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E. Wolf: «Therapeutisches und reproduktives Klonen lassen sich nicht trennen»
05. Nov 2002 12:08

Eckhard Wolf
Foto: LMU München
Forscher wollen das Klonen zur Zucht maßgeschneiderter Nutztiere einsetzen. Eckhard Wolf, «Vater» der Klonkuh Uschi, sprach mit der Netzeitung über die Auswirkungen auf den Menschen.

Als Eckhard Wolf 1999 als erster Forscher in Deutschland ein geklontes Säugetier, das Klonkalb «Uschi», der Öffentlichkeit vorstellte, erntete der Leiter des Instituts für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie der Universität München neben Ruhm auch viel Kritik. Im Gespräch mit der Netzeitung äußert sich Wolf auch über die Kehrseiten der neuen Gentechniken.

Netzeitung: Wie geht es «Uschi»?

Wolf: Gut, inzwischen ist das Klonkalb selbst Mutter von zwei gesunden Kälbern.

Netzeitung: Was will die Tierzucht mit dem Klonen von Tieren erreichen?

Klonkuh
Foto: LMU München
Wolf: Das Klonen könnte dazu dienen, von einem genetisch besonders wertvollen Tier nicht nur eines, sondern mehrere zur Verfügung zu haben. Solche Klongruppen sind hervorragend für die Untersuchung entscheidender Fragen der Tierzucht – bis hin zur BSE-Forschung – geeignet, da man bei genetisch identischen Tieren elegant die genetische und die umweltbedingte Komponente der Ausprägung bestimmter Merkmale schätzen kann. Für einen breiten Einsatz in der Lebensmittelgewinnung ist die Klonierung aber sicher nicht geeignet.

Netzeitung: Sie sehen im Klonen eine gute Möglichkeit, den Gentransfer bei Nutztieren effizienter zu gestalten. Warum?

Wolf: Bislang musste man für den Gentransfer bei Nutztieren die zu übertragende genetische Information in vielen Kopien in befruchtete Eizellen injizieren. Dieses Verfahren ist allerdings sehr ineffizient, da nur ein kleiner Teil der injizierten Eizellen die übertragene Information tatsächlich ins Erbgut einbaut. Man muss Hunderte von befruchteten Eizellen injizieren, um ein oder zwei Kälber zu erhalten, die das gewünschte zusätzliche oder veränderte, nutzbringende Gen tatsächlich tragen. Wählt man die Strategie der Klonierung, so kann der eigentliche Schritt des Gentransfers in der Zellkultur durchgeführt werden. Man sucht sich dann diejenigen Zellen heraus, die die gewünschte Information stabil eingebaut haben und überträgt ihre Kerne in entkernte Eizellen, wodurch ein entwicklungsfähiger Kerntransferembryo entsteht. Dieser kann dann einem Empfängertier übertragen werden und sich zu einem transgenen Kalb entwickeln.

Zusätzlich birgt dieser Weg den Vorteil, dass man nicht nur genetische Information dazufügen, sondern auch bestimmte Gene ausschalten kann. Wir arbeiten derzeit zum Beispiel daran ein Rind zu erstellen, bei dem das zelluläre Prionproteingen nicht mehr aktiv ist. Bereits im Jahr 1993 hatten Schweizer Wissenschaftler im Mausmodell gezeigt, dass das zelluläre Prionprotein Voraussetzung für die Entstehung einer Prion-Erkrankung wie BSE ist. Wir wollen nun klären, welche normalen Funktionen dieses Protein beim Rind hat und vor allem die Frage untersuchen, ob Rinder ohne dieses zelluläre Prionprotein BSE-infizierbar wären. Sollten sich derartige Rinder als BSE-resistent erweisen, könnte und wollte man zwar sicher nicht die ganze Rinderpopulation damit ersetzen, für bestimmte Anwendungen – etwa die Herstellung von Arzneimitteln in Rindern – wären solche Tiere allerdings ideal.

Netzeitung: Beim Klonen wird das Erbgut einer spezialisierten Körperzelle in den embryonalen Zustand zurückversetzt. Meinen Sie, diese Reprogrammierung könnte eines Tages auch ohne den Kerntransfer in eine Eizelle gelingen, einfach, indem man die Körperzelle in den richtigen Substanzen «badet»?

Hintergrund: Glossar
Wolf: Theoretisch ist das wohl möglich, aber das müsste sicher ein komplexer Cocktail sein, in dem die Zelle da baden müsste. Aber ein Kollege, Phillipe Collas von der Universität Oslo, hat auch praktisch gezeigt, dass das ein gangbarer Weg ist: Er hat versucht Bindegewebszellen in Richtung bestimmter Immunzellen, T-Zellen, umzuprogrammieren. Die beiden Zelltypen unterscheiden sich ganz erheblich darin, welche Gene ein- und welche ausgeschaltet sind.

