30.04.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Johannes Rau vor dem polnischen Sejm
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Bundespräsident Rau sieht im Beitritt Polens zur EU den Beginn eine «neue Epoche» im deutsch-polnischen Verhältnis. Er spricht derzeit als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor dem polnischen Parlament. Thema: EU-Erweiterung Analyse: Der verkannte Wert der EU Schröder: EU-Erweiterung macht Deutschland reicher Für Walesa erfüllt sich der Traum seines Lebens Rau: Erweiterung bringt Wettbewerb der Köpfe Europa feiert drei Tage lang
Bundespräsident Johannes Rau hat vor dem polnischen Parlament, dem Sejm, den historischen Beitritt Polens zur Europäischen Gemeinschaft gewürdigt. Damit beginne ein völlig neuer Abschnitt im Verhältnis zwischen Polen und Deutschland. Damit breche «eine neue Epoche mit großartigen Möglichkeiten und weit reichenden Perspektiven» an, sagte Rau. Die Erweiterung der Europäischen Union sei kein «westeuropäischer Gnadenakt», sondern eine «historische Notwendigkeit». «Wir schaffen von Portugal bis Polen einen Raum gleicher demokratischer Werte», so Rau. Die EU-Erweiterung liege im gemeinsamen Interesse an einer guten Zukunft für den ganzen Kontinent.
Er wisse, dass es auch Schwierigkeiten gebe, sagte der Bundespräsident. «Alte und neue Ängste steigen auf.» Man müsse die Ängste und Befürchtungen der Menschen vor einem Arbeitsplatzverlust oder vor Rückforderungen ernst nehmen. Rau verwies auf die positiven Beispiele Irlands, Portugals und Spaniens und sagte den neuen Mitgliedsländern voraus, das es bergauf gehe, «und das in raschem Tempo».
Geist der «Danziger Erklärung»Polen und Deutsche müssten sich umeinander bemühen und über die großen Tragödien des letzten Jahrhunderts sprechen. Es komme aber darauf an, in welchem Geist dies geschehe, so Rau.
Er verwies auf die «Danziger Erklärung» beider Staaten, in der es heißt: «Wir müssen der Opfer gedenken und dafür sorgen, dass es die letzten waren. Jede Nation hat das selbstverständliche Recht, um sie zu trauern, und es ist unsere gemeinsame Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass Erinnerung und Trauer nicht missbraucht werden, um Europa erneut zu spalten. Deshalb darf es heute keinen Raum mehr geben für Entschädigungsansprüche, für gegenseitige Schuldzuweisungen und für das Aufrechnen der Verbrechen und Verluste.» Dies müsse der Geist der Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen sein.
Chistentum in Verfassung verankernRau zeigte sich zuversichtlich, dass es bald gelingen werde, eine gemeinsame Verfassung für Europa zu vereinbaren. Damit werde Europa auch in außenpolitischer Hinsicht handlungsfähiger und ein starker Partner im Transatlantischen Bündnis. «Nur wenn wir uns zusammentun, sind wir echte Partner für die USA, Partner mit politischem Gewicht», so der Bundespräsident.
Rau sagte, der christliche Glauben sei für beide Länder besonders wichtig. Er befürworte deshalb eine Bezugnahme auf die christliche Tradition Europas in der EU-Verfassung. Dies schließe Toleranz gegenüber anderen Religionen nicht aus.
Symbolischer OrtEs berühre ihn sehr, in Warschau zu sprechen. Die Stadt sei für die Deutschen verbunden mit dem Warschauer Ghetto und dem Warschauer Aufstand. Aber auch mit dem Kniefall Willy Brandts am Mahnmal des Warschauer Ghettos.
Rau ist das erste deutsche Staatsoberhaupt, das vor beiden Häusern des polnischen Parlaments eine Rede hält. Vor ihm haben nur US-Präsident Bill Clinton, Papst Johannes Paul II. und die britische Königin Elizabeth II. dort gesprochen. (nz)