«Pflegemängel lassen sich nicht vertuschen»29. Nov 2007 15:48  |  Altenbetreuung in Deutschland
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Noch müssen sich Angehörige auf Mund-zu-Mund-Propaganda verlassen, um ein gutes Pflegeheim zu finden, sagt MDK-Chef Peter Pick im Interview mit Netzeitung.de. Abhilfe erhofft er sich von der Pflegereform.
Dr. Peter Pick arbeitete beim AOK-Bundesverband und dem AOK-Landesverband Rheinland, bevor er 1992 zum Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDK) wechselte. 1997 übernahm er die Geschäftsführung des MDK.Netzeitung.de: Herr Pick, wie kann ein Angehöriger ein gutes Pflegeheim finden?
Peter Pick: Gegenwärtig darf der Medizinische Dienst die Ergebnisse seiner Qualitätsprüfungen nicht veröffentlichen. Deshalb ist ein Angehöriger beziehungsweise eine Angehörige bei der Suche nach einer guten Pflegeeinrichtung weitgehend auf sich selbst gestellt. Verschiedene Stellen bieten Unterstützung an, etwa Pflegekassen, Wohlfahrtsverbände oder Seniorenbüros. Vielfach müssen sich Angehörige aber auf Mund-zu-Mund-Propaganda, das Informationsmaterial der Einrichtungen und – ganz wichtig – auf ihren persönlichen Eindruck verlassen.Netzeitung.de: Auf welche Kriterien sollte man achten?
Pick: Bei der Wahl eines Pflegeheimes ist wichtig, wie die Atmosphäre der Einrichtung ist: Welchen Eindruck machen die Bewohner? Sind beispielsweise auch bettlägerige Bewohner gut angezogen und frisiert? Wie geht die Einrichtung mit den individuellen Bedürfnissen und Verhaltensweisen der Bewohner um? Dürfen sie ihre eigenen Möbel mitbringen? Können die Bewohner aufstehen und zu Bett gehen, wann sie wollen? Gibt es jederzeit die Möglichkeit, eine Kleinigkeit zu essen? Außerdem sollte man darauf achten, ob die Räume hell und freundlich sind. Sind die Flure gut zu begehen oder stehen sie mit Rollstühlen und Gehwagen zu? Wichtig ist auch, ob es in der Einrichtung ehrenamtliche Helfer gibt. Netzeitung.de: Und bei Pflegediensten?
Pick: Bei Pflegediensten kommt es darauf an, ob sie die Kontinuität der Betreuung durch bestimmte Personen sicherstellen können. Ist auch am Wochenende eine fachlich qualifizierte Pflege gewährleistet? Sowohl für Pflegeheime wie für Pflegedienste gilt: Was versteht die Einrichtung unter aktivierender Pflege? Gibt es für die verschiedenen Bewohnergruppen spezielle Betreuungsangebote? Gibt es ein Pflegekonzept für Menschen mit Demenz? Wie sind die Beschäftigten qualifiziert? Und: Achtet die Einrichtung auf regelmäßige Fortbildungen? Netzeitung.de: Warum gibt es bisher keine Vergleichsmöglichkeiten? Pick: Bisher ist es den Medizinischen Diensten rechtlich nicht möglich, die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen zu veröffentlichen. Der MDK-Bericht geht an einen eng begrenzten Adressatenkreis: an die Landesverbände der Pflegekassen, die die Prüfung der Pflegeeinrichtung auch in Auftrag geben, sowie an die zuständigen Träger der Sozialhilfe und die zuständigen Heimaufsichtsbehörden. Außerdem erhält den Bericht natürlich die geprüfte Pflegeeinrichtung selbst und – wenn sie einverstanden ist - der Trägerverband, dem die Pflegeeinrichtung angeschlossen ist. Netzeitung.de: Unterscheidet sich die Pflegequalität in den Heimen von gemeinnützigen, privaten und staatlichen Trägern? Was ist wo besser? Pick: Nein, es gibt bei allen Trägern gute und weniger gute bis schlechte Einrichtungen. Systematische Unterschiede gibt es nach unseren Auswertungen nicht. Netzeitung.de: Sie prüfen 20 Prozent aller Einrichtungen im Jahr. Warum werden nicht alle Heime kontrolliert?
Pick: Wir haben in Deutschland cirka 10.000 stationäre Einrichtungen. Sie alle einmal pro Jahr zu kontrollieren, ist zunächst einmal ein Mengenproblem. Unsere Erfahrungen der letzten zehn Jahre sprechen auch dafür, dass eine Einrichtung, welcher der MDK eine gute Qualität attestiert und die ein eigenes Interesse an der Weiterentwicklung der Qualität hat, diese Qualität auch im nächsten Jahr hält.Netzeitung.de: Welchen Turnus halten Sie für sinnvoll? Pick: Wir prüfen im Moment knapp 20 Prozent der Pflegeeinrichtungen pro Jahr - das ist zu wenig. Deshalb ist die Forderung des Gesetzgebers, turnusmäßig alle drei Jahre jede Einrichtung in Deutschland zu prüfen, absolut richtig. Ob ein dreijähriger Prüfrhythmus ausreicht, sollte dann auf den Prüfstand gestellt werden. Netzeitung.de: Stimmt es, dass Sie viele Prüfungen ankündigen?
