14. Aug 2001 07:10
Im Gespräch mit der Netzeitung erteilt der Evolutionsphilosoph Alejandro Rosas den Hoffnungen auf klare Leitlinien in der Bioethik eine Absage.
Der in Münster forschende Evolutionsphilosoph Alejandro Rosas sucht in der Soziobiologie und Evolutionstheorie nach moralischen Prinzipien, die «keine theologische Begründung brauchen.» Moralische Haltungen sind für ihn auch aus der Evolution erklärbar. Im Gespräch mit der Netzeitung hält der Kolumbianer vor allem eines für sicher: Die Bioethik-Diskussion wird nie enden. Nicht philosophisch-moralische Imperative werden die Lösung sein, sondern Kompromisse.Netzeitung: Die Bioethik-Debatte spiegelt auch die Pluralisierung der Gesellschaft und ihrer Wertbezüge wider. Es zeigen sich Ambivalenzen, die Menschen an die Grenzen der Entscheidungsfähigkeit führen. Dennoch werden Entscheidungen verlangt. Was kann Orientierungspunkte für eine breite Mehrheit liefern?
Rosas: Unsere Zeit macht gewaltige intellektuelle und ideologische Veränderungen durch. Die Stichwörter sind Entzauberung, Entmenschlichung oder Verdinglichung. Man muss sich mit dem Gedanken versöhnen, dass die wirklichen Werte viel mehr auf menschlichen Entscheidungen, auf dem Ausgleichen von miteinander in Konflikt stehenden Interessen beruhen, als man es vorher angenommen hat.
Netzeitung: Der Kernpunkt der Debatte etwa um die embryonale Stammzellenforschung trifft die Frage nach dem Anfang des menschlichen Lebens. Zugleich werden von der Forschung Heilungschancen für Schwerkranke erwartet. Wie ist dieses Dilemma zu lösen? Welche Moral ist die bessere?
Rosas: Es betrifft auch die Frage, was mit den Tausenden von eingefrorenen Embryonen zu tun ist, die keine Chance haben, adoptiert zu werden. Das Schicksal dieser Embryonen war schon vor der Stammzellenforschung an ihnen tragisch. Wir wissen, dass es Situationen gibt, in denen man von Menschen verlangen kann, dass sie sich für andere sinnvoll opfern. Wissenschaftler sind dazu verpflichtet, uns zu überzeugen, dass solche Heilungschancen wirklich bestehen, denn nur so ist es sinnvoll, ein solches Opfer zu verlangen.
Netzeitung: Worum geht es wirklich in der bioethischen Diskussion? Um wirkliche ethische Bedenken oder um eine allgemeine Sehnsucht nach Regeln und Verhaltensnormen, die, sobald sie aufgestellt sind, Allgemeingut werden?
Rosas: Es gibt keinen Algorithmus, kein eindeutiges Verfahren, um auch die alltäglichsten Interessen der Menschen gegeneinander abzuwägen, um so weniger, wenn es um Leben um Tod geht. In diesem Fall können wir nicht einmal die Embryonen befragen. Unsere Vorstellungskraft ist bis ans Äußerste gefordert.
Netzeitung: Neben Stammzellforschung und Klonen steht die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Mittelpunkt der Bioethik-Debatte. Ist eine Vorauswahl menschlichen Lebens durch die PID moralisch zulässig?
Rosas: Nicht aus beliebigen Vorstellungen von Perfektion. Aber es ist ein normaler Wunsch jedes Elternpaares, gesunde Kinder auf die Welt zu bringen. Daraus lässt sich nicht schließen, dass Eltern eine negative, etwa verachtende Einstellung gegenüber kranken Menschen haben oder gar gegenüber solchen Eltern, die sich dafür entschlossen haben, ein Kind mit beispielsweise Down-Syndrom auf die Welt zu bringen. Die Einstellung zu solchen schwierigen Entscheidungen hängt vielmehr vom Charakter und der Intelligenz eines jeden als vom bloßen Bestehen solcher medizinischer Möglichkeiten ab.
Netzeitung: Manövrieren wir uns mit dem Drängen nach genetischen Reparaturen - eben Auslese durch PID oder gar Klonen - nicht in eine evolutionäre Sackgasse? Sind diese Bestrebungen evolutionsbiologisch, also für die erfolgreiche Weitergabe individueller Erbanlagen an die nächste Generation, überhaupt sinnvoll?
Rosas: In der Tat wissen wir noch zu wenig darüber, wie die Gene miteinander zusammenwirken und wie sie die verschiedenen Eigenschaften der Individuen hervorbringen. Verantwortungsloses Experimentieren mit der Erbanlage könnte, wenn es in großem Ausmaß praktiziert wird, den Reichtum des menschlichen Genpools verringern. Wissenschaftler müssen auch auf diesen Zusammenhang achten.
Netzeitung: In der Bioethik-Debatte scheinen Lösungen in dem Sinne, dass man sich moralisch einigt, fast illusorisch. Dennoch müssen politische Entscheidungen fallen. Wie kommt man hier weiter?Rosas: Wie man es immer getan hat: Die politische Entscheidung wird auf einen Kompromiss der Mitte hinsteuern, etwa den, dass man Embryonen nicht eigens zu Forschungszwecken erzeugen darf. Wie bei der Abtreibungsdebatte wird das nicht jeden gleichermaßen zufrieden stellen und es wird immer Menschen geben, die für eine Änderung der Rechtslage kämpfen werden. Sobald alles demokratisch verläuft, ist das nicht schlimm. Auch die Diskussion verbindet Menschen und hält sie zusammen.
Netzeitung: Sie sind Kant-Kenner. Wie hätte der Königsberger Gelehrte sich wohl in dieser Debatte geäußert?
Rosas: Keiner kann beanspruchen zu wissen, was Kant zu dieser Frage gesagt hätte. Aber der kategorische Imperativ erlaubt auch Interpretationen, die gegen einige strenge moralische Haltungen Kants sprechen, etwa in der Frage der Lüge oder des Selbstmordes. Man muss sich nur vorstellen, es käme jemand mit der Behauptung, dass das schmerzlose Opfern eines Menschen für die Rettung vieler eine Absicht ist, die sich als universale Regel denken lässt, umso mehr, wenn das Opfer sowieso dem Tode geweiht ist. Das ist bei Tausenden von tiefgefrorenen Embryonen der Fall. Würde man das nicht für plausibel halten?
Mit Alejandro Rosas sprach Uschi Heidel