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Die Katastrophe ist nur da, wo gefilmt wird
05. Jan 2005 07:50

Überlebender in Aceh mit US-Soldaten
Foto: dpa
Das jüngste Seebeben zeigt die geografische Verteilung von Arm und Reich auf und demonstriert die Lücken in der globalen Berichterstattung. Es macht aber auch den hohen Grad der Verflechtung der Welt deutlich.
 
Von Joachim Helfer

Am 26. Dezember 2004, um 7.59 Uhr Ortszeit (entsprechend 1.59 Uhr Mitteleuropäischer Zeit), entlud sich die tektonische Spannung zwischen der Indischen und der Burma-Platte der Erdkruste. Dabei sprang vor der Westküste Sumatras der Grund des Indischen Ozeans auf einer Länge von über eintausend Kilometern ruckartig um etwa 23 Meter nach oben. Die dabei verdrängten Wassermassen bildeten eine Flutwelle, die sich mit über 500 Kilometern pro Stunde in alle Himmelsrichtungen ausbreitete.

Über tiefer See nicht höher als zwei Meter, türmte sie sich, verlangsamend, über den niedrigeren Gewässern in Landnähe auf und brandete schließlich mit örtlich bis zu 12 Metern Höhe an alle umliegenden Küsten. Was für die Erdgeschichte ein ohne weiteres erklärliches und durchaus nicht ungewöhnliches Detail ist, erweist sich für die Menschheitsgeschichte als schwerer fasslich: Auch eine Woche später können wir das Ausmaß dieser furchtbarsten Naturkatastrophe seit Menschengedenken nur schätzen.

Beben ohne Vorwarnung

Selbst die Zahl der Opfer, die wie die konzentrischen Wasserberge im Ozean selber Tag für Tag in immer entlegenere Regionen vorrückt, werden wir wohl nie erfahren, viele der Toten wohl nie gefunden, geschweige denn identifiziert werden. Gänzlich offen ist, ob der 26. 12. 2004 einmal eine Wendemarke der Weltgeschichte markieren oder als Fußnote in ihr vermerkt werden wird. Einige Fundamente des jetzigen Weltzustands allerdings hat die Flut mit aller Brutalität offen gelegt – und zwar nicht immer so, wie das Vorurteil sie sich vorstellt.

So zeigt zwar auch diese Tragödie, dass Arme gefährlicher leben, schützt die reicheren Japaner und Amerikaner vor vergleichbaren Gefahren im Pazifik doch ein satellitengestütztes Warnsystem. Wenn Indien und die wirtschaftlich in der ASEAN-Gruppe vorbildlich kooperierenden Anrainer des Indischen Ozeans nun aber verkünden, dass sie ein solches System jetzt rasch aufbauen werden, dann hätten sie das vor dem Beben auch schon gekonnt.

Opfer unfähiger Politiker

Nicht alles ist eben eine Frage des Geldes, das zeigt sich besonders deutlich an den Opfern an der afrikanischen Ostküste: Während die Behörden im – zumal ja unmittelbar davor von einem Erdbeben verwüsteten – Norden Sumatras kaum Zeit hatten, die Bevölkerung zu warnen, jene auf Sri Lanka, in Thailand und Indien nur wenige Stunden, erreichten die Flutwellen Kenia oder Somalia etliche Stunden nach den ersten Fernsehbildern über die Zerstörung, die sie am anderen Ende desselben Ozeans angerichtet hatten.

Trauer in Thailand
Foto: dpa
Rundfunksender aber unterhält jeder afrikanische Staat, einen Transistor gibt es noch im abgelegensten Fischerdorf Madagaskars; die mindestens nach hunderten zählenden Toten in Afrika sind also Opfer nicht der Natur, sondern verantwortungsloser und unfähiger Politiker. Wobei, und das gehört zum zweiten Befund, den die Welle deutlich gemacht hat, von Madagaskar zum Beispiel in den Medien sowenig die Rede war wie von Birma. Tatsächlich zeigte noch jede Sondersendung im Fernsehen bis heute eine Karte, auf der Birma nicht als eines der betroffenen Länder eingefärbt ist, obwohl seine Küste sich an die mit am schwersten verheerte Thailands unmittelbar anschließt, dem Epizentrum näher liegt als etwa die Indiens.

