netzeitung.deDer «skandalöse Wanderzirkus» der EU

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EU-Parlament in Straßburg (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe EU-Parlament in Straßburg
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Absolut unnötig sei der all-monatliche Wanderzirkus des Europäischen Parlaments zwischen Brüssel und Straßburg, meint Silvana Koch-Mehrin. In einem Gastbeitrag für die Netzeitung fordert die FDP-Politikerin ein Ende des Reisezirkusses.

Von Silvana Koch-Mehrin

Straßburg galt lange Jahre als Symbol der europäischen Einigung. Insbesondere war es Zeichen der Aussöhnung zwischen den früheren «Erbfeinden» Deutschland und Frankreich. Mittlerweile aber hat sich der Stellenwert der Stadt im Elsass verschoben: Straßburg ist heute nur noch das Symbol für absurde EU-Politik.

Der all-monatliche Wanderzirkus des Europäischen Parlaments zwischen Brüssel und Straßburg kostet die europäischen Steuerzahler weit über 200 Millionen Euro pro Jahr. In Zeiten eklatant leerer Haushaltskassen ist diese Verschwendung von Steuergeld skandalös - und gleichzeitig absolut unnötig. Die Gebäude, also Plenarsaal, Sitzungsräume und Büros, sind nämlich alle doppelt vorhanden, in Brüssel und in Straßburg. Ebenso die Computer, Telefone und all das, was ein Parlament für seine tagtägliche Arbeit benötigt. Arbeiten tun die Abgeordneten in Straßburg allerdings nur 48 Tage im Jahr. Die übrige Zeit steht das Parlament leer.

Abgesehen von den Kosten ist eine effiziente Tätigkeit, verteilt auf zwei Standorte, kaum möglich: Die Hin- und Herpendelei der Parlamentarier, ihrer Assistenten, der Dolmetscher und der Armada von Verwaltungsmitarbeitern kostet wertvolle Arbeitszeit und jede Menge Nerven.

Einmal pro Monat setzt sich der Tross von 732 Abgeordneten und rund 2000 Mitarbeitern in Brüssel in Bewegung, um vier Tage lang in Straßburg zu tagen. Jedes Büro verpackt Akten, Dokumente und Büromaterial in große Plastikkisten, um diese dann in Straßburg wieder auszupacken. Ist die so genannte «Straßburg-Woche» vorbei, wird in Straßburg wieder ein- und in Brüssel ausgepackt. Eine Lastwagenkolonne befördert die insgesamt rund 3500 Kisten, Charterflugzeuge die Abgeordneten. Alle anderen nehmen den stets überfüllten Zug oder pendeln mit dem Auto - was angesichts von Staus und Parkplatznot um das Parlament in Straßburg herum aber wenig ratsam ist.

Wir FDP-Abgeordneten wurden nur müde belächelt, als wir vor gut einem Jahr unter dem Motto «No need for two seats» vor dem Straßburger Parlament demonstriert haben. Schon damals forderten wir, das Europäische Parlament solle nur noch in Brüssel tagen und den teuren Reisezirkus beenden. Der aktuelle Anlass war damals der Besuch von US-Präsident George W. Bush in Brüssel. Der amerikanische Präsident stattete der EU seinen Besuch ab, während wir Abgeordneten 500 Kilometer entfernt in Straßburg tagten. Im politischen Abseits, wenn man so will. Die Augen der Welt richteten sich auf Brüssel und die EU - und das Parlament war nicht dabei.

Mittlerweile aber hat sich die Meinung vieler Parlamentarier geändert. Die Forderung nach einem einzigen Parlamentssitz genießt fraktions- und länderübergreifend große Unterstützung. Selbst französische Abgeordnete teilen unsere Kritik insgeheim. Öffentlich bekunden können sie ihren Missmut nicht, weil sie in Frankreich sofort als Vaterlandsverräter gelten würden.

Die Kritik an dem doppelten Parlamentssitz ist indes nicht neu. Immer wieder haben sich Abgeordnete gegen die monatliche Reise zwischen Brüssel und Straßburg ausgesprochen. Die Entscheidung über den Sitz von EU-Institutionen treffen allerdings die Regierungen im Europäischen Rat - und zwar einstimmig. Dass sich die Franzosen ihren prestigeträchtigen Parlamentssitz leicht abschwatzen lassen, ist nicht zu erwarten. Zuletzt hatten sie sich vertraglich versichern lassen, dass die Abgeordneten zwölf Mal im Jahr in Straßburg tagen. Aber auch wenn das Europäische Parlament nicht mehr in Frankreich tagt, muss Straßburg nicht mit leeren Händen da stehen oder einen Prestigeverlust fürchten.

Europa-Abgeordnete mehrerer Fraktionen haben die Idee des EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso aufgegriffen, ein Europäisches Institut für Technologie (EIT) zu gründen, das ein europäisches Pendant zur renommierten US-Elite-Universität Massachusetts Institute of Technologie (MIT) werden könnte. Der Vorschlag Barrosos war Teil der inzwischen weitestgehend revidierten Lissabon-Strategie, mit der die Europäische Kommission die EU zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt machen wollte. Das EIT sollte ursprünglich nur die Abwanderung hoch qualifizierter Forscher aus Europa stoppen. Mit der Ansiedelung in den Parlamentsgebäuden in Straßburg könnte man jetzt zusätzlich auch den Europa-Charakter der Stadt retten.

Aber nicht nur die Parlamentarier, auch die Bürger haben genug von dem Reisezirkus nach Straßburg. Sie wehren sich, und das auf eine sehr effektive Art: Mit einer Unterschriftenaktion. Die europäische Kommission nämlich kann nach Artikel 47 des Verfassungsentwurfs von den Unionsbürgern aufgefordert werden, im Rahmen ihrer Befugnisse einen Gesetzentwurf zu einem bestimmten Thema vorzulegen. Voraussetzung dafür sind eine Million Unterstützer.

Auch wenn die Verfassung derzeit ad acta liegt: Die Vizepräsidentin der EU-Kommission Margot Wallström hat signalisiert, dass sie ein derartiges Bürgerbegehren respektieren und wohlwollend befördern würde. Auf der Webseite www.oneseat.eu werden seit vergangener Woche Unterstützer registriert: Mittlerweile sind es schon weit über 35.000 Bürger. Angeben muss man seinen Namen, sein Heimatland und seine E-Mail-Adresse.
Silvana Koch-Mehrin ist stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE) im EU-Parlament. Sie ist zudem Mitglied im FDP-Präsidium