netzeitung.deBenedikt XVI. betet vor umstrittener Reliquie

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Der Papst vor der Reliquie (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Papst vor der Reliquie
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In einem kleinen Dorf Italiens hat der Papst vor dem so genannten «Schweißtuch der Veronika» gebetet. Eine Überraschung, denn eigentlich gibt der Vatikan seit langem vor, selbst im Besitz der Reliquie zu sein.

Papst Benedikt XVI. hat am Freitag in einer kleinen Kirche in dem mittelitalienischen Abruzzen-Dörfchen Manoppello vor dem «Volto Santo» gebetet. Das so genannte «Schweißtuch der Veronika» gilt als eine der kostbarsten christlichen Reliquien. Bei dem 17 mal 24 Zentimeter kleinen Tuch aus Muschelseide soll es sich um jenen Schleier handeln, der das Gesicht des gestorbenen Jesus im Grab bedeckte. Dabei habe sich sein Gesicht auf dem Tuch abgebildet.

«Dies ist ein Ort, an dem wir über das Geheimnis der göttlichen Liebe meditieren können, während wir die Ikone des göttlichen Antlitz' Christi betrachten», sagte der Papst in einer kurzen Rede.

In einem mächtigen Rahmen steht das feine Tüchlein auf dem Altar der schlichten Kirche, die zu einem angrenzenden Kapuzinerkloster gehört. Die Ikone zeigt den geschundenen, mit Blutergüssen übersäten Kopf eines Mannes, seine Nase scheint gebrochen. Das wertvolle Stück Stoff schimmert und changiert in bräunlich-rötlichem Farbton und hat faszinierende Effekte: Bei Gegenlicht verschwindet das Antlitz und das Material wird plötzlich transparent wie Glas.

Bild auf unbemalbarer Seide
Das Mysteriöse daran: Antike Muschelseide kann man nicht bemalen, sondern allerhöchstens leicht einfärben. Wissenschaftliche Untersuchungen haben mittlerweile bestätigt, dass tatsächlich keine Farbe oder Grundierung auf das «Schweißtuch der Veronika» aufgetragen wurde. Der Name rührt aus einer Legende, der zufolge eine Frau am Kreuzweg Jesus ein Schweißtuch gereicht haben soll, auf dem danach dessen Gesichtszüge abgebildet waren. Das Tuch ist mittlerweile bei Pilgern fast so beliebt wie die berühmte «Sacra Sindone», das Turiner Grabtuch, in das der Körper Jesu nach der Kreuzigung eingehüllt worden sein soll.

Auf die Tatsache, dass der Vatikan bis heute vorgibt, noch im Besitz des «Schweißtuchs» zu sein, ging der Papst freilich nicht ein. Er dankte lediglich für die «familiäre Atmosphäre» bei seiner «privaten Pilgerfahrt». Einmal im Jahr wird das Bild in Rom sogar den Gläubigen gezeigt - wenn auch nur kurz und von weitem. «Eine Fälschung», meinen Experten. In Manoppello sind die Menschen sicher, dass der Schleier 1506 beim Bau des neuen Petersdoms aus Rom gestohlen wurde und irgendwie in den Abruzzenort gelangte. (nz)