Weltbevölkerung:
Es geht um mehr als «Tank oder Teller»
Noch schlimmer trifft es aber die wirklich Hungernden in Ägypten, Mexiko oder Bangladesch, wo Menschen fast ihr gesamtes Geld für Lebensmittel ausgeben müssen. Da sind Preisanstiege eine Verdopplung beim in Bangladesch wichtigsten Nahrungsmittel Reis binnen eines Jahres nicht zu verkraften. Die mexikanische Tortilla-Krise ist schon sprichwörtlich: Der Boom auf dem Maismarkt trieb den Preis fürs Korn in ungekannte Höhen und verteuerte damit auch die Maisfladen, das Grundnahrungsmittel in Mexiko, so sehr, dass Hunderttausende aus Wut und Angst auf die Straßen gingen.
Der Schuldige der Krise ist längst ausgemacht: Biosprit. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie der Weltbank, die den massiven Ausbau der Biotreibstoff-Produktion als den «wichtigsten» Grund für die enorme Verteuerung der Nahrungsmittel ausgemacht hat. Mexiko beispielsweise importiert seit einigen Jahren ein Viertel seines Maisbedarfs aus den USA eine Folge der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta. Damals entschieden sich neoliberale Regierungen in Mexiko, billigeren US-Mais einzuführen. Jetzt behalten die Amerikaner ihren Mais aber lieber und verwenden immer größere Mengen davon, um Bioethanol herzustellen. Deshalb landete erheblich weniger US-Mais auf dem Weltmarkt als früher.
Hilfsorganisationen und Umweltschützer fordern ein radikales Umdenken: Die Subventionen, Steueranreize oder Mindestwerte für die Beimischung von Biotreibstoffen müssten sofort gestoppt werden. Naidoo stellte den Sinn von Biosprit überhaupt in Frage: «Mit gegenwärtigen Technologien braucht es zehn Einheiten Energie, um elf Einheiten Biotreibstoff zu erzeugen.»
Dazu zählt, die lokalen Märkte zu stärken. «Europa und die USA haben die Entwicklungsländer jahrelang gedrängt, Futtermittel für den Export statt Lebensmittel für den eigenen Bedarf zu produzieren», kritisierten Jürgen Trittin und Thilo Hoppe von den Grünen anlässlich des G8-Gipfels. «Gleichzeitig haben sie ihre eigenen Märkte vor allem für weiterverarbeitete Agrarprodukte aus Entwicklungsländern abgeschottet.»
Trittin und Hoppe fordern, mehr in die ländliche Entwicklung, die kleinbäuerliche Landwirtschaft und die Eigenversorgung im Süden zu investieren. Auch der Weltagrarrat fordert eine Reform des Agrarhandels, die die Situation von Kleinbauern verbessert. In ihrem im April veröffentlichten Report zur Welternährung geht der Agrarrat mit der industriellen Landwirtschaft scharf ins Gericht und verlangt die Förderung von Anbaumethoden, die den ökologischen und sozialen Bedingungen der jeweiligen Region angepasst sind.
Weltbank, aber auch die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) sehen in den hohen Agrarpreisen aber auch Chancen für die Landwirte in den Entwicklungsländern. 75 Prozent der Armen lebten auf dem Land, erklärte die Weltbank. Die meisten von ihnen seien in der Landwirtschaft beschäftigt. Die hohen Preise für Reis, Soja oder Mais seien für sie eine nie da gewesene Chance, der Armut zu entkommen. Ähnlich äußerte sich die FAO. Auch Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sagte, der Preisanstieg sei «eine Chance für die Bauern».
Für das Web ediert von Matthias Breitinger

