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Behinderte lehnen therapeutisches Klonen ab
12. Sep 2005 10:21

Christian Judith
Foto: ISL
Die FDP will die unbschränkte Stammzellforschung. Behinderte lehnen dies ab. «Wir dürfen Menschen nicht verwertbar machen», sagt Christian Judith von der Interessenvertretung Selbstbestimmtes Leben im Interview.

Durch die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen könnten unheilbare Krankheiten therapierbar werden. Doch für die Gewinnung dieser Zellen müssen Embryonen zerstört werden. Für den Sprecher der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL), Christian Judith, eine ethische Grenze, die nicht überschritten werden sollte.

Mehr in der Netzeitung:
In Deutschland gelten strenge Bestimmungen für die Forschung an menschlichen Embryonen. Das so genannte therapeutische Klonen, die Gewinnung von Stammzellen aus dazu erzeugten Embryonen, ist, anders als etwa in Großbritannien oder den USA, verboten.

Wissenschaftler kritisieren, dass es unter diesen Bedingungen nicht möglich ist, den Anschluss an die internationale Forschung zu halten. Die forschungspolitische Sprecherin der FDP, Ulrike Flach, hat sich dafür ausgesprochen die Bestimmungen des Embryonenschutzgesetzes zu lockern.

Netzeitung: Herr Judith, Sollte das therapeutische Klonen in Deutschland erlaubt werden?

Mehr in der Netzeitung:
Christian Judith: Nein. Wir dürfen den Menschen nicht für den Menschen verwertbar machen. Das ist eine Lehre aus dem Faschismus. Die Medizin hat sich bewusst davon abgewendet, Menschen für Menschen für noch so gute Zwecke zu opfern. Wenn dieser Damm der Ethik gebrochen wird, weiß ich keinen Grund, warum das Opfern für den Anderen nicht fortgeführt werden sollte.

Wenn ich heute aus Forschungsinteresse menschliches Leben in einem frühen Stadium opfern soll, warum nicht auch in einem späteren? Trenne ich den Menschen vom Menschen und stelle erstmals seine Würde frei, werde ich kein Motiv haben, diese Grenze nicht nach Zeit, Mode oder Forschungsstandard immer wieder neu zu bestimmen.

Netzeitung: Sollten Menschen nicht die Wahl haben, ob sie die Technik für die eigene Behandlung einsetzen lassen wollen?

Judith: Mit einer solchen Fragestellung wird die Dramatik dieses Dammbruchs verschleiert. Sie wirkt unschuldig und selbstverständlich. Wieso werden Menschen mit Behinderungen und chronische Kranke dazu benutzt, die ethischen Grundwerte in dieser Gesellschaft zu unterhöhlen? Ich bezweifle stark, dass unsere Gesellschaft die «freie Wahl der Technik» in anderen Bereichen ebenso gutheißen würde.

Bei embryonaler Stammzellforschung und therapeutischem Klonen handelt es sich auch nicht um eine Technik wie zum Beispiel einen Russfilter. Für jeden dieser angeblich technischen Einsätze müssen Eingriffe in menschliches Leben stattfinden. Diese zusätzliche ethische Dimension kann meiner Meinung nach nicht vom Individuum entschieden werden, sondern erfordert einen gesellschaftlichen Konsens.

Netzeitung: Wie würde sich eine Zulassung des therapeutischen Klonens auf den Stand der Behinderten in Deutschland auswirken?

Judith: Um diese Form des Klonens politisch durchzusetzen, werden wie oben beschrieben Menschen mit Behinderungen und chronisch kranke Menschen missbraucht. Weil wir so «leiden», wie es in den Medien immer wieder tönt und auch gerade im Fernsehen von Dr. Gerhardt (FDP) behauptet wurde, wird massiv mit Behinderung und Krankheit Angst geschürt.

Als Ergebnis dieser Kampagne erleben Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten ständig die gesellschaftliche Ablehnung ihrer Lebensform und stehen unter einem immensen Anpassungsdruck.

Netzeitung: Wie stehen Sie diesbezüglich zur vorgeburtlichen Gen-Untersuchung Pränataldiagnostik? Nach dem jetzt erschienen Gentechnologiebericht hat sie nicht zu mehr Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland geführt.

Mehr im Internet:
Judith: Es ist erstaunlich, was mit Zahlen alles zu machen ist. Fakt ist, dass über neunzig Prozent aller positiv diagnostizierten behinderten Embryonen abgetrieben werden. Und dies ist eine Form der Selektion behinderter Menschen. Fakt ist auch, das Jahr für Jahr weniger Kinder mit Down-Syndrom geboren werden, Jahr für Jahr werden immer weniger Kinder mit dem so genannten »offenen Rücken« geboren. Dies liegt nicht an irgendeiner Form von Therapie sondern nur und ausschließlich an der vorgeburtlichen Selektion behinderter Embryonen.

Christian Judith ist der bioethische Sprecher der ISL.


Mit Christian Judith sprach Patrick Eickemeier



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