07.05.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Nanospirale
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Internet war gestern. Die neue Technologie, die der deutschen Wirtschaft auf die Sprünge helfen soll, heißt Nanotechnologie und ist der US-Regierung vier Milliarden Dollar wert.
Von Lars Borchert«Immer höher, immer weiter» war gestern. Wenn es um die Erschließung neuer Zukunftsmärkte geht, lautet für viele Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer die neue Devise «immer kleiner, immer schneller». Und sie prophezeien, dass die Menschheit in ein bis zwei Jahrzehnten in ein neues Zeitalter eintreten wird - das Zeitalter der Nanotechnologie.
Nano kommt aus dem Griechischen und heißt auf Deutsch Zwerg. Ein Nanometer ist der millionste Teil eines Millimeters. Zum besseren Verständnis: Der Durchmesser eines Haares ist fünfzigtausend mal größer. Die Anwendungsmöglichkeiten dieser Technologie sind vielfältig: ob in der Energietechnik, im Brennstoff- und Solarzellenbereich, in der Umwelt- oder in der Informationstechnologie aber auch im Gesundheitsbereich.
Traumvorstellungen und HorrorszenarienMediziner träumen bereits von Molekularmaschinen, die im Körper selbst Diagnosen erstellen und anschließend operieren können. Sie sollen Arterien von Ablagerungen befreien oder Krebszellen von innen heraus zerstören. Nano-Kritiker dagegen zeichnen ein Horrorszenario sich selbst replizierender Nano-Roboter, die - ob im Körper oder in der Natur - eine breite Spur der Verwüstung in Form grauer Schmiere hinterlassen, nachdem sie alles Lebende in Nano-Substanzen umgewandelt haben.
Die Realität sieht vor allem technisch aus: Forscher entwickeln derzeit die Grundlagen für immer kleinere Datenspeicher mit immer größerer Speicherkapazität, für Werkstoffe, aus denen sich in der Automobilindustrie ultraleichte Motoren und Karosserieteile fertigen lassen, oder für künstliche Gelenke, die durch organische Nano-Oberflächen für den menschlichen Körper verträglicher sind.
Die neue «New Economy»Angesichts dieser vielfältigen Möglichkeiten versprechen sich Marktbeobachter, dass die Nanotechnologie die nächste «New Economy» wird. Politiker sehen in ihr sogar einen möglichen Antriebsmotor für die lahmende deutsche Konjunktur. So will das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem zufolge Deutschland weltweit zu den Marktführern in der Nanotechnologie gehört, mit der gezielten Förderung «Deutschlands Position als 'Exportweltmeister' durch Entwicklung, Produktion und Anwendung von Nanoprodukten zukunftssicher» machen sowie «zukunftssichere Arbeitsplätze» schaffen.
Unternehmensvertreter sind zwar etwas zurückhaltender bei der Bewertung der aktuellen Situation, betonen aber ebenfalls die großen Chancen für Deutschland, mittels Nanotechnologie weltweit eine Spitzenposition im Hightech-Bereich einzunehmen. So sagte der Deutschlandchef des US-Netzwerkausrüsters Cisco, Andreas Dohmen, unlängst über Deutschlands Zukunftschancen im internationalen Wettbewerb: «Wir müssten die Themen festlegen, in denen wir Weltmeister werden wollen. Für mich ist beispielsweise die Nanotechnologie ein Feld.»
Durchbruch bei InfineonAuch der Halbleiterhersteller Infineon
hat schon seit geraumer Zeit die Vorteile dieser Technologie erkannt und für sich umgesetzt. Erst im Februar gab das Münchener Unternehmen bekannt, seinen Forschern sei ein wichtiger Schritt für die Entwicklung neuartiger Chips gelungen. Erstmals hätten die Wissenschaftler es geschafft, Kohlenstoff-Nanoröhrchen für die Herstellung von leistungsfähigen Halbleitern zu nutzen.
Auf Basis der neuen Erfindung ließen sich schon heute Leuchtdioden an- und abschalten sowie kleine Elektromotoren betreiben. Der Herstellungsprozess sei dabei wesentlich billiger als bei Halbleitern aus Silizium.
Altana kooperiert mit US-NanounternehmenAuch in anderen Ländern hat es in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte in der Nano-Forschung gegeben. So kooperiert der Bad Homburger Pharma- und Spezialchemiekonzern Altana
mit einem der führenden Nano-Unternehmen in den USA. In der Partnerschaft mit der an der Nasdaq notierten Nanophase Technologies will Altana Materialien herstellen, die etwa in Industrie- und Fahrzeuglacken sowie Kunststoffen oder Elektroisolierstoffen eingesetzt werden.
USA: Vier Milliarden Dollar für NanoforschungDie US-Regierung misst dem Geschäft mit der Nanotechnlogie ganz offensichtlich ebenfalls eine besondere Bedeutung bei: Ende vergangenen Jahres sicherte Präsident George W. Bush der Nanoforschung in den kommenden vier Jahren gut 3,6 Milliarden Dollar zu. Damit wird die jährliche Förderung der USA mehr als verdoppelt. Ganz offensichtlich will sich das Land weltweit an die Spitze in diesem Forschungsbereich katapultieren.
Kurz nach der Unterzeichnung des sogenannten National Nanotechnology Acts reagierten die US-Börsen bereits entsprechend euphorisch, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal finanzielle Mittel geflossen waren. Die Aktien der wenigen börsennotierten Nanotech-Firmen schossen nach der Bekanntgabe der Fördersumme in die Höhe.
Deutschland - noch an vorderster FrontDie Preußen schießen unterdessen nicht ganz so schnell. Deutschland befindet sich zwar nach Angaben des BMBF weltweit an vorderster Front - der Förderbetrag betrug 2003 insgesamt 290 Millionen Euro. Mit einer eigentlichen Projektförderung von etwa 100 Millionen Euro pro Jahr hinkt die Bundesrepublik den USA aber deutlich hinterher. EU-weit werden demnach jährlich insgesamt 740 Millionen Euro ausgegeben.
Die Bundesregierung betont indes, wie wichtig diese «Zukunftstechnologie», so Forschungsministerin Edelgard Buhlman (SPD), für sie sei. Inwieweit sich das im kommenden Jahr im Budget der Bundesregierung niederschlagen wird, lasse sich allerdings noch nicht sagen.
Diese finanziellen Unsicherheiten und der neue Vorsprung der USA nähren auch die Sorgen von Wissenschaftlern. Sie befürchten, dass die deutsche Forschung in den kommenden Jahren ihren bisherigen Vorsprung oder gar den Anschluss verlieren könnte.