«Als ob Wölfe über Schafe entscheiden»
Netzeitung: Herr Hüppe, Sie haben den Kanzler wegen der Zusammensetzung des Nationalen Ethikrates kritisiert. Über das Ergebnis dürften Sie also nicht überrascht sein.
Hüppe: Die Mehrheit stand von vornherein fest.
Netzeitung: Was halten Sie von den Auflagen des Nationalen Ethikrates, die mit dem positiven Votum verknüpft sind?
Hüppe: Die Dreijahresfrist ist eher bedenklich. Denn sie sagt ja, dass nur mit den Stammzellen gearbeitet werden soll, die importiert werden.
Netzeitung: Die Enquète-Kommission des Bundestages ist gegen den Import, der Nationale Ethikrat dafür. Wie wird der Bundestag am 30. Januar entscheiden?
Hüppe: Das weiß im Moment niemand. Ich weiß nicht, wie die Meinungslage in den einzelnen Parteien ist, das werden wir wohl erst nach den Fraktionssitzungen wissen. Aber ich sehe gute Chancen, den Import zu verhindern. Spätestens seit am Sonntag mit dem ersten geklonten menschlichen Embryo klargeworden ist, dass man die Stammzellforschung nicht bejahen kann, ohne auch das Klonen zu legalisieren.
Netzeitung: Wie ist die Meinungslage innerhalb der CDU? Ihr Partei-Kollege Peter Hintze begrüßt das Votum des Ethikrates?
Hüppe: Peter Hintze ist sicherlich mit seiner Meinung völlig isoliert. Er geht ja sogar so weit, das therapeutische Klonen zu befürworten. Ich kenne höchstens zwei oder drei Kollegen, die das Klonen nicht kategorisch ablehnen.
Netzeitung: Steht die CDU in der Stammzellfrage vor einer Zerreißprobe? Wie wollen Sie christlich geprägte Ethik und den Gedanken einer fortschrittlichen, forschungs- und entwicklungsfreundlichen Partei unter einen Hut bringen?
Hüppe: Forschungsfreundlich bin ich auch, aber nicht um jeden Preis.
Netzeitung: Meinen Sie, die Union kann sich zu einer geschlossenen Haltung durchringen?
Hüppe: Ich glaube nicht, dass wir die Meinungen von Importgegnern und Befürwortern, wie Herrn Hinze, in einem Antrag unter einen Hut bringen. Aber es kann schon sein, dass die Partei bemüht ist, als Union, als christliche Union, zu zeigen, dass sie keine Partei der Beliebigkeit ist. Das heißt nicht, dass nicht jeder seinem Gewissen folgen kann. Ich würde mich ja auch nicht verbiegen lassen. Und bei uns steht es ja auch nicht an, dass irgendjemand eine Vertrauensfrage damit verbindet.
Netzeitung: Oliver Brüstle ist mit dem Votum des Nationalen Ethikrates zufrieden. Wie sehen Sie die Rolle der Forscher in der Gen-Ethik-Debatte?
Hüppe: Das ist ja meine Kritik am Ethikrat, dass da zum Teil Leute drin sitzen, die ein eigenes Interesse verfolgen. Wie Herr Winnacker, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Beispiel. Das ist so, als ob man den Wölfen den Auftrag gibt, über das Schicksal der Schafe zu entscheiden.
Netzeitung: Wie könnte ein Kompromiss in der Stammzell-Debatte aussehen?
Hüppe: Der Konflikt ist nicht aufzulösen. Es kann keinen Kompromiss geben nach dem Motto: ein bisschen schwanger. Entweder will man menschliches Leben zum Zwecke der Forschung töten, was für mich eine neue Dimension der Forschung darstellt, oder man will das nicht. Ich halte es sogar für bedenklich in Deutschland Stammzellforschung durchzuführen, wenn nur eine knappe Mehrheit für den Import wäre. Denn schließlich hat Herr Winnacker selbst gesagt, dass solch eine Forschung nur möglich wäre, wenn ein breiter Konsens im Parlament und in der Gesellschaft vorhanden wäre. Und das sehe ich auf keinen Fall.

