Zukunft der Globalisierung:
Indien sieht seine Zukunft in Pharmaforschung
11.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Bernd Schäfer: Die Finanzkrise ist offensichtlich mit eine Ursache dafür, dass Offshore-Provider vor allem in den USA ein rückläufiges Geschäft verzeichnen. Der nordamerikanische Markt weist schon seit einem Jahr nicht mehr das Wachstum von früher auf. Das mag widersprüchlich klingen, aber lässt sich damit erklären, dass die Kunden im Zuge der Krise mit vielen anderen Dingen beschäftigt sind und mögliche Outsourcing-Maßnahmen jetzt gar nicht so schnell umsetzen können.
Europa verbucht dagegen weiter Wachstum. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem die Versicherungsbranche derzeit sehr aktiv. Für mich ist aber noch nicht zwingend erkennbar, ob die Ursache dafür in der Finanzmarktkrise liegt. Es kann auch einfach sein, dass die Versicherer jetzt nachziehen. Die Banken sind da einige Jahre voraus. Dort wurden gerade im IT-Bereich schon vor Jahren Geschäftsprozesse an Dritte abgegeben.
Netzeitung: Erschwert die Finanzkrise Outsourcing generell, weil für solche Maßnahmen eine Finanzierung notwendig ist, die derzeit schwieriger zu bekommen ist?
Netzeitung: Studien zeigen, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Produktion ins Ausland verlagert haben, nach ein paar Jahren wieder zurückkommen. Geben die also einfach nur zu früh auf?
Schäfer: Zunächst einmal sollte man es als ganz normalen Prozess betrachten, dass Geschäftsteile ausgelagert und später wieder zurückgeholt werden. Das ist in den meisten Fällen nicht als Niederlage zu bewerten, diese Unternehmen sind also keine Verlierer. Zudem gibt es bei Outsourcing immer wieder Fälle, in denen von Beginn an festgelegt wurde, dass der abgegebene Geschäftsbereich nach mehreren Jahren zurückgeholt wird etwa wenn es sich um ein fest umrahmtes Projekt handelt.
Aber es mag auch Situationen geben, in denen Unternehmen vorschnell und mit wenig Erfahrung nach Fernost gegangen sind und dann merken, dass das Vorhaben nicht glückt. Womöglich hat man aus Mangel an Marktkenntnis einen ungeeigneten Partner ausgesucht.
Mit der Zeit haben aber auch die Offshore-Provider aus Fehlern gelernt. Gerade bei ausgelagerten laufenden Dienstleistungen also hauptsächlich Wartung wurde erkannt, dass man ausreichend Ressourcen hierzulande braucht, damit die Schnittstelle in Deutschland ist und nicht in Bangalore oder in Neu Delhi.
Netzeitung: Wenn Unternehmen in der Vergangenheit eine Fehlentscheidung bei Outsourcing einräumten, hieß es oft, man habe potenzielle Einsparungen überschätzt oder auftretende Kosten nicht vorher bedacht. Ist die Erkenntnis, dass die tatsächlichen Kostenvorteile geringer sind als vielfach angenommen, inzwischen überall durchgedrungen?
Schäfer: Es gibt auch heute noch Unternehmen, die zu Beginn keinen sauberen Business Case rechnen, und andere, die von vornherein die Gesamtkosten sehen. Denn es schlagen ja nicht nur die Personalkosten von Leuten in Indien zu Buche, sondern man muss dann auch das Managen der Distanz berücksichtigen. Aber es gibt sicher noch genügend Firmen, die die Kalkulation nicht richtig machen, mit einer falschen Erwartungshaltung rangehen und dann die erhofften Einsparungen nicht erzielen. Zudem werden zu einem bestimmten Zeitpunkt Kostenvorteile, die man heute berechnet hat, durch Kostensteigerungen in Offshore-Ländern zumindest teilweise aufgefressen.
Insgesamt ist der Markt aber reifer geworden. Gerade die großen Konzerne haben inzwischen Erfahrung mit Outsourcing. Die haben sich auch genügend Narben geholt hoffentlich an weniger kritischen Stellen, so dass man daraus gelernt hat und heute nicht mehr blauäugig an die Sache herangeht. Heute wissen die Unternehmen auch, dass sie sich besser jemanden mit Expertise dazuholen, um die Risiken zu minimieren.
Netzeitung: Outsourcing bedeutete bisher vor allem die Verlagerung von IT und Fertigung. Experten beobachten aber auch zunehmendes Outsourcing von Forschung und Entwicklung, also Bereichen, die bisher eher am Stammsitz von Unternehmen angesiedelt waren. Sehen Sie diesen Trend auch?
