14. Jun 2006 15:41
Russland plant das erste Atomkraftwerk vor der sibirischen Küste. Ein «schwimmendes Tschernobyl» werde es nicht, beruhigt Moskau - doch Umweltschützer widersprechen.
Russland beginnt im kommenden Jahr mit dem Bau des ersten schwimmenden Kernkraftwerks am Nordpolarmeer. Zwei Kleinreaktoren mit insgesamt 70 Megawatt Leistungen sollen im Hafen von Sewerodwinsk im Norden Russlands auf einer 140 Meter langen Plattform montiert werden, wie die Nachrichtenagentur Itar-Tass berichtete.Der russische Kraftwerksbetreiber Rosenergoatom und die Militärwerft Sewmasch unterzeichneten am Mittwoch den Vertrag über die erste 9,1 Milliarden Rubel (267 Millionen Euro) teure Anlage, die im Oktober 2010 in Betrieb gehen soll. Sie soll die Schiffsbauwerft mit Strom und Heizwärme versorgen und knapp 40 Jahre in Betrieb sein. Die Anlage macht sich nach Berechnungen russischer Fachleute in etwa zwölf Jahren bezahlt.
Der Leiter der russischen Atomaufsicht, Sergej Kirijenko, wies Bedenken hinsichtlich der Sicherheit des Reaktors zurück. Es werde «kein schwimmendes Tschernobyl» werden. Auch sei das Firmengelände von Sewmasch ausreichend gesichert. Die norwegische Umweltschutz-Organisation Bellona übte heftige Kritik an dem Vorhaben: Schwimmende Atomkraftwerke seien vom Prinzip her unsicher, sagte Bellona-Sprecher Charles Digges. Der Chef von Rosenergoatom, Sergej Obosow, sagte indes, schwimmende Atomkraftwerke seien eine ideale Lösung für viel Orte am Polarkreis. Die Behörden prüften derzeit elf weitere Standorte. Zukünftig sollen die schwimmenden Atomanlagen an der Nordküste Sibiriens, an der Halbinsel Kamtschatka und im Fernen Osten Russlands eingesetzt werden.
Die russische Regierung bemüht sich derzeit um einen deutlichen Ausbau der Kernkraft. Zurzeit sind in Russland 31 Reaktoren in Betrieb, die rund 17 Prozent des Strombedarfs des Landes decken. Präsident Wladimir Putin will die Quote auf 25 Prozent anheben. (nz)