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Weltbevölkerung: 

Es geht um mehr als «Tank oder Teller»

10. Jul 2008 15:11
Reisbauer in China
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Die G8-Staaten wollen im Kampf gegen die Nahrungskrise die Biosprit-Produktion zügeln. Hilfsorganisationen geht das nicht weit genug. Andere wiederum sehen in den hohen Preisen sogar eine «Chance» für Bauern in den Entwicklungsländern.

Es gab eine kurze Zeit – wenige Tage – da konnte, wer beispielsweise bei Aldi oder Lidl einkaufte, spüren, was es heißt, Lebensmittel nicht zu bekommen: die Regale, in denen sonst kartonweise H-Milchtüten stehen, waren verwaist. Leergeräumt. Doch sonst ist die Lebensmittelkrise für den Durchschnittsdeutschen weit weg, die Supermärkte sind voll, von Rationierung keine Spur.

Nun ist das auch in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern – wenn sie nicht gerade zu den Ärmsten der Armen zählen – nicht viel anders. Nur: Man muss sich die Nahrungsmittel auch leisten können. Davon können natürlich auch hierzulande diejenigen berichten, die jeden Cent zusammenkratzen müssen und sich bei den bundesweit rund 800 «Tafeln» in die Schlange stehen, wo gespendete Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden.

Noch schlimmer trifft es aber die wirklich Hungernden in Ägypten, Mexiko oder Bangladesch, wo Menschen fast ihr gesamtes Geld für Lebensmittel ausgeben müssen. Da sind Preisanstiege – eine Verdopplung beim in Bangladesch wichtigsten Nahrungsmittel Reis binnen eines Jahres – nicht zu verkraften. Die mexikanische Tortilla-Krise ist schon sprichwörtlich: Der Boom auf dem Maismarkt trieb den Preis fürs Korn in ungekannte Höhen und verteuerte damit auch die Maisfladen, das Grundnahrungsmittel in Mexiko, so sehr, dass Hunderttausende aus Wut und Angst auf die Straßen gingen.

Der Schuldige der Krise ist längst ausgemacht: Biosprit. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie der Weltbank, die den massiven Ausbau der Biotreibstoff-Produktion als den «wichtigsten» Grund für die enorme Verteuerung der Nahrungsmittel ausgemacht hat. Mexiko beispielsweise importiert seit einigen Jahren ein Viertel seines Maisbedarfs aus den USA – eine Folge der nordamerikanischen Freihandelszone Nafta. Damals entschieden sich neoliberale Regierungen in Mexiko, billigeren US-Mais einzuführen. Jetzt behalten die Amerikaner ihren Mais aber lieber und verwenden immer größere Mengen davon, um Bioethanol herzustellen. Deshalb landete erheblich weniger US-Mais auf dem Weltmarkt als früher.

Teller oder Tank?

Inzwischen haben auch die in der G8 zusammengeschlossenen Industrieländer das Problem erkannt. Auf ihrer Konferenz in dieser Woche in Japan beschlossen die Staats- und Regierungschefs der G8, die «gegenseitige Verträglichkeit» der Produktion von Biotreibstoffen und Nahrungsmitteln zu sichern. Das Ziel: Biosprit soll künftig verstärkt aus nicht essbaren Materialien oder Biomasse gewonnen werden.

Das geht Hilfsorganisationen nicht weit genug. Oxfam-Sprecher Max Lawson kritisiert die Ankündigung der G8 als «schwache Stellungnahme». Agrotreibstoffe hätten «rund 30 Millionen Menschen in den Hunger getrieben und weiteren 260 Millionen die Nahrung unsicher gemacht», kritisierte ActionAid. Laut Kumi Naidoo vom Global Call to Action Against Poverty (GCAP) ist die Biosprit-Herstellung sogar schon in Afrika angekommen: In Mosambik und Sambia würden große Flächen «zweckentfremdet». Die Nahrungskrise werde dadurch nur noch verschärft. Die Welthungerhilfe fordert, den Import von Biokraftstoffen aus Entwicklungsländern auszusetzen und zu überdenken.

Hilfsorganisationen und Umweltschützer fordern ein radikales Umdenken: Die Subventionen, Steueranreize oder Mindestwerte für die Beimischung von Biotreibstoffen müssten sofort gestoppt werden. Naidoo stellte den Sinn von Biosprit überhaupt in Frage: «Mit gegenwärtigen Technologien braucht es zehn Einheiten Energie, um elf Einheiten Biotreibstoff zu erzeugen.»

Eine «Chance für die Bauern»

Doch damit nicht genug. Hilfsorganisationen fordern bereits seit langem, in den Entwicklungs- und Schwellenländern die eigene Landwirtschaft wieder zu stärken. «Ohne Zweifel muss akut Hungernden schnell geholfen werden», meint etwa Ulrich Post, Entwicklungsexperte der Welthungerhilfe. «Aber wenn nicht an den strukturellen Ursachen gearbeitet wird, reichen die angekündigten Maßnahmen (der G8) nur von der Hand in den Mund.»

Dazu zählt, die lokalen Märkte zu stärken. «Europa und die USA haben die Entwicklungsländer jahrelang gedrängt, Futtermittel für den Export statt Lebensmittel für den eigenen Bedarf zu produzieren», kritisierten Jürgen Trittin und Thilo Hoppe von den Grünen anlässlich des G8-Gipfels. «Gleichzeitig haben sie ihre eigenen Märkte vor allem für weiterverarbeitete Agrarprodukte aus Entwicklungsländern abgeschottet.»

Trittin und Hoppe fordern, mehr in die ländliche Entwicklung, die kleinbäuerliche Landwirtschaft und die Eigenversorgung im Süden zu investieren. Auch der Weltagrarrat fordert eine Reform des Agrarhandels, die die Situation von Kleinbauern verbessert. In ihrem im April veröffentlichten Report zur Welternährung geht der Agrarrat mit der industriellen Landwirtschaft scharf ins Gericht und verlangt die Förderung von Anbaumethoden, die den ökologischen und sozialen Bedingungen der jeweiligen Region angepasst sind.

Weltbank, aber auch die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) sehen in den hohen Agrarpreisen aber auch Chancen für die Landwirte in den Entwicklungsländern. 75 Prozent der Armen lebten auf dem Land, erklärte die Weltbank. Die meisten von ihnen seien in der Landwirtschaft beschäftigt. Die hohen Preise für Reis, Soja oder Mais seien für sie eine nie da gewesene Chance, der Armut zu entkommen. Ähnlich äußerte sich die FAO. Auch Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sagte, der Preisanstieg sei «eine Chance für die Bauern».

 
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