EU will den «informierten Verbraucher»30. Jan 2008 15:32  |  Auf allen Lebensmitteln sollen Angaben stehen | Foto: dpa |
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Angaben zu dem Nährwertgehalt will die EU auf allen Lebensmitteln - nicht nur auf Frischprodukten und alkoholischen Getränken. Dem schließt sich Verbraucherminister Seehofer nach der ersten deutschen 'Verzehrstudie' an.
Abgepackte Lebensmittel sollen nach dem Willen der EU-Kommission künftig grundsätzlich mit Angaben zum Fett-, Zucker- und Salzgehalt versehen werden. Ausgenommen sind nach dem am Mittwoch in Brüssel vorgelegten Richtlinie lediglich Frischprodukte wie Obst, Gemüse oder rohes Fleisch sowie alkoholische Getränke. Alle anderen Nahrungsmittel und auch Mischgetränke wie Alkopops sollen mit Informationen zu ihrem Nährwertgehalt versehen werden.
Den Verbrauchern solle ermöglicht werden, «sich für eine ausgewogene Ernährung zu entscheiden», erklärte EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. Dazu sollen künftig auf allen Lebensmittelpackungen sechs Elemente aufgeführt werden: Energiegehalt (in Kilojoule), Kohlehydrate unter spezieller Nennung von Zucker und Salz, Fettgehalt und Anteil gesättigter Fettsäuren je 100 Milliliter oder Gramm des Produkts. Bei kleinen Verpackungen können die Mengen auch nach Portionsgröße angegeben werden, etwa bei Joghurtbechern oder Schokoriegeln. Bei Großpackungen soll dies nur möglich sein, wenn die Portionsgröße in Gramm oder Milliliter definiert wird. Zusätzlich soll das Verhältnis der sechs Elemente zur empfohlenen Tagesdosis in Prozent angegeben werden.Alle diese Angaben sollen nach den Vorstellungen der Kommission auf der Packungsvorderseite angebracht werden, die Schriftgröße muss mindestens drei Millimeter groß sein. Ausgenommen sind Verpackungen, deren Oberfläche kleiner als 25 Quadratzentimeter ist.
Stichwort: Die von Verbraucherschützern favorisierte Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln funktioniert denkbar einfach: Dabei wird jeweils der Gehalt an Fett, Salz, Zucker und gesättigten Fettsäuren farblich ausgewiesen. Rot steht für einen hohen, Gelb für einen mittleren und Grün für einen niedrigen Gehalt. Die Experten versprechen sich von der Lösung, die in Großbritannien bereits zum Einsatz kommt, eine bessere Vergleichbarkeit. Dagegen hält die Industrie eine Einteilung in «gute» und «schlechte» Lebensmittel für den falschen Weg. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen macht sich schon seit längerem für das Ampel-Modell stark. Damit könnten die Kunden eine fundiertere Entscheidung treffen und etwas für eine bessere Ernährung tun. Die jetzige Form der Kennzeichnung sei irreführend und mitverantwortlich für ernährungsbedingte Krankheiten und entsprechende Folgekosten. Gefordert wird auch, die Ampel gut sichtbar auf der Vorderseite der Verpackung anzubringen. |
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Forderungen von Verbraucherschutzorganisationen nach der Einführung des einfacheren britischen «Ampelsystems» in ganz Europa wies Kyprianou zurück. Die Reduzierung der Nährwertinformationen auf rote, gelbe und grüne Symbole «könnte zu einer übertriebenen Vereinfachung führen», sagte der Gesundheitskommissar. «Wir wollen den informierten Verbraucher, wir wollen nicht Entscheidungen für ihn treffen - sonst kommen wir noch dahin, jeden Tag das perfekte Menü zu empfehlen.» Die Bedenken erläuterte ein Kommissionsbeamter am Beispiel von Margarine: Diese wäre nach dem Ampelsystem immer als rot zu kennzeichnen, egal ob fettreduziert oder nicht. Das Ampelsystem dürfe aber zusätzlich zu den Mengenangaben verwendet werden, sagte Kyprianou. Für das britische System sprach sich die Verbraucherorganisation Foodwatch aus. «Die Industrie scheut das wie der Teufel das Weihwasser, denn damit bekämen die Kunden mit einem roten Punkt sofort leicht verständlich signalisiert, wenn viel Zucker enthalten ist», sagte Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung».
