Hart aber herzlich: Wenn Pflege zum Beruf wird
29. Jan 2008 14:55
 |  Der Azubi Robert | Foto: Olaf Schlippe |
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Es hängt von der Praktikumstelle ab, wie gut oder wie schlecht ein Altenpfleger ausgebildet ist, sagt eine Tagesdienstleiterin - und davon, mit wie viel Herz Azubis an ihre Arbeit gehen, findet
Olaf Schlippe.
Robert hat keine Angst. Insulin spritzen kann er im dritten Lehrjahr bereits wie eine Fachkraft. Er klopft an, wartet das «Herein» ab und schließt die Tür auf. Im Zimmer wartet Frau Wolf. Sie kennen sich, kommt er doch täglich bis zu dreimal, eine halbe Stunde vor dem Essen. Robert hat alles bei: das bewohnereigene Blutzuckermessgerät, Desinfizierspray, Wattetabs, Spritze, Pen und Insulin. Routiniert steckt er den Sensor in das Messgerät, desinfiziert eine der Fingerspitzen und piekst diese mit dem Pen. «Schauen wir mal, was der Wert sagt», meint er, während er der Seniorin einen Wattetupfer reicht. Das Gerät zeigt 169. Robert schaut in seine Tabelle und weiß, er muss vier Einheiten Insulin spritzen, «wenn der Arzt es nicht anderes entschieden hat.»Vom Lehrwissen des Azubis aus Velten profitiert auch das übrige Personal im Senioren-Wohnpark Hennigsdorf. Wurde früher rund um den Bauchnabel gespritzt, geschieht diese heute nur noch unterhalb, können sie von Robert lernen. Neu ist auch eine Methode zur Bestimmung von Stellen, unter denen sich keine Nerven verbergen. Dazu spreizt Robert Daumen und Zeigefinger und berechnet so die Mitte zwischen Beckenunterkante und Kniescheibe. «Dann noch ein kleines Stück zurück», sagt er, «bis zur Hosennaht». Das ist wichtig, denn eine Impfung tut sonst richtig weh. In seiner Lehrausbildung hat er diese Stellen an einer Puppe und sich selbst ermittelt, an Orangen und Eisbeinen Spritzen geübt. Erst nach gründlicher Anleitung und Ausbildung darf er als Azubi auch Behandlungspflegen durchführen. Mit Erfolg - Frau Wolf hat keine Schmerzen und macht sich auf den Weg zum Essen.
Er wollte Tischler werden
Robert wurde der Beruf Altenpfleger zwar fast in die Wiege gelegt - auch seine Mutter ist in diesem Bereich tätig – doch eigentlich wollte er Tischler werden. Aber die Lehre brach er ab, die Arbeit und die Kollegen behagten ihm nicht, eine Ersatzstelle war nicht zu finden. Daher zog er seinen Zivildienst vor. Bei der Caritas in Velten half er in der Hauswirtschaft und im Pflegebereich. Ein wenig überraschte es ihn selbst, als er merkte: «Das ist etwas für mich.» Es machte ihm Spaß, mit Menschen zusammen zu arbeiten und gerade auch ältere Menschen in ihren letzten Jahren zu begleiten, «damit sie das Gefühl haben, sie sind nicht allein. Uns kann das später auch so gehen», sagt er. An die mitunter unangenehmen Gerüche hat er sich gewöhnt. Sie nimmt er nur noch wahr, wenn er nach einigen Wochen Schule wieder zur praktischen Ausbildung zurückkehrt. Robert: «Die Person selbst kann doch nichts dafür.»Es hängt von der Praktikumstelle ab, wie gut oder wie schlecht ein Altenpfleger ausgebildet ist, glaubt Tagesdienstleiterin Esterlina Espina-Bombitzky. Sie kennt ausgebildete Altenpfleger, die können nicht einmal spritzen. In Heimen gilt gewöhnlich das Hausarzt-Prinzip, ein Arzt ist frei wählbar und nicht zwingend vorhanden. Der Heimarzt – eine wünschenswerte Vorstellung, nicht nur für die Ausbildung. Zu ihrer Lehrzeit vor 15 Jahren, sagt Espina-Bombitzky, sei ein Arzt in die Schule gekommen um Spritzen zu zeigen. Nach gegenseitigem Üben galt es anschließend eine Prüfung zu bestehen. In den beiden ersten Theoriejahren gab es jeweils ein 14-Tage- Praktikum. Das dritte Jahr beinhaltete dagegen nur praktische Ausbildung.
