netzeitung.de«Als ob Wölfe über Schafe entscheiden»

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Hubert Hüppe, CDU, im Bundestag (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hubert Hüppe, CDU, im Bundestag
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ethikrat und Enquete-Kommission haben gesprochen. Im Interview mit der Netzeitung ruft der Enquete-Vize, Hubert Hüppe (CDU) für die Bundestagsentscheidung zum Stammzell-Import die Union zu einem geschlossenen Nein auf. Thema: Stammzell-Import Stammzellforscher Brüstle begrüßt Votum des Ethikrats Mehrheit des Ethikrats für Stammzellen-Import

Mit Auflagen hat der Nationale Ethikrat am Donnerstag dem Import von embryonalen Stammzellen zugestimmt.
Hubert Hüppe, CDU, stellvertretender Vorsitzender der Enquète-Kommission «Recht und Ethik in der Medizin» des deutschen Bundestages, verdächtigt die Befürworter der Stammzellforschung, eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes anzustreben. Er ruft die CSU im Interview mit der Netzeitung zur christlichen Ordnung.

Netzeitung: Herr Hüppe, Sie haben den Kanzler wegen der Zusammensetzung des Nationalen Ethikrates kritisiert. Über das Ergebnis dürften Sie also nicht überrascht sein.

Hüppe: Die Mehrheit stand von vornherein fest.

Es gibt natürlich ein paar Feigenblätter, wie die beiden Bischöfe, es sitzt aber niemand von den Behindertenverbänden oder den Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden im Nationalen Ethikrat.
Es ist ein handverlesener Kreis des Kanzlers, wo der Kanzler politisch in dieser Frage steht, war jedem bekannt und deshalb war das Ergebnis klar.

Netzeitung: Was halten Sie von den Auflagen des Nationalen Ethikrates, die mit dem positiven Votum verknüpft sind?

Hüppe: Die Dreijahresfrist ist eher bedenklich. Denn sie sagt ja, dass nur mit den Stammzellen gearbeitet werden soll, die importiert werden.

Dabei wird nicht eingeschränkt, ob diese Stammzelllinien heute bereits existieren müssen oder erst noch aus Embryonen gewonnen werden dürfen. Das heißt, zum Einen nimmt man in Kauf, dass im Ausland für diese Zwecke Embryonen getötet werden. Und zum Anderen ist es doch nur logisch, dass es nach drei Jahren heißen wird: Warum sollte man Embryonen im Ausland für Deutschland töten dürfen, aber nicht in Deutschland selbst? Am Ende der Frist soll ja auch nicht darüber nachgedacht werden, ob man überhaupt mit embryonalen Stammzellen arbeitet, sondern man will überlegen, ob eine gesetzliche Regelung nötig ist. Das heißt, dass man überlegt, das Embryonenschutzgesetz zu kippen, um in Deutschland Embryonen töten zu dürfen.

Netzeitung: Die Enquète-Kommission des Bundestages ist gegen den Import, der Nationale Ethikrat dafür. Wie wird der Bundestag am 30. Januar entscheiden?

Hüppe: Das weiß im Moment niemand. Ich weiß nicht, wie die Meinungslage in den einzelnen Parteien ist, das werden wir wohl erst nach den Fraktionssitzungen wissen. Aber ich sehe gute Chancen, den Import zu verhindern. Spätestens seit am Sonntag mit dem ersten geklonten menschlichen Embryo klargeworden ist, dass man die Stammzellforschung nicht bejahen kann, ohne auch das Klonen zu legalisieren.

Netzeitung: Wie ist die Meinungslage innerhalb der CDU? Ihr Partei-Kollege Peter Hintze begrüßt das Votum des Ethikrates?

Hüppe: Peter Hintze ist sicherlich mit seiner Meinung völlig isoliert. Er geht ja sogar so weit, das therapeutische Klonen zu befürworten. Ich kenne höchstens zwei oder drei Kollegen, die das Klonen nicht kategorisch ablehnen.

