US-Arbeiterbewegung tief gespalten
26. Jul 2005 16:18
 |  AFL-CIO-Chef John Sweeney (r.) | Foto: AP |
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Wieder einmal steht die Gewerkschaftsbewegung in den USA vor einer Aufspaltung: Im Dachverband AFL-CIO gibt es Streit, wie den Herausforderungen der Globalisierung begegnet werden kann.
Von Kai MakusAusgerechnet zum Jubiläum. Den Delegierten der US-Dachgewerkschaft AFL-CIO dürfte schon vorher klar gewesen sein, dass es zum 50-jährigen Bestehen der Organisation auf dem Kongress in Chicago keine Jubelfeier geben wird. Am Montagabend wurde aus Sorge Gewissheit: Die Teilgewerkschaften Service Employees International Union (SEIU) und Teamster kündigten ihren lang erwarteten Austritt aus dem Dachverband an. Sie wollen eine neue Organisation aufbauen.
Die US-Arbeiterbewegung steht damit vor der tiefsten Spaltung seit der Großen Depression Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wie schon damals bildet der Wandel der Wirtschafts- und Arbeitswelt den Hintergrund für die Risse in der Arbeiterbewegung. 1935 wurde der Congress of Industrial Organization (CIO) ins Leben gerufen – explizit als Alternative zur seit 1886 bestehenden American Federation of Labor (AFL).
Die CIO ist ein Kind des Fordismus
In der neuen Gewerkschaft CIO hatten sich die – meist ungelernten – Beschäftigten des Wirtschaftszweigs zusammengefunden, der gerade erst die gesamten Produktionsbedingungen revolutioniert hatte: die Autoindustrie mit der von Henry Ford entwickelten Fließbandarbeit. Erst als sich die USA nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr zu einer Dienstleistungsgesellschaft weiter entwickelten, ging der CIO-Einfluss zurück. 1955 schlossen sich die beiden Gewerkschaften zum neuen Dachverband AFL-CIO zusammen.Dieser Wandel in den Produktionsbedingungen ist auch der Grund für die neuerliche Abspaltung. Denn in der SEIU und der Teamster-Gewerkschaft finden sich vor allem die Beschäftigten der Dienstleistungsbranche. Der Verfall der US-Industrie ist einer der Gründe dafür, dass immer weniger Gewerkschaftsmitglieder den klassischen Arbeiterberufen entstammen. Zuletzt konnte AFL-CIO zwar die Mitgliederzahl mit rund 13 Millionen annähernd stabil halten. Zuwächse gab es aber meist aus Service-Berufen. Insgesamt ein Viertel der Mitglieder geht der Dachorganisation durch die Abspaltung verloren.
Organisationsgrad sinkt
Anlass für die Trennung ist ein Streit um die künftige Strategie, bei dem neue Formen des Arbeitens im Rahmen der Globalisierung eine wichtige Rolle spielen. So hatten SEIU-Vorsitzender Andrew Stern und Teamster-Chef James Hoffa stets gedrängt, mehr Mittel für die Werbung neuer Mitglieder aufzuwenden. Der Organisationsgrad ist seit Jahren rückläufig: Zuletzt waren nur noch knapp 13 Prozent der Arbeitnehmer in den USA Mitglied einer Gewerkschaft. 1984 war es noch fast jeder fünfte Beschäftigte gewesen.AFL-CIO-Vorsitzender John Sweeney meint allerdings, alles für die Werbung neuer Mitglieder getan zu haben. Er stellt sich auf dem Gewerkschaftskongress erneut zur Wiederwahl. Nachdem er den Posten 1995 als Hoffnungsträger angetreten hatte, steht er jetzt allerdings vor einem Scherbenhaufen - zumal weitere Teilgewerkschaften wie Unite Here, die Beschäftigte aus der Textilbranche und der Hotellerie umfasst, und die Bauarbeitergewerkschaft Laborer's International Union of North America ebenfalls mit dem Rückzug aus der AFL-CIO drohen. Gleiches gilt für die United Food and Commercial Workers International Union, in der Mitarbeiter aus Lebensmittel- und Einzelhandelsbranche organisiert sind.
Erfolgloser Kampf gegen Wal-Mart
Sweeney konnte mit seiner Parole, angesichts der fortschreitenden Globalisierung eine Erosion der Löhne ebenso wie die Verlagerung vor allem industrieller Arbeitsplätze an Billig-Standorte verhindern zu wollen, offenbar nicht überzeugen. Der Gewerkschaftsstreit dreht sich eben nicht nur um Inhalte, sondern auch um die Formen der Arbeiterbewegung. Beispielhaft sind die fortgesetzt erfolglosen Versuche des Dachverbandes, in der Belegschaft des weltgrößten Einzelhandelskonzerns Wal-Mart, der größter privater Arbeitgeber in den USA ist, Fuß zu fassen. Zugleich tauscht das Unternehmen jedes Jahr fast die Hälfte der Mitarbeiter aus – was eine gewerkschaftliche Organisation erheblich erschwert.
Rückzugsgefechte im Norden
Sweeney Kontrahenten Stern und Hoffa setzen daher auf andere Ansätze neben der klassischen Mitarbeiter-Werbung. Sie gingen Wal-Mart bereits mehrfach mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen an, die das Unternehmen als gewerkschaftsfeindlich erschienen ließen und die Arbeitsbedingungen im Unternehmen als menschenunwürdig anprangerten. Den Trick hat sich die deutsche Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit ihrem «Schwarzbuch Lidl» abgeguckt.Sweeney hingegen ließ insbesondere in der Autoindustrie im Norden des Landes, der Hochburg der organisierten Industriearbeiterschaft, eine Art Rückzugsgefecht führen. Sowohl bei General Motors als auch bei Ford wurden Abstriche an den Beiträgen zur Krankenversicherung der Mitarbeiter schlichtweg abgelehnt – was den Konzernen mit dem Kostenargument Gelegenheit gibt, die Belegschaft weiter zu reduzieren und möglichst in den Süden der USA zu verlagern. In den dortigen, eher jungen Automobil- und Zuliefererwerken gibt es kaum Gewerkschaftsmitglieder. Dadurch wurde der Druck so hoch, dass die Auto-Teilgewerkschaft UAW letztlich klein beigeben musste.
Lachen in den Konzernhauptquartieren
Der AFL-CIO-Vorsitzende setzt zudem auf den zwar zurückgegangenen, aber noch immer starken Einfluss des Gewerkschaftsverbandes auf die Politik in Washington: Die Demokratische Partei rekrutiert eine große Zahl ihrer Funktionäre aus der Gewerkschaftsbewegung und bezieht auch hohe Summen von der Organisation. Die Dissidenten Stern und Hoffa wollen sich hingegen stärker von den Demokraten emanzipieren.Der Partei – nach der Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush noch immer in der Opposition – schwant angesichts der Spaltung der Gewerkschaft Böses: Ihr Senator Richard Durbin aus Illinois beschwor zum Auftakt des Gewerkschaftskongresses noch einmal Einigkeit – vergeblich. Sein Appell verhallte ungehört: «Es gibt eine Menge von Leuten in den Konzernhauptquartieren und Regierungsbüros, die heute lächeln», hatte er den Delegierten zum 50. Jahrestag der Gründung zugerufen.