Deutschland AG ist nur noch «Klotz am Bein»
07.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Enge Kapital- und Personalverflechtungen dadurch war jahrzehntelang die deutsche Unternehmenslandschaft gekennzeichnet. Ein Netzwerk aus einheimischen Banken, anderen Kapitalgebern und Industriekonzernen war das Markenzeichen der «Deutschland AG», die sich damit vor Einfluss von außen schützte. Doch dieses Wirtschaftsgefüge ist in Auflösung begriffen, wie das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIFG) herausgefunden hat.
1996 waren an dem Netzwerk noch 60 der 100 größten deutschen Unternehmen beteiligt, wobei die Finanzkonzerne Deutsche Bank und Allianz eine zentrale Stellung innehatten. Im Lauf der vergangenen zehn Jahre hat sich das Geflecht aber spürbar gelockert und ausgedünnt im Jahr 2004 weisen nur noch 35 der 100 größten deutschen Unternehmen Kapitalverflechtungen auf, davon 28 im eigentlichen großen Netzwerk. Es gibt nur noch 44 Verbindungen zwischen den Unternehmen, verglichen mit 143 im Jahr 1996.
Im Mittelpunkt der Erosion steht ein Wandel bei den Finanzinstituten, wie Martin Höpner vom Max-Planck-Institut im Gespräch mit der Netzeitung erklärt. «In der vergangenen Dekade hat sich das internationale Bankgeschäft verändert», sagt der Politologe. Das Investmentbanking, zu dem Beratung und Durchführung von Fusionen und Übernahmen zählen, sei immer wichtiger geworden. Für das industrielle Kreditgeschäft sei es zweifellos von Vorteil gewesen, nah an der Industrie zu sein, erläutert Höpner das habe die Unsicherheit gesenkt, die mit jeder Kreditvergabe verbunden ist.
Aber auch die Globalisierung hat Verflechtungen weniger attraktiv gemacht als noch vor zwanzig Jahren. «Es gibt keine abgeschotteten Volkswirtschaften mehr», argumentiert der Max-Planck-Forscher. Einst war es den Banken noch möglich, in relativ geschlossenen Volkswirtschaften die Kreditrisiken «durch aktive Regulierung der Konkurrenz» zu begrenzen. Aufgrund der vielfältigen internationalen Aktivitäten sind die Kreditrisiken heutzutage aber auch durch Einmischung für die deutschen Banken nicht mehr steuerbar.
«Damals hat zum ersten Mal eine große deutsche Bank, die Deutsche Bank, einen feindlichen Übernahmeversuch den von Krupp aktiv unterstützt», erläutert Höpner. Damit hätten «erstmals im Institut die Investmentbanker über die Traditionalisten obsiegt». Im vergangenen Jahrzehnt habe in der politischen Ökonomie in Deutschland ein «fundamentaler Wandel» stattgefunden: Noch in den 90er Jahren habe kaum jemand in Deutschland gewusst, was eine feindliche Übernahme überhaupt ist.
«Wie sehr feindliche Übernahmen heute zum normalen Spiel gehören, zeigt der jüngste Fall mit Merck, Bayer und Schering», so Höpner. «Aber auch während der Mannesmann-Übernahme war auffällig, dass die Deutsche Bank überhaupt es tunlichst vermied, Mannesmann zur Hilfe zu kommen. Sie verhielt sich wie ein neutraler Unbeteiligter wie man es eben von einer Investmentbank erwarten würde, und nicht von einem strategischen Spieler der alten Deutschland AG.»
Der Grund: Durch die Entflechtung steigt für die Industrieunternehmen die Gefahr, übernommen zu werden. Vor Übernahmen schützt aber ein hoher Aktienkurs. «Deshalb steigt mit der Entflechtung der Anreiz, sich dezidiert aktionärsorientiert zu verhalten», so Höpner. Wenn die Unternehmen aber noch mehr gezwungen seien, auf ihren Aktienkurs zu achten, würden sie sich bemühen, noch profitabler zu werden «und das geschieht häufig durch Ausdünnung der Belegschaften und Verkauf oder Schließung niedrig rentabler Segmente», warnt der Experte.
Heutzutage ist die Allianz die wichtigste Eignerin industrieller Aktienpakete. Damit ersetzt sie aber nicht die Deutsche Bank, wie das Max-Planck-Institut erklärt. Der Versicherungskonzern will mit seinen Aktienpaketen nämlich in erster Linie nicht Einfluss auf die Industrieunternehmen nehmen er sei vielmehr ein passiverer Anleger, der eher einem Investmentfonds ähnelt.
In der Praxis beobachtet der Fachmann aber, dass beispielsweise viele Aufsichtsratsvorsitze, die nach dem Abzug der Banken frei wurden, von ehemaligen Spitzenmanagern derselben Unternehmen eingenommen wurden. «Das ist das Gegenteil von unabhängiger Überwachung.» Das Problem der unkontrollierten Managermacht sei aber kein spezifisch deutsches, betont Höpner: «Erinnern wir uns an Enron und Parmalat: Diese Skandale waren nur möglich, weil die Manager nicht ausreichend kontrolliert wurden. Den Königsweg hat noch niemand gefunden.»

