Türkisch für Senioren08. Jan 2008 14:49  |  Türkische Senioren sind gern in Gesellschaft | Foto: Olaf Schlippe |
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Der Titel «Türkisches Haus des Wohlfühlens» hat schon zu Missverständnissen geführt. Jetzt steht deutlich «Pflegeheim» daneben. Olaf Schlippe hat dort erlebt, dass Wohlfühlen etwas mit Kultur zu tun hat - und mit Herkunft.
Die Rezeptionistin trägt eine Grünpflanze herein, die sie eben erst gekauft hat. Die Einrichtungsleiterin hatte darum gebeten. Sie steht in einem kleinen, mit Steinplatten ausgelegten Innenhof und verschiebt winterharte Minibäume, während sie gleichzeitig einen Handwerker dirigiert. Fünf Minuten später steht sie im Salon Schwarzes Meer und füllt mit heißem Wasser aus dem Samowar ihr Teeglas auf. «Bei uns sieht es vielleicht aus, als sei noch nicht alles fertig eingerichtet», sagt Heimchefin Nejla Kaba-Retzlaff, «aber ich will nicht alles vollstellen, das muss wachsen».
Seit gut einem Jahr gibt es jetzt das Türk Huzur Evi, die erste Pflegeeinrichtung in Deutschland speziell für türkische Senioren, die alles tut, um der nun in das Pflegealter kommenden ersten Generation von türkischen Gastarbeitern eine Betreuung zu ermöglichen, die ihrem kulturellen Hintergrund entspricht. Hier sprechen die Mitarbeiter türkisch wie deutsch, werden Männer und Frauen nur von Pflegern gleichen Geschlechts versorgt. Es gibt Hand- und Fußwaschbecken für die Reinigung vor dem Gebet und einen nach Mekka ausgerichteten Gebetsraum. Der Koch verwendet nur nach islamischen Ritus geschlachtetes Fleisch und auch bei den Heimkosten orientiert sich das Haus mit seinen 155 Plätzen an den Möglichkeiten türkischer Ruheständler, die selten eine üppige Rente beziehen.
 |  Im türkischen Pflegeheim Berlin | Foto: Olaf Schlippe |
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Neben der vertrauten Sprache, Ritualen und der Landesküche kann die Einrichtung inzwischen auch mit Kultur und Geselligkeit punkten. Im Gemeinschaftsraum laufen türkische TV-Sendungen wie das beliebte Familiendrama «Yaprak dökùmü», das niemand verpassen will. Kindergarten- und Grundschulgruppen kommen und singen für die Bewohner, ein Saz-Spieler zupft einmal im Monat die Saiten seiner Laute, dem ersten Besuch im türkischen Theater sollen weitere folgen. Für eine fast Einzelbetreuung sorgt eine große Liste ehrenamtlicher Helfer. Diese begleiten Demenzkranke bei Spaziergängen, etwa zum nahe gelegenen Kreuzberg. Oder es kommt eine Gruppe Frauen von außen, die beten möchte. Fast selbstverständlich ist dann die Einbeziehung der Heimbewohner.Diese werden mindestens dreimal am Tag aus ihren Zimmern - oder Betten - geholt. Natürlich nur, wer will. Aber zumeist ist die Angst der Bewohner, nicht geholt zu werden größer, weiß Nejla Kaba-Retzlaff. «Türken wollen dort sein, wo mehr los ist. Da merkt man schon Mentalitätsunterschiede.» Türk Huzur Evi bedeutet auf deutsch etwa: Seniorenhaus, wo man sich wohlfühlt. Ein solcher Wohlklang im Namen hat schon zu Verwechslungen geführt, deshalb wurde jetzt auf allen Briefbögen und Prospekten «Bakim Evi» hinzugefügt – Pflegeeinrichtung. Ausgebucht ist die Einrichtung allerdings trotz glänzender Sauberkeit und aller Bemühungen noch nicht: rund 30 Bewohner leben jetzt hier, Tendenz steigend.
