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Musiker auf der Flucht vor der Gestapo
02. Sep 2004 07:11

Ruth Andreas-Friedrich
Foto: ZFA
Die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich und der Dirigent Leo Borchard halfen verfolgten Berliner Juden. Nach dem Krieg dirigierte Borchard die Berliner Philharmoniker und wurde schließlich versehentlich von den Amerikanern erschossen.
 
Von Beate Kosmala

Die Berliner Journalistin Ruth Andreas-Friedrich wohnte seit 1933 mit ihrer Tochter Karin am Hünensteig in Berlin-Steglitz. Ihr Lebensgefährte, der Musiker und Dirigent Leo Borchard, bezog die darüberliegende Wohnung im gleichen Haus. Mit wachsender Sorge beobachtete das Paar die immer schärferen antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten, die viele ihrer Freunde in die Emigration trieben. Im Winter 1938/39 – nach dem Pogrom in der so genannten Kristallnacht – trafen sich zum ersten Mal Gesinnungsfreunde am Hünensteig, um über Hilfsmaßnahmen für Verfolgte zu beraten.

Als im Laufe des Jahres 1942 immer mehr Berliner Juden versuchten, sich der Deportation zu entziehen und als «U-Boote» im Berliner Untergrund zu leben, unterstützten Ruth Andreas-Friedrich und ihr Freundeskreis, der sich später als Gruppe «Onkel Emil» bezeichnete, die «illegal» Lebenden, indem sie einzelne vorübergehend beherbergten, weitere Quartiere und Lebensmittel besorgten und sie mit gefälschten Papieren wie Verkehrsausweisen, Wehrpässen oder ärztlichen Attesten versahen. Auch setzten sie sich für politische Gefangene ein und halfen bei der Betreuung ihrer Familien. Im Herbst 1942 war Ruth Andreas-Friedrich mit Angehörigen des «Kreisauer Kreises» in Kontakt gekommen.

Ein «Nein» auf jede Wand

Kurz vor Weihnachten 1942 standen fünf Menschen am Hünensteig vor der Tür, Ruths Zahnarzt Hugo Jacob, seine Frau Edith, ihre fünfjährige Tochter Evelyn und die Schwiegereltern. Sie fanden für einige Tage Aufnahme, dann erhielten sie bei anderen Bekannten Unterkunft. Diese verbotene Hilfe war jedoch vergeblich: Die Familie wurde denunziert, verschleppt und ermordet.

Im September 1943 suchte ein jüdischer Musiker, der junge Konrad Latte aus Breslau, den Hünensteig auf, um Borchard, der als Dirigent inzwischen Berufsverbot hatte, um Unterricht zu bitten. Borchard willigte ein und half künftig seinem Schüler, der als «Illegaler» in Berlin unter dem Decknamen «Bauer» lebte, mit Lebensmitteln, bis dieser im Mai 1944 Berlin verließ, um mit einem Ensemble auf Reisen zu gehen. Konrad Latte überlebte die Verfolgung. Im April 1945 war Borchard maßgeblich an einer von der Widerstandsgruppe «Ernst» organisierten Aktion beteiligt, bei der in sämtlichen Berliner Bezirken das Wort «Nein» als Ausdruck der Ablehnung des Hitlerregimes an Hauswänden und Schaufenstern aufgemalt wurde.

Gerechte unter den Völkern

Nach Kriegsende übernahm Leo Borchardt die Leitung der Berliner Philharmoniker. Im August 1945 wurde er bei einer Autofahrt durch Berlin von einer amerikanischen Militärkontrolle versehentlich erschossen.

Ruth Andreas-Friedrich verließ 1948 Berlin und ließ sich wie ihre Tochter Karin Friedrich in München nieder, wo sie 1977 starb. In Steglitz gibt es heute einen Park, der ihren Namen trägt. Im Jahr 2002 wurde sie von Yad Vashem in Jerusalem als «Gerechte unter den Völkern» ausgezeichnet.


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