Einheitliche Ausbildung
Seit 2003 wird in Deutschland einheitlich ausgebildet. Zuvor konnte jedes Bundesland selbst entscheiden, welche Lernfelder zu absolvieren waren. Robert besucht die Schule im brandenburgischen Selbelang, etwa 35 Kilometer von Berlin-Spandau entfernt. Der Unterricht erfolgt fachübergreifend, etwa Krankheitslehre und Anatomie, damit die Auszubildenden nicht nur die Herzkrankheiten, sondern zugleich auch den Aufbau des Herz kennen. Sechs bis zehn Wochen dauert jeweils die Theorie, gefolgt von gleichlangen Praktika. Pflicht sind Praxiserfahrungen in der Hauskrankenpflege und in stationären Einrichtungen. Je nachdem, ob man sich stationär oder ambulant bewirbt, muss man 2500 Stunden in der Wahlpflege absolvieren, im zweiten Pflichtbereich nur 500. Robert ist mit 22 Jahren einer der jüngsten in seiner Klasse. Die Altersspanne bewegt sich zwischen 20 und 50 Jahren. In der Folgeklasse, sagt er, gäbe es jedoch viel mehr jüngere Azubis. Seine Einschätzung bestätigt auch der vierte Bundesbericht über die Entwicklung der Pflegeversicherung, der sich auf Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden stützt. Zwar sank die Zahl der Auszubildenden im Schuljahr 2005/2006 im Vergleich zu 2003/2004 um rund 3000 auf 42.501 Schülerinnen und Schüler, doch stieg dafür deutlich die Zahl der Erstauszubildenden an.
 |  Doreen im Arbeitsalltag | Foto: Olaf Schlippe |
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Auch Doreen möchte Altenpflegerin werden. Und das, obwohl der vierte Bericht an die Bundesregierung derzeit keinen generellen Fachkräftemangel feststellt. Doch die 25-Jährige hat ihre eigenen Gründe die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Vor sieben Jahren erkrankte ihr Großvater schwer. Zusammen mit ihrer Mutter, einer Pflegehelferin, erlebte sie aus nächster Nähe, wie wichtig es ist, diesen Beruf gut auszuüben. Denn mit der Pflege ihres Opas in einem Heim in Schleswig-Holstein war sie nicht zufrieden. Zu dieser Zeit absolvierte sie eine Lehre in einem Restaurant.
Realschulabschluss nötig
«Ich merkte, das Restaurant war nicht meine Welt», sagt Doreen. «Ich wollte mehr mit Menschen zu tun haben.» Obwohl die Mutter ihr abriet, begann sie sich für die Ausbildung als Altenpflegerin zu interessieren. Dafür benötigte sie einen Realschulabschluss. Sie hatte jedoch nur einen von der Hauptschule. Also qualifizierte sie sich zunächst zur Altenpflegehelferin, um dann die Fachkraftausbildung anzugehen. «Ich habe vielleicht ein Helfersyndrom», meint sie und lächelt. Doch nur Helferin zu sein, genügt ihr nicht. Sie möchte mehr Verantwortung, mitentscheiden bei Krankheiten und Heilmethoden. Warum sie nicht Krankenschwester in einem Krankenhaus geworden sei? «Das heißt für mich Abfertigung von Menschen», erklärt sie entschieden und es klingt, als verbinde sie damit eine tiefe Enttäuschung.Im Sommer endet ihr drittes Lehrjahr mit den Prüfungen. Zwei Tage lang. Am ersten Tag hat sie eine Pflegeplanung zu erstellen. Eine wichtige Aufgabe, ist diese doch beim Einzug und bei jeder gesundheitlichen Veränderung neu zu überarbeiten. Die Praxisanleiterin, die sie betreut, wählt dazu einen Heimbewohner aus. Aus dessen Biografie, seinen Problemen und eigenen Beobachtungen, konzipiert sie die weitere Betreuung. Eine Stunde hat sie dafür Zeit. Am nächsten Tag werden zwei Lehrkräfte aus der Schule hinzukommen, möglicherweise auch ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums, vor denen sie dann Umbetten oder Verbandswechsel demonstriert, Medikamente richtet oder Insulin spritzt. Das dürfte ihr trotz der Anspannung nicht schwer fallen, denn sie mag alte Menschen, ihre Dankbarkeit. Einen anderen Beruf kann sie sich bereits nicht mehr vorstellen.