

Der Grund: Durch die Entflechtung steigt für die Industrieunternehmen die Gefahr, übernommen zu werden. Vor Übernahmen schützt aber ein hoher Aktienkurs. «Deshalb steigt mit der Entflechtung der Anreiz, sich dezidiert aktionärsorientiert zu verhalten», so Höpner. Wenn die Unternehmen aber noch mehr gezwungen seien, auf ihren Aktienkurs zu achten, würden sie sich bemühen, noch profitabler zu werden – «und das geschieht häufig durch Ausdünnung der Belegschaften und Verkauf oder Schließung niedrig rentabler Segmente», warnt der Experte.

Heutzutage ist die Allianz die wichtigste Eignerin industrieller Aktienpakete. Damit ersetzt sie aber nicht die Deutsche Bank, wie das Max-Planck-Institut erklärt. Der Versicherungskonzern will mit seinen Aktienpaketen nämlich in erster Linie nicht Einfluss auf die Industrieunternehmen nehmen – er sei vielmehr ein passiverer Anleger, der eher einem Investmentfonds ähnelt.

Wer kontrolliert jetzt die Manager?
In dem alten Netzwerk überwachten die Banken die Unternehmen, an denen sie beteiligt waren. Allerdings: Mit der Auflösung der Deutschland AG bricht noch lange nicht das Ende der Managerherrschaft an, schränkt Höpner ein. Zwar sollte mit dem Rückzug der Banken aus den Beteiligungen theoretisch der Kapitalmarkt an deren Stelle treten.

In der Praxis beobachtet der Fachmann aber, dass beispielsweise viele Aufsichtsratsvorsitze, die nach dem Abzug der Banken frei wurden, von ehemaligen Spitzenmanagern derselben Unternehmen eingenommen wurden. «Das ist das Gegenteil von unabhängiger Überwachung.» Das Problem der unkontrollierten Managermacht sei aber kein spezifisch deutsches, betont Höpner: «Erinnern wir uns an Enron und Parmalat: Diese Skandale waren nur möglich, weil die Manager nicht ausreichend kontrolliert wurden. Den Königsweg hat noch niemand gefunden.»