 |  Peter Pick | Foto: MDK |
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Pick: Im Jahr 2006 waren 56 Prozent aller Prüfungen von Pflegeheimen unangemeldete Prüfungen – das heißt, unabhängig davon, ob es sich um eine Stichprobenprüfung, um eine Wiederholungsprüfung oder um eine Prüfung handelte, der eine Beschwerde zugrunde lag. Von den ambulanten Pflegediensten wurden 10,5 Prozent unangemeldet geprüft. Sieht man sich die anlassbezogenen Prüfungen näher an, also die Prüfungen, die aufgrund einer Beschwerde gemacht werden, dann sind in Pflegeheimen 72 Prozent dieser Prüfungen unangemeldet durchgeführt worden und bei ambulanten Pflegediensten waren es 42,2 Prozent. Netzeitung.de: Warum kündigen Sie überhaupt Prüfungen an?
Pick: Im Pflegeversicherungsgesetz ist vorgesehen, dass Prüfungen angemeldet und unangemeldet durchgeführt werden können. Von dieser Möglichkeit machen die Pflegekassen in den Ländern in unterschiedlicher Weise Gebrauch. Wie Sie an den Quoten sehen, werden Prüfungen, die auf eine Beschwerde zurückgehen, im stationären Bereich zu drei Vierteln unangemeldet durchgeführt. Bei ambulanten Pflegediensten ist die unangemeldete Prüfung rein organisatorisch etwas schwieriger, denn je nach Größe der Einrichtung treffen Sie unter Umständen niemanden an. Im Übrigen: Tatsächliche Pflegemängel lassen sich auch bei angemeldeten Prüfungen nicht einfach vertuschen. Wenn sich bei einem Bewohner ein Dekubitus entwickelt hat, lässt sich der nicht in der kurzen Anmeldefrist verbergen. Netzeitung.de: Wie lange im voraus kündigen Sie eine Kontrolle an? Pick: Angemeldet kann heißen: am Vorabend per Fax oder bis zu eine Woche im voraus. Netzeitung.de: Warum braucht Deutschland keinen Pflege-TÜV? Pick: Die Bundesregierung plant, dass die Qualität von Pflegeeinrichtungen in Zukunft regelmäßig und in kurzen Abständen geprüft wird. Die Medizinischen Dienste begrüßen das ausdrücklich. Damit entsteht eine Art Pflege-TÜV. Es ist aber nicht nötig, dafür eine neue Institution zu schaffen. Denn der Medizinische Dienst prüft und bewertet Pflegeeinrichtungen seit Jahren; seine Erfahrungen sind anerkannt. Um den MDK zu einem echten Pflege-TÜV zu machen, muss er seine Prüfergebnisse veröffentlichen können. Es ist deshalb richtig, dass dies in der Pflegereform vorgesehen ist. Netzeitung.de: Sind die Prüfungen des MDK ausreichend, um die Qualität in den Heimen zu sichern?
Pick: Selbstverständlich sind die externen Qualitätsprüfungen des MDK nur ein Teil der Qualitätssicherung von Pflegeeinrichtungen. Pflegeeinrichtungen müssen ein eigenes, internes Qualitätsmanagement betreiben. Dazu gehören außerdem ein internes Pflege-Leitbild jeder Einrichtung und regelmäßige Fortbildungen. Die Auswertung der MDK-Qualitätsprüfungen hat außerdem gezeigt, dass es vor allem auf die Qualifikation und das Engagement der Leitung ankommt. Netzeitung.de: Benötigt der MDK zusätzliches Personal, um die Heime häufiger zu kontrollieren? Pick: Eine Regelprüfung alle drei Jahre bedeutet, dass wir die Prüffrequenz des MDK systematisch anheben und dies bedeutet auch, dass der MDK hier personell und finanziell besser ausgerüstet werden muss. Das ist sinnvoll, um einerseits die nötigen Qualitätsverbesserungsprozesse einzuleiten und um andererseits die vom Gesetzgeber vorgesehene Transparenz einzulösen. Ich bin überzeugt, dass die Trägerverbände der Medizinischen Dienste bereit sind, diesen Weg mit zu gehen. Netzeitung.de: Welche Rahmenbedingungen wünschen Sie sich von der Politik für Ihre Arbeit?
Pick: Wir brauchen ein gesellschaftliches Umfeld, das sich für eine menschenwürdige Pflege stark macht. Dies zielt zum einen auf eine qualitativ gute Pflege mit engagierten und qualifizierten Pflegekräften. Zum anderen zielt dies auf finanzielle Rahmenbedingungen, die eine solche Pflege gewährleisten. Vor allem müssen die älteren Menschen wieder in den Mittelpunkt unserer Gesellschaft geholt werden.Mit Peter Pick sprach Olaf Schlippe
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