Mit einem zellbiologischen Trick öffnete er kurze Zeit die Poren in den Zellmembranen der Bindegewebszellen, so dass Proteine und andere Stoffe aus den T-Zellen in diese eindringen konnten. Als er sich dann nach einiger Zeit ansah, welche Gene in den Bindegewebszellen aktiv waren, fand er darunter auch solche, die sonst ausschließlich in T-Zellen eingeschaltet sind. Eine gewisse Reprogrammierung war ihm also gelungen. Vielleicht lässt sich in absehbarer Zeit eine Körperzelle auf diese Weise in eine adulte Stammzelle zurückverwandeln. Welche Stoffe dafür verantwortlich sind, ist allerdings noch unbekannt.

Mehr in der Netzeitung:
Netzeitung: Der Klonforscher Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology in Boston ist ein erklärter Befürworter des therapeutischen Klonens zur Gewinnung embryonaler Stammzellen, reproduktives Klonen von Menschen lehnt er kategorisch ab. Er meint, die britische Regierung habe eine klare Trennungslinie gefunden, legale von illegale Klonpraktiken zu unterscheiden: die Implantation des geklonten Embryos in die Gebärmutter.

Wolf: Das meine ich nicht. Ich widerspreche Herrn Jaenisch nur ungern, glaube aber, dass therapeutisches und reproduktives Klonen schon deswegen nicht strikt zu trennen ist, da alle Schritte bis zum Entstehen einer Blastozyste [Embryo zwischen dem vierten und siebten Tag nach der Befruchtung] bei beiden Ansätzen gleich sind. Die Trennung erfolgt erst bei der Entscheidung, was man mit dem Embryo macht: in die Zellkultur setzen, um daraus pluripotente Zellen zu etablieren oder einer Frau im geeigneten Zyklusstadium einpflanzen, wonach sich zumindest theoretisch ein Kind entwickeln könnte.

Mehr in der Netzeitung: Klondiskussion
Eine entsprechende Lösung mag gesetzlich regelbar sein, allerdings sind Grenzfälle vorprogrammiert: Stellen Sie sich folgenden Fall vor: Eine Diabetikerin will sich über therapeutisches Klonen neue Inselzellen herstellen lassen, damit ihre Zuckerkrankheit geheilt wird. Der Mediziner lässt den Embryo herstellen, da entscheidet sich die Frau um und sagt, sie wolle auch ein Kind und den Embryo lieber austragen. Wer hätte das Recht, ihr den Embryo wegzunehmen, beziehungsweise nicht in die Gebärmutter einzusetzen. Der Arzt, der mit dem therapeutischen Klonen beginnt, muss sich dieses ethischen und juristischen Dilemmas bewusst sein.

Ich glaube, über das therapeutische Klonen machen wir langfristig auch das reproduktive möglich. Ich bin auch ziemlich sicher, dass bestimmte Kreise von Reproduktions-Medizinern nach kürzester Zeit fordern würden, das reproduktive Klonen als einen Spezialfall des therapeutischen Klonens – nämlich zur Behandlung von Kinderlosigkeit – zuzulassen.

Netzeitung: Sind Sie also für ein Verbot des therapeutischen Klonens, so wie es in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz faktisch gilt?

Wolf: Ja, solange bis alle anderen Möglichkeiten für eine Zellersatztherapie ausgeschöpft sind.

Netzeitung: Sie entwickeln Fortpflanzungstechniken für Nutztiere, die aber am Säugetier Mensch in ganz ähnlicher Form Anwendung finden könnten. Macht Ihnen das Sorgen? Haben wir noch im Griff, was Klon- und andere Fortpflanzungstechniken für Wünsche und Möglichkeiten eröffnen?

Wolf: Ich glaube, nicht einmal wir Experten können wirklich abschätzen, was die neuen Fortpflanzungstechniken alles möglich machen könnten. Nachdem unsere Arbeit durch «Uschi» und die Medien bekannt geworden war, bekam ich viele Anrufe und Besuche von den merkwürdigsten Leuten. Einige wollten ihre Hunde, Pferde oder was auch immer geklont haben.

Mit Eckhard Wolf sprach Sascha Karberg
 

Eckhard Wolf sprach am Donnerstag anläßlich der Ringvorlesung «Bioethik und Biopolitik» an der Berliner Freien Universität.

Bis Ende des Wintersemesters wird die Veranstaltungsreihe mit hochkarätigen Rednern aus Politik, Wissenschaft, Philosophie und Publizistik jeweils Donnerstags ab 18 Uhr aktuelle bioethische Fragen behandeln.



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