Nährwertangaben zu Alkohol «in ein paar Jahren» möglich Die Ausnahmen für Bier, Wein und Spirituosen versuchte Kyprianou mit den EU-Bemühungen zum Bürokratie-Abbau zu rechtfertigen: Da es etwa für Wein gesonderte Rechtstexte gebe, «müssen wir untersuchen, ob wir die Kennzeichnungspflicht nicht lieber dort regeln sollten». Indirekt räumte der Gesundheitskommissar aber ein, dass der Widerstand gegen Angaben etwa zum Zuckergehalt von Bier zu groß war: «Das ist eine besonders sensible Produktkategorie», sagte Kyprianou. Er versicherte jedoch: «Grundsätzlich haben wir beschlossen, dass auch diese Produkte erfasst werden sollten, und wir werden in ein paar Jahren darauf zurückkommen.» Neben der allgemeinen Informationspflicht zum Nährwertgehalt schlug die Kommission auch strengere Regeln für Herkunftsbezeichnungen vor: Wolle ein Produzent etwa eine Pastasoße mit dem Zusatz «hergestellt in Italien» kennzeichnen, verwende darin aber wesentliche Zutaten aus einem anderen Mitgliedstaat, so müsse er auf diesen Umstand hinweisen. Die Angabe müsste dann etwa «Tomatensoße aus Italien mit griechischen Oliven» lauten.
«Vernünftigen Weg zwischen Ampel und Beipackzettel» Auch Bundesverbraucherminister Horst Seehofer hat eine kundenfreundliche Kennzeichnung von Lebensmitteln in der EU gefordert. «Wir brauchen eine vernünftige Information», sagte Seehofer am Mittwoch in Berlin. Sie müsse ohne Lupe zu lesen und nicht nur für Mathematiker zu verstehen sein. Die EU-Kommission hatte am selben Tag vorgeschlagen, Nahrungsmittel und Mischgetränke mit Informationen zu ihrem Nährwertgehalt zu versehen.
Für Energiegehalt, Kohlenhydrate unter spezieller Nennung von Zucker und Salz, Fettgehalt und Anteil gesättigter Fettsäuren soll auch das Verhältnis zur empfohlenen Tagesdosis in Prozent angewiesen werden. Seehofer sagte, wenn bei einem Getränk angegeben werde, dass schon ein Glas davon etwa ein Viertel des Tagesbedarfs an Zucker enthalte, könne sich der Verbraucher selbst ein Bild machen. Der Minister plädierte bei der Kennzeichnung für einen «vernünftigen Weg zwischen Ampel und Arzneimittel-Beipackzettel». Die Ampel nach britischem Vorbild bedeutet, dass jeweils der Gehalt an Fett, Salz, Zucker und gesättigten Fettsäuren farblich ausgewiesen wird. Rot steht für einen hohen, Gelb für einen mittleren und Grün für einen niedrigen Gehalt. Der Präsident des Max-Rubner-Instituts am Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, Gerhard Rechkemmer, sagte, die Ampel vereinfache zu stark. Honig zum Beispiel bekomme wegen seines hohen Energiegehalts einen roten Punkt. Auch sei der ausschließliche Verzehr von «grünen» Produkten kein Garant für eine ausgewogene Ernährung. Die Information über den Anteil der Portion am Gesamtbedarf sei für Verbraucher besser nachvollziehbar.
Erste deutsche 'Verzehrstudie' Hintergrund von Seehofers Forderungen war die ersten gesamtdeutschen «Verzehrstudie», nach der Menschen mit geringer Bildung überdurchschnittlich oft zu dick sind. 70 Prozent der Menschen mit Hauptschulabschluss leiden unter Übergewicht. Wer Abitur hat, sei nur halb so oft betroffen. Als Folge sinke mit höherem Einkommen auch das Risiko der Fettleibigkeit, sagte Seehofer. Für die Studie über die Essgewohnheiten der Deutschen wurden bundesweit fast 20.000 Personen zwischen 14 und 80 Jahren befragt. Als Ergebnis war bereits am Vortag bekanntgeworden, dass mehr als die Hälfte der Bundesbürger zu dick ist. Jugendliche sind allerdings vergleichsweise selten betroffen. Seehofer sagte, drei Viertel der 14- bis 18-Jährigen hätten Normalgewicht. Allerdings seien zehn Prozent der jüngeren Frauen untergewichtig. (dpa/AP)
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