Klimawandel schlägt sich auf Gesundheit nieder
10.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Schmelzende Gletscher, extreme Hitzewellen, ungewöhnlich heftige Stürme: «Wir stecken mittendrin im Klimawandel», konstatiert der Meteorologe Gerd Jendritzky von der Universität Freiburg, der sich seit Jahren mit dem Einfluss der Klimaveränderung auf die Gesundheit des Menschen befasst. Nach seiner Auffassung werden die Veränderungen noch deutlicher ausfallen als bislang angenommen.
Das Szenario des Klimaforschers für Deutschland: Die Temperaturen werden im Jahresmittel bis 2050 vermutlich um zwei bis drei Grad steigen. Dagegen werden die Niederschläge im Sommer deutlich zurückgehen: Vor allem der Nordosten und der Südwesten werden künftig verstärkt unter Trockenheit leiden.
Gerade diese Hitzewelle führte den Menschen in Europa die Folgen des Klimawandels für die Gesundheit bislang am deutlichsten vor Augen. Im Sommer 2003 starben in Westeuropa 55.000 Menschen an den Folgen der Hitze, 35.000 davon allein im August. Die Zahl der Toten gibt allerdings nur sehr bedingt Aufschluss über die gesundheitlichen Folgen von Klimaphänomenen.
Ebenfalls weniger stark fallen die indirekten Folgen der Erderwärmung auf, etwa die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die medizinische Referentin des Europäischen WHO-Zentrums für Umwelt und Gesundheit, Bettina Menne, verweist auf Borreliose und Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME). Diese durch Zecken übertragenen Erkrankungen sind der Ärztin zufolge inzwischen in Regionen vorgedrungen, in denen sie vorher kaum bekannt waren, etwa im Norden von Schweden oder in Höhenlagen Tschechiens. Und da die Zecken milde Winter in größeren Populationen überstehen, wächst auch der Anteil der Tiere, die die Krankheitserreger auf den Menschen übertragen können.
Leidtragende des Klimawandels sind vor allem jene Menschen, die sich nur schlecht an die Veränderungen anpassen können: Alte, Kranke und Kinder. So führt etwa Hitze bei älteren Menschen leicht zu Herz-Kreislauf-Beschwerden, bei Kindern steigt das Risiko eines Hitzschlags oder Sonnenstichs.
Auch Städteplaner und Architekten sollten sich laut Jendritzky auf die neuen Umweltbedingungen einstellen: Städte heizten sich wesentlich stärker auf als ländliche Gebiete und kühlten weniger ab. So sei es etwa zur Durchlüftung sinnvoll, die Bebauungsdichte zu verringern und durch Grünflächen aufzulockern.
Missernten als Folge von Dürren oder Überschwemmungen treffen jene Menschen besonders hart, die schon mangelernährt sind. Ist zudem die medizinische Versorgung schlecht, sind die Menschen Infektionskrankheiten wie Cholera oder Malaria weitgehend schutzlos ausgeliefert. Trotz der UN-Klimaschutzkonferenz in Nairobi hegt Jendritzky keine große Hoffnung, dass der Klimawandel noch gestoppt werden kann: «Selbst wenn das Kyoto-Protokoll sofort umgesetzt würde, wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.» (AP)

