«Vor schlechter Pflege wird nicht gewarnt»06. Nov 2007 11:30  |  Im Pflegebereich bleibt manches im Dunkeln. Das kritisieren Experten | Foto: dpa |
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In Deutschland werde «jedes technische Gerät überprüft», im Pflegebereich gebe es aber nur wenig Kontrolle, kritisiert der Vorstandsvorsitzende der Marseille-Kliniken Axel Hölzer. In seinem Gastbeitrag setzt er sich für einen «Pflege-TÜV» ein.
«Das deutsche Pflegesystem hat Nachholbedarf. Jedes technische Gerät und jede Dienstleistung werden hierzulande offenbar stärker überprüft als die Betreuung von alten Menschen. Nichts anderes folgt aus dem jüngsten Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. Wie kann es sein, dass trotz eines ausgeklügelten und dokumentierten Prüfsystems in Deutschland jeder dritte Pflegebedürftige zu wenig zu essen und zu trinken bekommt und knapp 40 Prozent der Patienten wund gelegen sind? Die Antwort kann nur lauten: Wir brauchen einen 'Pflege-TÜV'.
Vor schlechter Pflege wird nicht gewarnt. Die Prüfinstanz deutscher Altenheime, der Medizinische Dienst der Kassen, darf seine detaillierten Ergebnisse bislang nicht veröffentlichen. Darüber hinaus ist er auch organisatorisch nicht in der Lage, alle Einrichtungen regelmäßig und flächendeckend zu prüfen. Von der unausgewogenen, teuren Prüfpraxis ganz abgesehen, werden Kontrollen bei den gemeinnützigen Trägern im Voraus oft angekündigt. Entsprechend wichtig ist es, Instanzen zu schaffen, die objektiv über die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Pflegeeinrichtung Auskunft geben. Damit die Betroffenen und ihre Angehörigen einen Einblick in die Qualität der Heime erhalten. Vom einem transparenten und objektiven Überblick über die angebotenen Leistungen und Kosten der Pflegeheimbetreiber sind wir aber leider noch meilenweit entfernt. Dabei braucht die Altenpflege genau dieses am dringendsten: Transparenz und EffizienzNeben einem 'Pflege-TÜV' benötigen wir ein «Ranking für Pflegeheime». Dies sorgt für Transparenz, kurbelt den Wettbewerb an und steigert die Effizienz der bürokratisch überregulierten Pflegebranche. Denn bisher gibt es weder eine einheitliche Zertifizierung von Altenheimen, etwa nach DIN ISO, noch eine standardisierte Einordnung von Pflegekonzepten. Anfang 2008 wird die Marseille-Kliniken AG als erster privater Pflegeheimbetreiber einen Qualitätsbericht mit den Prüfergebnissen aller Einrichtungen des gesamten Konzerns veröffentlichen. Damit wollen wir die Qualitätsdebatte in der Altenpflege konsequent vorantreiben und das 'gläserne Pflegeheim' etablieren. Mit unserem Bericht bieten wir den Bürgern eine sachlich fundierte Entscheidungshilfe für die Auswahl einer geeigneten Einrichtung.
 |  Axel Hölzer fordert einen Pflege-TÜV | Foto: Marseille Kliniken |
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Wir brauchen kein Mehr an Bürokratie, sondern klare Rahmenbedingungen für einen freien Wettbewerb in der Pflege. Im Bereich der Krankenhäuser ist man da etwas weiter. Durch den Druck der Gesundheitsreform hat sich ein stärkerer Wettbewerb unter den Kliniken entwickelt, die ihre Patienten neuerdings mit Transparenz und Leistungen überzeugen. Reha-Kliniken müssen seit Jahren die Qualität ihrer Leistungen offen legen.Denn die Qualität der Pflegeheime schwankt gewaltig. Zwischen Preis und Qualität eines Heims gibt es jedoch keinen Zusammenhang, belegt eine aktuelle McKinsey-Studie. Was fehlt, ist also ein ökonomischer Anreiz effizient zu wirtschaften und gute Pflege zu leisten. Anders als in Krankenhäusern gibt es keine Fallpauschalen. Daher stellen die Träger den Pflegeversicherungen und Sozialämtern ihre tatsächlichen Kosten in Rechnung. Das bedeutet, dass in der Altenpflege jede Leistung bezahlt wird - egal, ob sie gut oder schlecht ist.
Rahmenbedingungen Die Pflegesätze, die mit den Kassen ausgehandelt werden, führen nicht automatisch zu Verlusten. Sie sind ausreichend, wenn die Pflegeanbieter damit effizient arbeiten. Die Mehrzahl der verlustreichen öffentlich-rechtlichen und gemeinnützigen Häuser müsste daher endlich zum effizienten Wirtschaften gezwungen werden. Statt sich um jedes Detail verordnungsrechtlich zu kümmern, sollte der Staat die Rahmenbedingungen in Richtung mehr Marktwirtschaft vorantreiben und sich auf seine Kontrollfunktion beschränken. Würden alle untersuchten Heime ebenso effizient haushalten wie das obere Viertel, so die McKinsey-Studie, ließen sich die Kosten pro Pflegefall um 15 Prozent senken. Das eröffnet Einsparpotenziale, von denen die Pflegekassen nur träumen können.Die Politik ist gefordert, den Druck auf die Anbieter von Pflegeleistungen deutlich zu erhöhen und mehr Anreize für ökonomisches Handeln zu schaffen. Denn stärkerer Wettbewerb steigert nicht nur die Qualität, marktwirtschaftliche Mechanismen sind auch der einzig mögliche Weg, um einen finanziellen Kollaps des deutschen Pflegesystems zu verhindern. Bislang funktioniert die deutsche Pflegebranche nach planwirtschaftlichen Gesetzen. Die Kosten für Leistungen werden zentral festgelegt, statt den Preis über den freien Wettbewerb zu regeln. Das verhindert Einsparpotenziale in Milliardenhöhe. Einer aktuellen Studie des Forschungszentrums Generationenverträge zufolge sollen allein in der stationären Pflege Effizienzreserven von 2,3 Milliarden Euro schlummern.»
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