netzeitung.deTrichets erster Zinsschritt

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V.l.n.r.: IWF-Chef Rodrigo Rato, Dresdner-Bank-Vorstandsvorsitzender Herbert Walter und ERZ-Präsident Jean-Claude Trichet (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe V.l.n.r.: IWF-Chef Rodrigo Rato, Dresdner-Bank-Vorstandsvorsitzender Herbert Walter und ERZ-Präsident Jean-Claude Trichet
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Seit über zwei Jahren ist EZB-Präsident Trichet schon im Amt und hat noch nicht von seinem wichtigsten Instrument Gebrauch gemacht. Jetzt düpiert er damit allerdings IWF-Chef Rato.

Notenbanker drücken sich nur selten klar aus. Der scheidende Fed-Chef Alan Greenspan gilt als Meister in dieser Disziplin «Ich weiß, dass Sie glauben, Sie verstehen das, was Sie denken, das ich gesagt habe, aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen dabei klar ist, dass das, was Sie da gehört haben, nicht das ist, was ich meinte», sagte er einmal auf einer Pressekonferenz zu Journalisten – und meinte das nicht so lustig, wie es klingt.

Auch Jean-Claude Trichet, seit November 2003 an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB), tat sich bislang mit eher unklaren Äußerungen hervor. Dann kam die Überraschung am Freitag: «Bereit» sei der EZB-Rat, die Zinsen anzuheben, plauderte er ziemlich offen auf einem wichtigen Bankenkongress in Frankfurt am Main. Dass es sich um eine «moderate» Anhebung handeln wird, musste die Zentralbank später klar stellen: Journalisten verschiedener Agenturen hatten das Trichet-Zitat mit etwas unterschiedlichem Wortlaut wiedergegeben.

Überraschung in Frankfurt
Überraschend kommt die Ankündigung der Zinswende – seit Juni 2003 verfolgt die EZB eine absolute Niedrigzinspolitik, der wichtigste Refinanzierungssatz beträgt 2,0 Prozent – für viele Analysten: Die Mehrheit rechnete nicht mehr in diesem Jahr damit. Jetzt gehen die meisten Experten davon aus, dass der Leitzins bei den nächsten Sitzung des EZB-Rates am 1. Dezember um 25 Basispunkte auf dann 2,25 Prozent steigt.

Das ist aber noch immer vergleichsweise niedrig: In den USA liegt der Satz inzwischen bei 4,0 Prozent, Greenspan und auch sein designierter Nachfolger Ben Bernanke wollen den Kurs einer schrittweisen Erhöhung fortsetzen. Das hatte zuletzt der europäischen und speziell der deutschen Exportwirtschaft Auftrieb gegeben: Die höheren Zinsen machen Anlagen im Dollar-Raum attraktiv, die US-Währung legte gegenüber dem Euro deutlich zu, Ausfuhren aus Euroland werden für Käufer außerhalb des Währungsgebietes interessanter.

Teure Energie treibt Inflation
Doch Trichet hat sich nicht an die Interessen der Exportwirtschaft, sondern an die Vorgaben der EZB zu halten – und nach denen gilt Geldwertstabilität als einziges Maß der Geldpolitik. «Unter, aber nahe zwei Prozent» muss die Inflationsrate liegen, damit die Preisstabilität gemäß EZB-Definition als gegeben angesehen wird. Der Zusatz «unter» übrigens stammt aus einer Zeit, in der die Angst vor einer Deflation wie in Japan die Runde machte. In den vergangenen zwei Monaten lag die Jahresteuerung in Euroland aber mit 2,5 und 2,6 Prozent deutlich über der Zielmarke – die Zentralbank war quasi zum Handeln gezwungen.

Unklar ist, warum Trichet den Schritt so überraschend ankündigte. Zwar reagierten die Märkte heftig und wie zu erwarten – Aktienkurse runter, Euro rauf. Doch legte sich die Aufregung an den Finanzmärkten rasch. Die neue Bundesregierung hat möglicherweise länger daran zu knabbern. Denn die höheren Zinsen bremsen tendenziell den von der Großen Koalition erhofften Investitionsschub im kommenden Jahr, bevor die Mehrwertsteuer Anfang 2007 steigt.

IWF-Chef düpiert
Persönlich düpiert muss sich der designierte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) dennoch nicht fühlen – eher schon Rodrigo Rato, der Präsident des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der hatte sich am Vormittag mit Trichet getroffen und war hinterher vor die Journalisten getreten – nur um zu sagen, was er und andere IWF-Vertreter die zurückliegenden Monate so oder ähnlich schon mehrfach gesagt hatten: «Die geldpolitischen Bedingungen stützen das Wachstum in der Eurozone», so der Spanier Rato. «Die Schwäche der Erholung der europäischen Wirtschaft ist nicht verknüpft mit den geldpolitischen Bedingungen.» Der Leitzins sei «angemessen».

Nur wenige Stunden später nahm EZB-Chef Trichet für eine Diskussionsrunde auf dem Podium beim European Banking Kongress in Frankfurt Platz – sichtlich nervös, wie Beobachter notierten. Erleichtert schien er demnach erst, als die Nachricht heraus war: Abgelesen von einem Zettel mit handschriftlichen Notizen und eingeführt von Herbert Walter, Vorstandschef der zum Allianz-Konzern

gehörenden Dresdner Bank.
Droht Trichet Ärger?
Es soll vorkommen, dass Menschen bei einer Premiere nervös sind. Schließlich ist es der erste Zinsschritt Trichets, fast genau zwei Jahre nach seinem Amtsantritt. Möglicherweise wollte er nur seinen Ärger loswerden, Ärger über die jüngsten Versuche der Politik, den Kurs der Notenbank zu Gunsten weiter niedriger Zinsen zu beeinflussen. Vielleicht ist Trichet den Ärger aber dennoch nicht los: Wer weiß, wie der düpierte IWF-Chef Rato bei der nächsten Begegnung der beiden reagiert.

Für das Web ediert von Kai Makus