21.02.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Silvana Koch-Mehrin
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im Streit um den türkischen Film «Tal der Wölfe» hat FDP-Präsidiumsmitglied Koch-Mehrin scharfe Kritik an der Absetzungs-Forderung von CSU-Chef Stoiber geäußert. Den Streifen müsse man «ertragen», sagte sie der Netzeitung.
Silvana Koch-Mehrin, Vizechefin der Liberalen im Europaparlament, hat Forderungen aus der Union nach einer Absetzung des türkischen Films «Tal der Wölfe» scharf zurückgewiesen. «Ich finde, dass sich Herr Stoiber und die anderen genauso verhalten, wie die Regimes in den arabischen Ländern, die die europäische Meinungs- und Pressefreiheit angreifen», sagte sie der Netzeitung. Stoiber falle «denjenigen in den Rücken, die westliche Werte gegen islamistischen Fundamentalismus verteidigen und macht damit auch noch Werbung für den Film».
Stoiber hatte die deutschen Kinobetreiber aufgefordert, den Film abzusetzen. In dem Action-Thriller kämpft ein türkischer Geheimdienstler im Irak gegen die USA. Der Westen, Juden und Christen werden darin als Feinde des Islam dargestellt. Der Film läuft seit anderthalb Wochen auch in deutschen Kinos in türkischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
«Film erst ab 18 freigeben»Koch-Mehrin, die auch Mitglied im FDP-Präsidium ist, verteidigte den Film. «Man muss diesen Film ertragen», sagte sie. Bei dem Streifen verhalte es sich so, wie bei den dänischen Karikaturen: man könne «ihn geschmacklos finden, trotzdem fällt er unter die Presse- und Meinungsfreiheit».
Gleichwohl plädierte die FDP-Politikerin wegen der vielen Gewaltszenen dafür, zu prüfen, «ob die Altersfreigabe richtig gewählt» sei. «Ich bin dafür, den Film erst ab 18 freizugeben», sagte sie. Derzeit gilt die Altersgrenze von 16 Jahren für den Film.
Müller widerspricht StoiberAuch der Ehrenvorsitzende der liberalen türkisch-deutschen Vereinigung, Mehmet Daimagüler, bezeichnete ein Verbot als kontraproduktiv. Er sei aber besorgt, dass so viele «türkische Familien in die Kinos pilgern», sagte er im Deutschlandradio Kultur. Das belege allerdings nur, dass die Menschen auf «billige Action» stünden und bedeute nicht die Abkehr von westlichen Werten.
Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) widersprach ebenfalls Stoiber. Allerdings sagte Müller einschränkend, dass er den Film nicht gesehen habe und sich daher kein Urteil erlauben könne. Der Streifen sei jedoch von der Bundesprüfstelle zugelassen worden. Wenn zum Rassenhass aufgestachelt werde, sei eine Grenze überschritten.
Rolle Ankaras «fragwürdig»Mit Blick auf die «ohnehin bestehenden Spannungen zwischen Europa und der islamischen Welt» schlug Koch-Mehrin vor, den Film in Schulen zu zeigen und darüber zu diskutieren. «Ich finde es falsch, zu sagen, ein solcher Film ist kontraproduktiv für den Dialog zwischen den Kulturen», sagte sie. «Der aktuelle Streit und die Forderungen nach Absetzung des Films zeigen vielmehr, wie notwendig ein Dialog auf beiden Seiten ist.»
Scharfe Kritik äußerte die FDP-Europapolitikerin vor diesem Hintergrund an der Haltung der türkischen Regierung zu dem Film. «Dass türkische Regierungsvertreter den Film loben und zum Anschauen auffordern, halte ich für fragwürdig», sagte Koch-Mehrin. Damit stelle die Türkei ihre Vermittlerrolle im Karikaturenstreit in Frage. «Die türkische Regierung sollte sich besser neutral verhalten», verlangte die FDP-Politikerin.
Der Film war bei seiner Vorstellung in Ankara von Spitzenpolitikern wie dem Parlamentspräsidenten Bülent Arinc in den höchsten Tönen gelobt worden. Industrieminister Ali Coskun sagte voraus, der Film werde in die türkische Kinogeschichte eingehen, und fügte hinzu: «Möge Allah die Türken schützen.» Die Ehefrau des Premiers, Emine Erdogan, nahm in der Vorstellung sogar neben Hauptdarsteller Necati Sasmaz Platz und zeigte sich hinterher begeistert von dem Film: «Es war wirklich sehr schön», sagte sie.