Schäfer: Ja, das wird in den nächsten Jahren auch noch deutlich zunehmen. In der Pharmaindustrie ist man da schon recht weit. Schauen Sie sich nur einmal die Planungen an indischen Universitäten an: Dort wird verstärkt in die Ausbildung von Ingenieuren und von Pharma-Fachleuten investiert. In diesen Feldern wird also das zukünftige Wachstum Indiens gesehen, nicht mehr im IT-Bereich. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich der Forschungszweig entwickelt. In Indien haben wir im IT-Bereich heute zum Teil riesige Firmen mit 100.000 Beschäftigten. Wenn die Inder das in gleicher Weise für Forschung und Entwicklung aufbauen, wird man hier noch große Outsourcing-Vorhaben sehen. In kleinerem Volumen haben auch wir schon Projekte begleitet, zum Beispiel für eine Bank, die ihre Marktforschung nach Indien ausgelagert hat. Das ist eben der Lauf des globalen Wirtschaftssystems im Zusammenspiel mit den heutigen technischen Möglichkeiten. Vor 15 Jahren wäre so etwas noch undenkbar gewesen.
Netzeitung: Was bedeutet eine zunehmende Verlagerung von F&E für den Standort Deutschland? Sehen Sie die Gefahr eines Wissensverlustes?
Schäfer: In Forschung und Entwicklung und in innovativen Technologien sind wir sehr weit vorn. Diese Stärken müssen wir uns erhalten. Sollten die verloren gehen, dann werden wir es schwer haben. Aber Sie müssen nur einmal nach Osteuropa schauen und die jungen Leute dort erleben: Das sind hungrige, gut ausgebildete Menschen mit einer Aufbruchstimmung, wie wir sie in den 60er Jahren in Westeuropa erlebt haben. Andererseits sind die Nearshore-Kapazitäten in Osteuropa begrenzt. In Prag kommt man auf etwa 20.000 bis 30.000 Menschen, die sowohl die fachliche Qualifikation haben als auch mehrere europäische Sprachen sprechen. Wenn man jetzt noch weitere 20 bis 30 solche osteuropäische Standorte hinzunimmt, kommt man auf höchstens etwa eine Million geeignete Fachkräfte. Das wird das westeuropäische Wirtschaftssystem nicht aus den Angeln heben.
Ich glaube aber, dass sich das alles immer mehr vermischen wird. Outsourcing ist ein unternehmerisches Werkzeug, das heute einfach mit dazu gehört und an Normalität gewinnt. Es ist mit Sicherheit nicht das Allheilmittel für jedes Problem und für jedes Unternehmen und auch nicht zu jedem Zeitpunkt. Wir wissen, dass nur etwa 70 Prozent der Überlegungen letztlich überhaupt zu einem Outsourcing-Vertrag führen. Schon in der Analysephase stellt man also bei etwa 30 Prozent fest, dass solche Maßnahmen wenig Sinn ergeben, wenn man das Einsparpotenzial und die Risiken gegenüberstellt. Wegen vier oder fünf Prozent Einsparungen betreibt man den Aufwand nicht.
Netzeitung: Wenn die Globalisierung keine Einbahnstraße sein soll: In welchen Bereichen sehen Sie für Europa und speziell Deutschland Chancen, dass Unternehmen aus Indien oder China Teile hierher outsourcen?
Schäfer: Im Moment kann ich mir schwer vorstellen, warum man aus China etwas in Westeuropa produzieren sollte. Am ehesten wohl noch, um hier näher an dem lokalen Markt zu sein so wie es Autohersteller gemacht haben. Aber das sind eher geschäftsstrategische Erwägungen. Was es aber schon vor zehn Jahren gab und auch weiter geben wird, ist Outsourcing innerhalb Westeuropas. Man denke nur an die Auslagerungswelle nach Irland, als dort Kundenservice-Center und Call Center aufgebaut wurden. So etwas wird es innerhalb Europas auch in Zukunft geben. Aber auch in Asien ist Outsourcing inzwischen Thema: Indische Provider haben schon nach China und Südamerika ausgelagert.
Bernd Schäfer ist Managing Director von TPI Deutschland. TPI ist ein internationales Unternehmen, das Firmen bei der Umgestaltung von Geschäftsprozessen berät. Dazu gehört auch das Outsourcen von Abläufen. Mit Bernd Schäfer sprach Matthias Breitinger.

