Weltfinanzgipfel in Washington: 

netzeitung.deSchwellenländer pochen auf mehr Mitsprache

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Brasiliens Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Brasiliens Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva
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Die Finanzkrise hat nicht nur die Börsen in den USA und Europa getroffen, sondern bringt auch China, Indien oder Brasilien ins Trudeln. Die aufstrebenden Länder fordern eine stärkere Beteiligung am Weltfinanzsystem.

Die Stoßrichtung der großen Schwellenländer auf dem Weltfinanzgipfel in Washington dürfte klar sein: Die Wirtschaftsnationen Brasilien, Russland, Indien, China (BRIC), aber auch andere aufstrebende Länder wollen entweder mehr Mitspracherechte bei der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) oder aber ganz neue Strukturen.

In der aktuellen Krise sehen sie sich als Opfer des alten, amerikanisch-europäisch dominierten Finanzsystems. Obwohl die Länder bislang nur wenig in die Weltfinanzmärkte integriert sind, haben die Schockwellen aus den USA auch ihre Börsen abstürzen lassen und die Konjunkturerwartungen drastisch eingedampft.

Für die Schwellenländer gehört es zur schlechten Tradition, dass der Krisengipfel ausgerechnet in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten abgehalten wird, wo das Übel Finanzkrise seinen Anfang nahm. Angeboten hätte sich auch Brasilien, das derzeit den Vorsitz der Finanzminister innerhalb der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) innehat.

Keine Lust mehr auf die Zwergenrolle
«Wir Russen und Chinesen haben so wenig Einfluss, dass wir schon von zwei, drei kleinen europäischen Staaten überstimmt werden können», schimpfte Russlands Finanzminister Alexej Kudrin zu Wochenbeginn auf dem Vorbereitungstreffen der G20 in Sao Paulo. Die neuen Wirtschaftsgiganten wollen nicht mehr länger die Zwergenrolle im Finanztheater spielen. In Sao Paulo forderten die Schwellenländer – unter ihnen auch Mexiko, Südkorea, die Türkei und Südafrika – mehr Einfluss, was bei den Europäern jedoch auf wenig Gegenliebe stieß.

Experten gehen davon aus, dass das Thema Quotenverteilung die Diskussion in Washington beherrschen wird. «Es geht darum, die Finanzarchitektur dem geänderten Gewicht in der Weltwirtschaft anzupassen», sagt Klaus Rohland, Direktor der Weltbank für Russland. Als die Stimmenverteilung beim IWF und der Weltbank festgelegt wurde, besaßen die Schwellenländer kaum wirtschaftlichen Einfluss.

Ein Blick auf die in Krisenzeiten überlebensnotwendigen Währungsreserven zeigt jedoch, wie stark einige der Wirtschaftsnationen aus der zweiten Reihe längst geworden sind. Durch gewaltige Handelsbilanzüberschüsse häufte China als Primus Währungsreserven von knapp zwei Billionen US-Dollar (1,55 Billionen Euro) an. Russland hat als Öl- und Gasexporteur noch immer fast eine halbe Billion Dollar auf der hohen Kante. Die Milliarden zergehen zwar angesichts umfangreicher Rettungspakete wie Butter in der Pfanne. Noch sind die Reserven aber üppig genug, um Ruhe zu bewahren.
Fallende Rohstoffpreise setzen den BRIC-Ländern zu
China kündigte auf dem Asien-Europa-Gipfel Ende Oktober an, «im Rahmen seiner Möglichkeiten» zur Stabilisierung der Weltwirtschaft beitragen zu wollen. Den USA hat das Land schon eine verantwortliche Haltung versprochen. Damit deutete China an, seine mehrere hundert Milliarden US-Dollar in amerikanischen Staatsanleihen nicht abrupt abzuziehen. Das hätte die Krise noch weiter verschärft. Es waren zu einem großen Teil die Chinesen, die in den vergangenen Jahren die amerikanische Wirtschaftspolitik auf Pump ermöglichten.

Die drohende Rezession trifft allerdings auch die Schwellenländer mit aller Härte. Fallende Rohstoffpreise setzen die Wirtschaft in Brasilien und Russland stark unter Druck. Und schon die sinkende Nachfrage im Vorweihnachtsgeschäft verpasst den Konjunkturprognosen in Indien und China nach vielen Erfolgsjahren hässliche Kratzer.

Es bleibt abzuwarten, ob die auf Eigenständigkeit bedachten Schwellenländer sich der Forderung der EU nach schärferer Kontrolle und Reglementierung der Finanzmärkte anschließen werden. In jedem Fall möchten die ehrgeizigen Aufsteiger endlich aus dem Schatten der euro-atlantischen Finanzmärkte hervortreten. So sorgte Russland bereits vor einem Monat mit einem Rettungsangebot an die vor dem Staatsbankrott stehenden Isländer für eine Riesenüberraschung. Zwar ist der Milliardenkredit des Kreml für ein Nato-Mitglied bis heute nicht unter Dach und Fach. Doch die Finanzwelt bekam schon mal einen ersten Eindruck von der sich abzeichnenden neuen Finanzarchitektur. (Stefan Voß, dpa)