Sie kommen in ein Land, in dem die christlichen Kirchen eine lebendige Rolle spielen. Ich bin froh darüber. Ich denke zum Beispiel an die katholischen und evangelischen Jugendverbände. Viele werfen ja Jugendlichen heute mangelndes Engagement oder Fixierung aufs eigene Ego vor. Damit können aber die vielen tausend ehrenamtlichen Jugendgruppenleiter nicht gemeint sein, die bei den Pfadfindern, bei der Katholischen Jungen Gemeinde, beim CVJM oder anderswo Verantwortung für Kinder oder gleichaltrige Jugendliche übernehmen. Viele junge Menschen erfahren dort, wie wertvoll es ist, sich für andere einzusetzen – und wie erfüllend das sein kann.
Gerade in der kirchlichen Jugendarbeit erfahren junge Menschen Werte und üben verantwortliches Verhalten ein, das für die ganze Gesellschaft lebenswichtig ist. Orientierung, nach der heute so viel gerufen wird, kann nur von Orientierten kommen. Ich habe den Eindruck, dass in der Jugendarbeit der Kirchen hier sehr viel Gutes, ja Unverzichtbares geschieht.
In ihrem sozialen Engagement lassen sich die Kirchen von einem bestimmten Menschenbild leiten. Es ist das Bild vom Menschen, das nicht vom Pragmatismus und nicht vom Materialismus geprägt wird. Es sagt uns: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Und der Mensch kommt nur am anderen, nur durch den anderen zu sich selber.
Freiheit, Personalität und Solidarität gehören zusammen. So wird es in der Katholischen Soziallehre mit Recht gelehrt. Deswegen ist die karitative und diakonische Arbeit der Kirchen weit mehr als ein gesellschaftliches Reparaturunternehmen.
In diesem Engagement wird immer auch eine politische Aufforderung sichtbar: Nämlich die Schwachen, die Kranken, die Sterbenden, die Wettbewerbsverlierer nicht aus den Augen zu verlieren. Alle verbalen Appelle an Solidarität gewinnen Überzeugungskraft erst durch das tatkräftige Engagement, die tatkräftige Nächstenliebe.
Diese tatkräftige Nächstenliebe und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft sind in den Kirchen hierzulande, wie ich immer wieder erlebe, sehr groß. Die ehrenamtlichen Laien, die hingebungsvoll ihren freiwilligen Dienst tun, haben deswegen gerade den Zuspruch ihrer Kirchenleitungen verdient – und den Dank von uns allen.
Heiliger Vater,
Sie kommen zum Weltjugendtag, zu dem noch Ihr Vorgänger, der unvergessene Johannes Paul II., die Jugend der Welt eingeladen hatte. Der Weltjugendtag soll ein Zeichen der Hoffnung sein. Die weltweite Solidarität der jungen Menschen kann vieles Gute möglich machen. Sie macht uns die Verantwortung bewusst für die Eine Welt, in der wir leben.
Aber beim Weltjugendtag geht es, wie ich weiß, nicht zuerst um Aktionsprogramme oder Theoriediskussionen. Es geht um Spiritualität, um geistliche Erfahrung, um Gebet und um die Feier des Glaubens. Veränderung, wirkliche Veränderung, setzt immer die Umkehr der Herzen voraus. Mit ihrer Offenheit und ihrer Suche nach Orientierung geben die vielen hunderttausend Jugendlichen gerade auch uns Älteren ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht. Ich habe es in den vergangenen Tagen schon selber erlebt.
Gerade in diesen Zeiten, in denen viele Menschen Angst haben vor Terror und vor Gewalt, die aus angeblich religiösen Motiven verübt wird, ist es gut, Glaube und Religion als Wege zu Frieden und Menschlichkeit zu erfahren. Sie, Heiliger Vater, haben selber mehrfach davon gesprochen, dass es „Pathologien“, dass es Irrwege der Religion gibt – auch im Christentum –, so wie es Irrwege der aufgeklärten Vernunft gibt. Beide, Religion und Vernunft, müssen sich gegenseitig immer wieder korrigieren und reinigen, wie Sie sagen.
Ich hoffe, dass dieser Weltjugendtag, zu dem Sie eingeladen haben, ein unübersehbares Zeichen für einen menschlichen, einen menschenfreundlichen Glauben gibt. Für einen Glauben, dem die Welt und die Menschen nicht gleichgültig sind, für einen Glauben, der davon zeugt, dass wir alle Gottes Kinder sind in dieser Einen Welt.
Noch einmal: Herzlich Willkommen, Papst Benedikt!« (Quelle: Redemanuskript des Bundespräsidialamtes)