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Wenn ein Löwe sich um sein Mäuschen kümmert

21. Nov 2007 14:28
Helma Sommer
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Parkinson und Demenz sind keine Gründe zu verzweifeln, wenn man eine Frau wie Helma Sommer an seiner Seite hat – Olaf Schlippe ist ihr begegnet.

«Ich hätte Ihnen gleich sagen sollen, dass ich nur eins achtundfünfzig groß bin», sind ihre ersten Worte vor dem Eingang eines Supermarktes in einem Reinickendorfer Einkaufszentrum. «Dann hätten Sie mich gleich erkannt», fügt sie hinzu. Es ist sonst niemand in der Nähe.

Helma Sommer ist Löwe vom Sternzeichen. Darauf ist sie stolz. Sie hat bei der Bahn gelernt und gearbeitet, als einzige Frau auf dem Stellwerk. «Von der Pike auf», betont sie. Die anfängliche Geringschätzung als Frau verwandelte sie schon bald in Anerkennung, auf die einzige Weise, die ihre männlichen Kollegen verstanden. Sie lud sie nach Dienstschluss in eine Kneipe ein. «Mir ging es hinterher drei Tage schlecht», gesteht sie, «aber ich war akzeptiert.» Bei der Bahn traf sie vor 47 Jahren auch ihren späteren Ehemann.

Zoll für Strumpfhosen

Dass sie nicht so leicht klein bei gibt, musste vor Jahren auch ein Ostberliner Zöllner erfahren, der für ein paar Strumpfhosen Zoll verlangte. Ihr Mann wollte Ärger vermeiden, doch sie wurde wütend. «Wir arbeiten beide seit Jahren bei der Bahn», habe sie geantwortet, «wir zahlen unsere Steuern in Valuta-Mark an die DDR und da kommen Sie und wollen noch Zoll für Pfennigartikel!» Dem sei die Kinnlade herunter gefallen, erzählt sie. Ohne ein Wort zu erwidern, habe er sie nur noch durchgewunken.

Mit ihrem Mann wohnte sie 40 Jahre zusammen, zumeist in einer kleinen Doppelhaushälfte in Berlin-Reinickendorf, ihrem Geburtsort. Alles – Arbeit, Haus, Urlaub - hätten sie gemeinsam organisiert oder unternommen. Sie sahen die gleichen Filme, lasen die gleichen Bücher und diskutierten anschließend darüber. Auch über politische Themen. Doch vor gut einem Jahr endete das gemeinsame Zusammenleben, ihr Mann erhielt ein Zimmer in einem nahe gelegenen Spezialpflegeheim für Demenzkranke. «Sie glauben ja gar nicht, wie schwer mir das nach all den gemeinsamen Jahren gefallen ist», sagt sie, und in die Kraft ihrer Stimme mischt sich ein larmoyanter Ton. «Aber ich hätte es allein nicht mehr geschafft. Ich hätte nicht mehr aus dem Haus gekonnt.»

Parkinson und Demenz

Vor etwa zehn Jahren diagnostizierte der behandelnde Arzt Parkinson, vor vier Jahren kam eine Demenz hinzu. Mit Parkinson allein, glaubt sie, hätten sie weiter zusammenleben können, obwohl die über die Jahre voranschleichende Parkinson-Erkrankung zuletzt schlimmer wurde. Was mit leichtem Zittern und «schlecht greifen können» begann, hatte sich zu typischen Symptomen, etwa einer periodisch wiederkehrenden, maskenhaften Mimik entwickelt: «Er ging, bekam einen Schock, stand still, zitterte und konnte nicht mehr weiterlaufen», weiß Helma Sommer. War die Stelle ungünstig, etwa ein Treppenabsatz, kam es vor, dass er hinfiel.

Ihr Mann konnte sich glücklich schätzen, dass seine Frau nicht mehr arbeitete und ihm pflegerisch zur Seite stand. Die 66-Jährige hatte nach 38 Dienstjahren ihre Anstellung bei der Bahn einige Jahre vor dem Rentenalter und vor Ausbruch der Krankheit gekündigt. «Ich habe die Finanzen geprüft und zu meinem Mann gesagt: das schaffen wir so.» Heute ist sie froh darüber. Schöne gemeinsame Erlebnisse wie Reisen an die Ostsee, wären sonst unmöglich gewesen. Eines ist für sie klar: «Wenn wirklich Not am Mann ist, verkaufe ich die Hütte.»