Materielle Schäden geringer als bei amerikanischem Tornado

Nach Lage der geografischen Verhältnisse und Bevölkerungsdichte ist die nach tagelangem Schweigen von der Birmesischen Junta verkündete Zahl von 90 Toten schlicht nicht glaubwürdig, höchstwahrscheinlich um ein Zigfaches zu niedrig. Der Unterschied ist nun aber keineswegs nur, dass es dort eben keine westlichen Touristen gibt, denn die verirren sich ja auch nur selten nach Bangladesh und Sumatra, konzentrieren sich vielmehr in wenigen Regionen Thailands und Sri Lankas, sowie auf einigen Inseln der Malediven. Was Birma zum im Fernsehen unbetroffenen Land macht, ist, dass es dort keine Journalisten, keine Kameras, keine Telefonleitungen zu Zeugen gibt. Geschehen ist nur, was man filmen kann, und wäre es unter Mühen wie nun auf den abgelegenen und militärisch abgeschotteten indischen Andamen; wohin aber selbst unter Mühen keine westliche Kamera dringen kann, weil die politischen Verhältnisse es absolut unmöglich machen, dort ist auch nichts geschehen.

Drittens beleuchtet die Reaktion auf die Katastrophe den fortgeschrittenen, teilweise überraschenden Grad der Entwicklung und Verflechtung der Welt. So erweist sich das traditionelle Bild von der Spaltung in Nord und Süd als nicht mehr ganz korrekt: es gilt noch bei der materiellen Schadenshöhe in Devisen, die nach Aussage der weltgrößten Rückversicherer, traditionell eine Domäne der Deutschen und Schweizer, geringer ist als bei jedem Tornado in den USA.

Apathische Deutsche

Bei der sachlichen Nothilfe und Schadensbeseitigung aber kann eine aufstrebende Großmacht wie Indien, selbst schwer betroffen, heute statt als Nehmer als Geber für Dritte auftreten; und auch Thailand bittet weniger um Hilfsgeld, als darum, dass die Touristen, von denen es seit langem nicht gar so schlecht lebt, nun nicht etwa pietätvoll ausbleiben, sondern möglichst sofort wiederkehren mögen. Offensichtlich gibt es für die Wellen an Spenden, die sich derzeit auf Hilfskonten in aller Welt ergießen, dort, wo sie aufgrund der politischen Verhältnisse überhaupt umgesetzt werden könnten, kaum noch sinnvolle Verwendung; die Organisation 'Ärzte ohne Grenzen' jedenfalls hat bereits verkündet, dass sie zweckgebundene Zuwendungen für die Fluthilfe in Südasien mangels entsprechenden Projekten nicht mehr entgegennehmen möchte.

Ohne Grenzen ist bei dieser globalen Katastrophe allerdings auch das Leid denkbar weit vom Ort des Grauens entfernt liegender Länder; für Schweden etwa, das fast jeden zweitausendsten Bürger vermisst und nach Lage der Dinge wohl verloren geben muss, ist dieses Seebeben im indischen Ozean die größte Tragödie seiner Geschichte. Die Deutschen haben da, versteht sich, ganz Anderes erlebt und entfesselt; an ihrer leicht apathischen, selbst den Titel des Spendenweltmeisters anderen, nämlich den Engländern überlassenden Reaktion, fällt dieser Tage vor allem auf, dass andere Regierungen entweder schneller wissen oder aber schneller dem Volk zu sagen wagen, wie viele ihrer Mitbürger vermisst werden.

Wenn die Bundesregierung nicht will, dass in der Presse über die deutschen Opfer spekuliert wird, sollte sie eine Woche nach dem Ereignis, so unfassbar es ist, in der Lage sein, eine etwas genauere Zahl zu nennen, wie immer schockierend sie sein mag. Verleugnen und Verdrängen passt als deutsches Reaktionsmuster nicht auf ein globales Verhängnis.






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