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«Neben Ratzinger sind alle anderen verblasst»

17. Apr 2005 10:55
Ludwig Ring-Eifel
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Nicht ein langes Konklave sondern lediglich eine knappe Mehrheit könnte den künftigen Papst schwächen, meint der Vatikan-Experte Ludwig Ring-Eifel im Gespräch mit der Netzeitung.

Thema: Papst-Wahl
Der Korrespondent der Katholischen Nachrichtenagentur KNA, Ludwig Ring-Eifel, erklärt im Interview mit der Netzeitung, weshalb der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger ein «natürlicher Kandidat» für die Nachfolge von Johannes Paul II. ist.

Netzeitung: Herr Ring-Eifel, rechnen Sie mit einer raschen Entscheidung beim Konklave oder könnte sich die Papstwahl in die Länge ziehen?

Ring-Eifel: Es kann in beide Richtungen gehen, also entweder ein schneller Durchmarsch eines Kandidaten in zwei bis drei Wahlgängen. Oder ein langes Konklave, wenn das Lager, dessen Kandidat den Durchmarsch nicht geschafft hat, einen neuen aufstellen muss, von dem es dann ebenfalls eine breite Mehrheit erwartet.

Netzeitung: Würde ein langes Konklave einen künftigen Papst schwächen?

Ring-Eifel: Das einzige, was einen neuen Papst von Beginn an schwächen würde, wäre eine knappe Mehrheit. Alle Beobachter sagen, der neue Papst muss eine möglichst breite Mehrheit hinter sich haben, also nicht erst etwa nach einem 34. Wahlgang mit absoluter Mehrheit gewählt werden. Aber selbst eine frühere Entscheidung mit knapper Zweidrittel-Mehrheit wäre sicher nicht gut.

Netzeitung: Welche inhaltlichen Diskussionen werden die Kardinäle hinter den Mauern der Sixtinischen Kapelle führen? Man teilt ja gerne ein in reformorientierte Strömungen im Gegensatz zu den konservativen, in Erste und Dritte Welt. Sind das überhaupt passende Kategorien?

Ring-Eifel: Nein, sie sind ziemlich unangemessen. Das Konklave ist ja keine politische Wahl, es gibt auch kein Rechts-Links-Schema in der katholischen Kirche. Es geht beim Konklave sehr stark um Themen wie den Dialog mit den anderen Religionen, um die Frage, wie weit man die eigene Identität der katholischen Kirche betonen muss, um eine neue Rolle der Frau in der Kirche, ohne dass man gleich ein Frauenpriestertum einführt. Es geht um die Frage, wie man die Einheit der Kirche bewahren kann, die ja an den Rändern ausfranst – nicht nur in Richtung der Reformfreudigen, sondern auch in Richtung der Traditionalisten.

Netzeitung: Vor allem in den italienischen Medien wurde hemmungslos über den möglichen Nachfolger von Johannes Paul II. spekuliert. Wie sehen Sie generell dieses Personalkarussel?

Ring-Eifel: Das gibt es ja vor jedem Konklave. Die Medien spielen da mit. Und manchmal spielen ja auch die Kardinäle über die Medien sich die Bälle zu. Es gibt die Möglichkeit, über ganz gezielte Indiskretionen Versuchsballons steigen zu lassen und bestimmte Kandidaten ins Gespräch zu bringen.

Netzeitung: Stark ins Gespräch gebracht wurde ja auch Kardinal Joseph Ratzinger. Wie kam das?

Ring-Eifel: Ratzinger ist einfach die herausragende Gestalt in der Ära nach Karol Wojtyla. Er war ja auch im vergangenen Pontifikat der einzige von ganz großer Statur neben dem Papst. Daneben sind andere Kardinäle völlig verblasst und im kollektiven Gedächtnis schon gar nicht mehr präsent. Der Name Ratzinger ist bei allen noch da, weil er fast ein Vierteljahrhundert sein Amt (als Präfekt der Glaubenskongregation, Anm.) ausübte und auch als Buchautor global bekannt wurde. Und das macht ihn ganz natürlich zu einem Kandidaten – egal, was man von Ratzingers Positionen hält.

Netzeitung: Wenn man dabei jedoch die alte Vatikan-Weisheit berücksichtigt, dass «wer als Papst ins Konklave geht, als Kardinal herauskommt»...

Ring-Eifel: Das ist ja kein Dogma. Wenn man sich die Konklaven des 20. Jahrhunderts ansieht, dann stimmt dieser Spruch nur jedes zweite Mal. Paul VI. zum Beispiel war ganz klarer Favorit und wurde 1963 auch sehr rasch Papst. Pius XII. brauchte 1939 nur einen Wahlgang – und jeder hatte mit seinem Erfolg gerechnet. Überraschend war es bei Johannes XXIII. (1958), überraschend war es auch bei Johannes Paul II. (1978). Also der Spruch ist nicht viel mehr wert als eine Wetter-Bauernregel.

Netzeitung: Wir erleben das erste Konklave im 21. Jahrhundert - ist in dieser modernen Zeit die vom Kirchenrecht vorgeschriebene völlige Abschottung der Kardinäle von der Außenwelt denn überhaupt möglich?

Ring-Eifel: Ich glaube schon. Schließlich ist ja das Gästehaus, in dem die Kardinäle wohnen, elektronisch abgeschirmt. Das heißt, dort ist kein Telefonieren mit Handy möglich. Es gibt kein Internet, keine E-Mails, kein Fernsehen, kein Radio. Die einzige Möglichkeit, die Kardinäle von außen zu beeinflussen, wäre, dass man ihnen auf dem Weg vom Gästehaus zur Sixtinischen Kapelle etwas zusteckt oder zuruft. Aber eine solche Einflussmöglichkeit ist relativ gering. Ich glaube, dass die Konklave-Situation, also die Situation des Eingeschlossenseins, ihre heilsame Wirkung auch entfaltet.

Netzeitung: Wie groß ist denn die Gefahr, dass es zu einem Lauschangriff von außen kommen könnte, wie verschiedentlich spekuliert wird?

Ring-Eifel: Es gibt immer wieder Horrorgeschichten, die Amerikaner hätten Richtmikrofone, die so empfindlich sind, dass sie selbst durch die Mauern der Sixtinischen Kapelle hindurchhören könnten. Dadurch könnte man vielleicht einen Tag früher etwas erfahren. Doch ich glaube nicht, dass es dazu kommt. Wem sollte das nützen?

Das Gespräch führte Stephan Kabosch, Rom.


 
 
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