Rund um die Uhr

Im letzten Jahr zuhause, ohne jede Pflegestufe, fuhr sie ihren Mann zweimal wöchentlich zur Physiotherapie, stützte ihn beim Gehen, war in seiner Nähe wenn er duschte - falls er strauchelte, kümmerte sich um alles. Dass eine Demenz hinzugekommen war, fiel der behandelnden Ärztin nicht auf. «Alles wurde auf Parkinson geschoben», sagt Helma Sommer. Dabei musste sie bereits rund um die Uhr für ihn bereit sein. «Ich hatte Angst, dass er über eine Straße geht, ohne nach links oder rechts zu schauen. Nachts wanderte er im Haus herum. An einem Tag kam ich nach Hause, da hat er versucht, die Küche zu tapezieren.»

Dann passierte der Sturz. Deutschland war im Fußballfieber. Ihr Mann kam ins Krankenhaus. In diesen Wochen nahm sie 25 Kilo ab. «Das ist mir so auf die Psyche geschlagen», sagt sie, «dass der Mensch, mit dem ich solange zusammen bin, plötzlich nicht mehr gehen, nicht mehr allein essen, nur noch apathisch auf einem Stuhl hocken konnte.» Einmal kommt sie in der Sommerhitze 2006 ihren Mann besuchen. Statt sonst drei standen fünf Betten im Zimmer. «Da bin ich explodiert», glaubt sie. Die Schwester habe ihr hinterher leise gedankt: endlich einmal jemand, der etwas sagt.

«Ein wenig mechanisch»

Nach mehr als zwei Monaten konnte ihr Mann wieder gehen. «Ein wenig mechanisch wie ein Roboter», sagt sie, «aber er ging.» Ihre Freude dämpfte jedoch der behandelnde Arzt. Parkinson mit Demenz sei ein ewiges Auf und Ab. Er überzeugte sie von professioneller Hilfe. In einer Tageszeitung las sie zu dieser Zeit einen Beitrag über das Spezialpflegeheim Hennigsdorf. Bestimmt so eine Gruft, vermutete sie, wollte es sich aber zumindest ansehen. Ihre Schwester und der Nachbar begleiteten sie. «Ich kam hinein und dachte, ich bin im Hotel.» Was ihr auch gefiel, war die Philosophie: In den Schuhen des anderen zu gehen. «Wenn dort einer beispielsweise sein Hemd falsch herum trägt, dann darf der das anbehalten.»

Ihr Mann erhielt dort ein Einzelzimmer. Das war ihr wichtig. «Sonst wäre ich nicht so oft da», glaubt sie. «So ist es ja praktisch mein zweites Zuhause geworden.» Das Pflegepersonal kennt sie inzwischen. Ob Ausflug oder Dampferfahrt, «ich bin immer dabei», sagt sie. Leider kann sie mit ihrem Mann keine richtigen Gespräche mehr führen. Das bedauert sie. «Er geht im Geiste immer noch arbeiten», sagt sie. «Er wünscht, dass ich ihn bei der Bahn entschuldige, weil er nicht arbeiten gehen kann. Oder er sieht draußen einen Menschen im Schlauchboot, der nicht existiert.» Als jedoch im Innenhof des Heimes eine Bushaltestelle aufgebaut wurde, zeigte er Interesse. Merkwürdigerweise, meint sie, erkennt er sie auf jüngeren Fotos, sich selbst aber nicht. Dagegen erinnert er sich an Jugendbilder oder ältere Schnappschüsse von gemeinsamen Urlaubsreisen.

Sechs Tage pro Woche

Sechs Tage in der Woche besucht sie ihren Mann, begleitet von ihrem Dackel. Das ist ein richtiges Ritual geworden. Nach dem Aufstehen geht sie ein Runde mit dem Hund gassi, erledigt Besorgungen, bringt das Haus auf Vordermann. Je nachdem, ob ihr das jeweilige Gericht im Heim zusagt, isst sie dort oder bei sich zu Mittag. Danach trinkt sie zusammen mit ihrem Mann Kaffee, gefolgt von einem Spaziergang. Er legt sich anschließend zu einem Nachmittagsschläfchen hin, sie liest oder schaut, ob etwas Spannendes im Fernsehen läuft. «Manchmal», gibt sie zu, «passiert es auch, dass ich sanft mit entschlummere.»

Das Abendessen serviert sie ihm mundgerecht auf dem Zimmer. Danach wäscht sie ihn und bereitet alles zum Schlafen vor. «Da muss nicht die Schwester kommen», sagt sie und es klingt, als spräche sie von der Erledigung alltäglicher Dinge wie Zähne putzen. Zum Abschied, meint sie und lächelt, würde er ihr immer die gleiche Frage stellen: «Wann kommst Du denn morgen?» Worauf sie stets antwortet: «Na Mäuschen, wie immer.»

 
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