 |  Hier geht's zum Haus des Wohlfühlens | Foto: Olaf Schlippe |
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Dass ältere Menschen nicht ausschließlich in der Großfamilie versorgt werden, ist für die türkische Gesellschaft ein neues Phänomen. Denn auch die türkischen Großfamilien schrumpfen. Junge türkische Paare leben heute zumeist in der eigenen Wohnung und nicht mehr mit den Eltern. Zudem sind die jungen Frauen, denen traditionell die Aufgabe der Betreuung der Schwiegereltern zufiel, meist mit ihrer Karriere und den eigenen Kindern ausgelastet. Dennoch wird vor allem häuslich gepflegt. «Türken haben Angst», glaubt Leiterin Kaba-Retzlaff, «dass man mit den Fingern auf sie zeigt, wenn sie Vater oder Mutter im Altenheim betreuen lassen.» Hauptsache man wahre den Schein, halte nach außen in der Familie zusammen und erfülle den Generationenvertrag. Der Bedürftige liege dann oft im Wohnzimmer, isoliert, sehe vielleicht zwei Menschen am Tag – «viele können zuhause einfach nicht gut gepflegt werden», ist die Einrichtungsleiterin überzeugt. «In unserer Kultur sind die Älteren Respektpersonen, nur verliert sich dieser Respekt immer mehr, wenn einer sich ständig in die Hose macht und die Schwiegertochter pflegen soll», so Kaba-Retzlaff.
 |  Im Speisesaal gibt es natürlich auch türkische Spezialitäten | Foto: Olaf Schlippe |
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Auch Sozialarbeiterin Akgün kennt diese Probleme. Gerade kehrte sie von einer Familie zurück, die gern einen Heimplatz für den pflegebedürftigen Vater hätte, nur weigere sich dieser und bestehe auf der traditionellen moralischen Pflicht der Kinder. Da seine Ehefrau sich vor zwei Jahren scheiden ließ und in die Türkei zurück zog, obliegt diese Aufgabe derzeit der jüngsten von vier Töchtern, die als einzige noch unverheiratet ist, sich jedoch dringend um ihre Ausbildung kümmern müsste. Es kostet viel Zeit, die Vorbehalte konservativ geprägter Türken auszuräumen, leben in der Türkei doch gewöhnlich nur die ganz Reichen und die ganz Bedürftigen in einem Pflegeheim. «Wir betreiben überall Aufklärung», sagt die Leiterin, während sie eine Probe des Mittagessens vorkostet. «Wir halten Vorträge in Vereinen und Moscheen, veranstalten große Feste im Haus, damit die Leute sich das Heim anschauen können.»
 |  Im Gebetsraum können die zumeist muslimischen Bewohner beten | Foto: Olaf Schlippe |
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Nicht immer fällt dann sofort eine Entscheidung. Drei bis vier Vorgespräche sind die Regel. Mehmet Yilmaz* etwa, einer der ältesten Bewohner des Hauses und krebskrank, hatte nach einer ersten Besichtigung der Einrichtung entschieden: «Ich gehe lieber nach Hause.» Doch dort stritt er sich dort mit seiner ebenfalls pflegebedürftigen Frau. Yilmaz sah für sich keinen anderen Ausweg und zog vorübergehend ins Heim. Inzwischen hat er sich eingewöhnt und will bleiben. Seine Kinder besuchen ihn hier regelmäßig.Auch der an Demenz erkrankte Süleyman Kara* brauchte einige Wochen, bis er sich einlebte. Zuvor von seinen drei Kindern im Wechsel betreut, kam der Weglaufgefährdete für die Zeit eines Urlaubs hierher. Der Anspruch auf die sogenannte Verhinderungspflege beträgt 28 Tage. Senior Kara, der stets eine Uhr am Handgelenk trug, wusste genau, dass er nach dieser Zeit wieder abgeholt wird. Und er hatte ein Ziel: «Ich muss diese Uhr in Iskendere reparieren», erinnert sich Yildiz Akgün. Nach einem Monat bei der Familie kehrte er allerdings ins Heim zurück, da seine Kinder die Pflege überforderte. Wenig später folgte ihm seine ebenfalls pflegebedürftige Ehefrau dorthin.
 |  Essen spielt eine wichtige Rolle, wenn es um kulturelle Identität geht | Foto: Olaf Schlippe |
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Über einen Bewohner freut sich besonders Koch Remzi Ilhan. Denn dieser war zuerst in einer anderen Einrichtung, wo es ihm gefiel, jedoch vermisste er so stark die türkische Küche, dass er ihretwegen ins Türk Huzur Evi umzog, weiß die Sozialarbeiterin Akgün. Zu den schmachtenden Klängen anatolischer Hits der 70er und 80er Jahre bekommt er nun hier geschmortes Lammfleisch mit weißen Bohnen oder gefüllte Weinblätter direkt am Tisch serviert.die Namen wurden von der Redaktion geändert.
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