myNZ - LoginProbeabo  |  Guided Tour  |  Login  
E-Mail an die Redaktion Gen & Mensch

Zur Übersicht GEN-ETHIK-DEBATTEZur Titelseite
Zur Übersicht SPEZIAL





 Titelseite

 Deutschland

 Ausland

 Wirtschaft

 Vermischtes

 Sport

 Entertainment

 Internet

 Feuilleton

 Wissenschaft

 Auto & Technik

 Arbeit & Beruf

 Medien

 Wetter

 Reise


 Voice of
 Germany
 Bücher
 Cartoon
 Wetter


 Über uns
 Bilderschau
 NZ-Audio
 Stellenangebote
 Leserbriefe
 Mediadaten


Embryonen könnten
«sinnvolle Opfer» sein
14. Aug 2001 07:10

Alejandro Rosas
Foto: Humboldt-Stiftung
Im Gespräch mit der Netzeitung erteilt der Evolutionsphilosoph Alejandro Rosas den Hoffnungen auf klare Leitlinien in der Bioethik eine Absage.

Mehr in der Netzeitung:
Stammzellforschung, Klonen, Selektion durch Präimplantationsdiagnostik. In der Bioethik-Diskussion geht es vor allem darum, welche der neuen Techniken ethisch vertretbar ist. Die Würde und die Interessen von Zellhaufen, die niemand befragen kann, stehen den Interessen von Patienten oder kinderlosen Paaren gegenüber, die sich Linderung ihrer Leiden oder die Erfüllung ihres Wunsches nach Nachwuchs erhoffen.

Evolutionsphilosophie

Mehr in der Netzeitung: NZ-Gespräche zur Bioethik
Der in Münster forschende Evolutionsphilosoph Alejandro Rosas sucht in der Soziobiologie und Evolutionstheorie nach moralischen Prinzipien, die «keine theologische Begründung brauchen.» Moralische Haltungen sind für ihn auch aus der Evolution erklärbar. Im Gespräch mit der Netzeitung hält der Kolumbianer vor allem eines für sicher: Die Bioethik-Diskussion wird nie enden. Nicht philosophisch-moralische Imperative werden die Lösung sein, sondern Kompromisse.

Netzeitung: Die Bioethik-Debatte spiegelt auch die Pluralisierung der Gesellschaft und ihrer Wertbezüge wider. Es zeigen sich Ambivalenzen, die Menschen an die Grenzen der Entscheidungsfähigkeit führen. Dennoch werden Entscheidungen verlangt. Was kann Orientierungspunkte für eine breite Mehrheit liefern?

Rosas: Unsere Zeit macht gewaltige intellektuelle und ideologische Veränderungen durch. Die Stichwörter sind Entzauberung, Entmenschlichung oder Verdinglichung. Man muss sich mit dem Gedanken versöhnen, dass die wirklichen Werte viel mehr auf menschlichen Entscheidungen, auf dem Ausgleichen von miteinander in Konflikt stehenden Interessen beruhen, als man es vorher angenommen hat.

Netzeitung: Der Kernpunkt der Debatte etwa um die embryonale Stammzellenforschung trifft die Frage nach dem Anfang des menschlichen Lebens. Zugleich werden von der Forschung Heilungschancen für Schwerkranke erwartet. Wie ist dieses Dilemma zu lösen? Welche Moral ist die bessere?

Rosas: Es betrifft auch die Frage, was mit den Tausenden von eingefrorenen Embryonen zu tun ist, die keine Chance haben, adoptiert zu werden. Das Schicksal dieser Embryonen war schon vor der Stammzellenforschung an ihnen tragisch. Wir wissen, dass es Situationen gibt, in denen man von Menschen verlangen kann, dass sie sich für andere sinnvoll opfern. Wissenschaftler sind dazu verpflichtet, uns zu überzeugen, dass solche Heilungschancen wirklich bestehen, denn nur so ist es sinnvoll, ein solches Opfer zu verlangen.

Netzeitung: Worum geht es wirklich in der bioethischen Diskussion? Um wirkliche ethische Bedenken oder um eine allgemeine Sehnsucht nach Regeln und Verhaltensnormen, die, sobald sie aufgestellt sind, Allgemeingut werden?

Rosas: Es gibt keinen Algorithmus, kein eindeutiges Verfahren, um auch die alltäglichsten Interessen der Menschen gegeneinander abzuwägen, um so weniger, wenn es um Leben um Tod geht. In diesem Fall können wir nicht einmal die Embryonen befragen. Unsere Vorstellungskraft ist bis ans Äußerste gefordert.

Netzeitung: Neben Stammzellforschung und Klonen steht die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Mittelpunkt der Bioethik-Debatte. Ist eine Vorauswahl menschlichen Lebens durch die PID moralisch zulässig?