Was mich mehr erschreckt, sind die Signale aus der CSU, dass man unter bestimmten Bedingungen mit einem Import von embryonalen Stammzellen leben könnte. Aber ich denke, da muss auch Herr Stoiber sagen was er will, ob die CSU der Türöffner zur tötenden Embryonenforschung sein will. Ich glaube, das würde die Stammwähler der CSU und CDU verunsichern. Wenn aber die CDU/CSU-Fraktion einigermaßen geschlossen wäre, von Ausnahmen wie Herrn Hintze mal abgesehen, dann wäre der Import zu verhindern. Es liegt also an der Geschlossenheit der Union, ob man der Forschung an Embryonen den Weg bereitet oder nicht. Denn in den anderen Parteien gibt es genug kritische Stimmen, das hat die Enquète-Kommission gezeigt.

Netzeitung: Steht die CDU in der Stammzellfrage vor einer Zerreißprobe? Wie wollen Sie christlich geprägte Ethik und den Gedanken einer fortschrittlichen, forschungs- und entwicklungsfreundlichen Partei unter einen Hut bringen?

Hüppe: Forschungsfreundlich bin ich auch, aber nicht um jeden Preis.

Und schon gar nicht um den Preis des Schutzes des menschlichen Lebens. Das wäre auch gegen alle Parteitagsbeschlüsse, wo immer betont wurde, dass auch der Embryo menschliches Leben darstelle, und ihm Menschenwürde zustehe. Irgendwo haben wir ja auch noch das «C» im Namen. Und es sei erinnert, dass beide Kirchen im Ethikrat gegen den Import gestimmt haben.

Netzeitung: Meinen Sie, die Union kann sich zu einer geschlossenen Haltung durchringen?

Hüppe: Ich glaube nicht, dass wir die Meinungen von Importgegnern und Befürwortern, wie Herrn Hinze, in einem Antrag unter einen Hut bringen. Aber es kann schon sein, dass die Partei bemüht ist, als Union, als christliche Union, zu zeigen, dass sie keine Partei der Beliebigkeit ist. Das heißt nicht, dass nicht jeder seinem Gewissen folgen kann. Ich würde mich ja auch nicht verbiegen lassen. Und bei uns steht es ja auch nicht an, dass irgendjemand eine Vertrauensfrage damit verbindet.

Aber eins muss man ja mal sagen, die CDU liegt ja nicht deshalb in Meinungsumfragen noch nicht ganz vorne, weil wir zu viele feste Standpunkte haben. Deshalb sollte man in diesen Fragen auch mal sagen: Forschung ja, Gentechnik ja, aber die Menschenwürde ist bei uns immer noch höher angesiedelt als das Forschungsinteresse.

Netzeitung: Oliver Brüstle ist mit dem Votum des Nationalen Ethikrates zufrieden. Wie sehen Sie die Rolle der Forscher in der Gen-Ethik-Debatte?

Hüppe: Das ist ja meine Kritik am Ethikrat, dass da zum Teil Leute drin sitzen, die ein eigenes Interesse verfolgen. Wie Herr Winnacker, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel. Das ist so, als ob man den Wölfen den Auftrag gibt, über das Schicksal der Schafe zu entscheiden.

Netzeitung: Wie könnte ein Kompromiss in der Stammzell-Debatte aussehen?

Hüppe: Der Konflikt ist nicht aufzulösen. Es kann keinen Kompromiss geben nach dem Motto: ein bisschen schwanger. Entweder will man menschliches Leben zum Zwecke der Forschung töten, was für mich eine neue Dimension der Forschung darstellt, oder man will das nicht. Ich halte es sogar für bedenklich in Deutschland Stammzellforschung durchzuführen, wenn nur eine knappe Mehrheit für den Import wäre. Denn schließlich hat Herr Winnacker selbst gesagt, dass solch eine Forschung nur möglich wäre, wenn ein breiter Konsens im Parlament und in der Gesellschaft vorhanden wäre. Und das sehe ich auf keinen Fall.

Mit Hubert Hüppe sprach Sascha Karberg