netzeitung.deDahab: «Sie treffen uns mitten ins Herz»

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Friedensdemo nach Anschlägen in Dahab (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Friedensdemo nach Anschlägen in Dahab
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Den Tourismus als Geldbringer für die Menschen in Dahab wollten die Terroristen mit ihren Anschlägen treffen. Obwohl die Stimmung bedrückend ist, entdeckt Netzeitungs-Mitarbeiterin Michaela Duhr erste Hoffnungsschimmer.

Von Michaela Duhr, Dahab

Ein junger Ägypter steht vor einem Restaurant an der Strandpromenade in Dahab auf der Halbinsel Sinai. Sein Blick ist starr. «Ich war auf der Brücke als es geschah... die erste Bombe explodierte, ich rannte in die andere Richtung ... , dann explodierte die zweite Bombe», stammelt er in abgehackten Sätzen.

Seine Frau war bei ihm, als die Bomben hochgingen. Sie kann nicht mehr aufhören zu weinen. «Ja, ich habe überlebt ... aber was ich gesehen habe...» Mit tränengefüllten Augen will der Mann weiter sprechen - aber er kann nicht.

Insgesamt detonierten an dem Montag drei Sprengsätze und töteten mehr als 20 Menschen.

Tage danach ist die Stimmung in Dahab bedrückend. Vor den Bomben herrschte reges Treiben in dem ägyptischen Badeort am Roten Meer. Doch der für seine harmonische und friedvolle Atmosphäre beliebte Ort im Osten der Sinai-Halbinsel steht nach den Anschlägen unter Schock. In den Gesichtern der Menschen spiegeln sich Fassungslosigkeit, Wut und Trauer.

Auf der Strandpromenade sind jetzt nur wenige Touristen zu sehen, stattdessen zeigen Polizei und Militär Präsenz. Die Behörden treiben die Aufräumarbeiten voran. Die Spuren sollen schnell beseitigt werden - doch das Entsetzen sitzt tief.

Kerzen für die Opfer
Die kleine Holzbrücke erlangte durch den Anschlag traurige Berühmtheit: Ihr Bild ging in wenigen Tagen um die Welt. Hier sind die meisten Opfer zu beklagen. Entlang der Strandpromenade säumen Kerzen den Weg zur Brücke. Am Mittwoch stellten anliegende Restaurant- und Ladenbesitzer in Erinnerung an die Toten nacheinander die Kerzen auf und entzündeten sie - zur gleichen Uhrzeit wie der, als am Montag die Bomben explodierten.

Um der Ohnmacht und der Hilflosigkeit zu entfliehen, kommt es immer wieder zu solchen spontanen Aktionen. Am Donnerstagmittag versammelten sich bei sengender Hitze mehrere Dutzend Taucher der umliegenden Tauchcenter vor der Brücke, um gegen den Anschlag zu protestieren. «Es ist besser etwas zu tun. Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen», sagt Amir, ein junger Tauchlehrer aus Kairo.
«Wir werden alles wieder aufbauen»
Bereits am Dienstag hatten mehrere Hundert Menschen gegen den Anschlag demonstriert - Einheimische, Touristen und in Dahab ansässige Ausländer, die ihren Unterhalt als Tauch- oder Yogalehrer oder mit einem kleinen Souvenirladen verdienen. «Kein Blut, kein Terror, wir wollen Frieden», steht auf einem eilig bemalten Laken in englischer und arabischer Sprache. «Ihr wollt uns zerstören. Doch wir werden alles wieder aufbauen - noch schöner und noch größer», heißt es auf einem anderen.

Informationen über die Hintergründe und die Attentäter fließen nur spärlich. Die Behörden halten sich zurück: «So war es auch nach den Attacken in Taba und Sharm el Sheik», sagte ein 25-jähriger Angestellter eines Tauchcenters. «Und wenn sie etwas sagen, wissen wir nicht, ob es die Wahrheit ist», fügt er resigniert hinzu. Nach den jüngsten Aussagen des ägyptischen Innenministers Habib el-Adly sollen für die Attacken in Dahab sowie für die beiden Selbstmordanschläge im Norden und die drei schweren Bombenanschläge in den Jahren davor radikale Beduinen aus dem Norden Sinais verantwortlich sein. Sie würden gegen die Regierung rebellieren.

Die Einheimischen sind wortkarg
Aber auch die Einheimischen selbst zeigen sich wortkarg. Sie sagen nur wenig und beruhigen stattdessen: «Es kann überall passieren». Sie fürchten, dass die Touristen die Region meiden werden. Der Tourismus ist für die meisten einzige wirtschaftliche Grundlage und somit ihre einzige Existenz. «Sie treffen uns mitten ins Herz», sagte der Besitzer eines Camps am Meer. «Sie treffen vor allem die Ärmsten unter uns.» Es werde lange dauern, bis sich der Ort davon erholt habe und die Touristen zurückkehren, fürchtet er.

«Sie wollen den Tourismus hier zerstören und die Regierung schwächen», glaubt auch Said, der ein Tauchcenter an der Strandpromenade betreibt. Doch nicht alle Touristen reisen ab. Manche bleiben, weil sie seit Jahren immer wieder zurückkommen. «Ich tauche seit vielen Jahren hier. Ich liebe diesen Ort und die Menschen. Sie brauchen jetzt unsere Unterstützung», sagt eine schwedische Touristin.

Auch Said hat an diesem Tag eine gute Nachricht: Freunde aus Großbritannien hätten ihre Pläne geändert. Sie wollten ihren Tauchurlaub eigentlich im nahe gelegenen Nuweiba verbringen. Jetzt aber wollen sie nach Dahab kommen; jetzt erst recht.