Rosas: Nicht aus beliebigen Vorstellungen von Perfektion. Aber es ist ein normaler Wunsch jedes Elternpaares, gesunde Kinder auf die Welt zu bringen. Daraus lässt sich nicht schließen, dass Eltern eine negative, etwa verachtende Einstellung gegenüber kranken Menschen haben oder gar gegenüber solchen Eltern, die sich dafür entschlossen haben, ein Kind mit beispielsweise Down-Syndrom auf die Welt zu bringen. Die Einstellung zu solchen schwierigen Entscheidungen hängt vielmehr vom Charakter und der Intelligenz eines jeden als vom bloßen Bestehen solcher medizinischer Möglichkeiten ab.

Netzeitung: Manövrieren wir uns mit dem Drängen nach genetischen Reparaturen - eben Auslese durch PID oder gar Klonen - nicht in eine evolutionäre Sackgasse? Sind diese Bestrebungen evolutionsbiologisch, also für die erfolgreiche Weitergabe individueller Erbanlagen an die nächste Generation, überhaupt sinnvoll?

Rosas: In der Tat wissen wir noch zu wenig darüber, wie die Gene miteinander zusammenwirken und wie sie die verschiedenen Eigenschaften der Individuen hervorbringen. Verantwortungsloses Experimentieren mit der Erbanlage könnte, wenn es in großem Ausmaß praktiziert wird, den Reichtum des menschlichen Genpools verringern. Wissenschaftler müssen auch auf diesen Zusammenhang achten.

Netzeitung: In der Bioethik-Debatte scheinen Lösungen in dem Sinne, dass man sich moralisch einigt, fast illusorisch. Dennoch müssen politische Entscheidungen fallen. Wie kommt man hier weiter?

Rosas: Wie man es immer getan hat: Die politische Entscheidung wird auf einen Kompromiss der Mitte hinsteuern, etwa den, dass man Embryonen nicht eigens zu Forschungszwecken erzeugen darf. Wie bei der Abtreibungsdebatte wird das nicht jeden gleichermaßen zufrieden stellen und es wird immer Menschen geben, die für eine Änderung der Rechtslage kämpfen werden. Sobald alles demokratisch verläuft, ist das nicht schlimm. Auch die Diskussion verbindet Menschen und hält sie zusammen.

Netzeitung: Sie sind Kant-Kenner. Wie hätte der Königsberger Gelehrte sich wohl in dieser Debatte geäußert?

Rosas: Keiner kann beanspruchen zu wissen, was Kant zu dieser Frage gesagt hätte. Aber der kategorische Imperativ erlaubt auch Interpretationen, die gegen einige strenge moralische Haltungen Kants sprechen, etwa in der Frage der Lüge oder des Selbstmordes. Man muss sich nur vorstellen, es käme jemand mit der Behauptung, dass das schmerzlose Opfern eines Menschen für die Rettung vieler eine Absicht ist, die sich als universale Regel denken lässt, umso mehr, wenn das Opfer sowieso dem Tode geweiht ist. Das ist bei Tausenden von tiefgefrorenen Embryonen der Fall. Würde man das nicht für plausibel halten?

Mit Alejandro Rosas sprach Uschi Heidel
 

Mehr in der Netzeitung: Hintergrund



«Mehr aktuelle Nachrichten aus dem Spezial Gen-Ethik

Drucken
Artikel versenden


NZ-Suche
 

Wissenschaft
Erst 1939 ging es an den Pariser Platz
 (04. Jul 18:46)
Säuferwahn kann vererbt werden
 (04. Jul 17:41)
Tausende von Pfund für eine Gegen-Studie
 (02. Jul 11:11)
«Sie nehmen Tabletten und gehen zur Akupunktur»
 (02. Jul 08:52)
Kein Pinguin-Futter unterm Ölteppich
 (01. Jul 16:26)
Kohlendioxid wird unter die Erde gekehrt
 (01. Jul 13:48)


zum Seitenanfang


Titelseite | Deutschland | Ausland | Wirtschaft | Vermischtes | Sport | Entertainment | Internet
Feuilleton |  Wissenschaft | Auto & Technik | Arbeit & Beruf | Medien | Wetter | Reise | Spezial | Suche
Podcast | RSS-Feed | NZ-Mobil | Die letzten 24h | Desktop-Schlagzeilen | Newsletter
Leserbriefe | Leser Top 10 | Über uns
 

Chefredakteure: Michael Angele und Matthias Ehlert  |  Impressum  |  Mitarbeiter  |  Kontakt  |  Mediadaten  |  Audio-News
 
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2007 NZ Netzeitung GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.