Götz Aly:
Der Sozialismus des guten Blutes
11.03.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Die Bundesrepublik Deutschland gilt nicht als Land, in dem ausgeprägte Klassenschranken zu beklagen seien. Wenn ein aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammender Politiker Kanzler wird, wird dieser Umstand zu Recht wohlwollend zur Kenntnis genommen. Wer sich hin und wieder in England aufhält, wundert sich darüber, wie stark die Idee der Klasse hier in der Mentalität verankert ist und durch Sprache, Bildung und Habitus ausgedrückt wird.
Die Überwindung antiquierter, weil auch auf uralten ständischen Konzepten ruhender Schranken ist jedoch kein bundesrepublikanisches Projekt, sondern wurde bereits von einer nationalsozialistischen Politik in Angriff genommen, die einer völkisch-egalitären Utopie verpflichtet war. Diesem Feld widmen sich einige Texte des Historikers Götz Aly, die nun als Sammlung unter dem Titel «Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen» erschienen sind. Der Titel suggeriert einen roten Faden, der allerdings nicht immer vorhanden ist. Dort, wo es keine Verbindung zum Meta-Thema Klasse gibt, entschädigen aber zumeist aktuelle Bezüge und kreative Assoziationen den Leser, wenn Aly etwa Osama bin Laden mit Ernst Jünger liest.
Dieser «Sozialismus» im Inneren wurde ideologisch durch einen «doppelten Antisemitismus» ermöglicht, der in den widersprüchlichen Figuren des «jüdischen Spekulantentums» und des «jüdischen Bolschewismus» seinen Ausdruck fand. Eben diese Verbindung von Rassismus mit einem Gleichheitsversprechen beschränkte sich aber nicht nur auf die Ebene der Ideologie: Hitlers heimatlicher Volksstaat basierte ganz konkret auf der Enteignung der jüdischen Bevölkerung in ganz Europa und in den Konzeptionen der Wirtschaftsexperten auch auf der geplanten Vertreibung von 50 Millionen Slawen aus den besetzten Ostgebieten.
Nutznießer dieser Politik von Raub und Vernichtung waren deutsche Volksgenossen, unter anderem etwa Bauern mit Kleinbetrieben, denen Ackerland im Osten zugewiesen werden sollte. Aber auch in Deutschland selbst profitierten die kleinen Leute von günstigen Möbeln aus jüdischem Besitz, die in großem Stil versteigert wurden: So beteiligten sich in Hamburg 400.000 Menschen als Käufer an einem Vorgang, den Aly präzise als «Massenraubmord» bezeichnet.
Am Beispiel der Kriegsfinanzierung macht Aly deutlich, wie das Regime die unteren und mittleren Einkommen zu jeder Zeit schützte, in «besonderen Steuer-Oasen», wie ein offenbar weniger völkisch denkender Finanzexperte klagte. 1942 wurden 80 Prozent des Steuereinkommens von schmalen 13 Prozent der Steuerzahler getragen. Diese Umverteilung allein aber hätte nicht genügt, um die Mehrheit der Deutschen von direkten Kriegssteuern verschonen zu können. Es waren der Krieg selbst sowie die in besetzten Gebieten vorgenommenen «Arisierungen» und Enteignungen, welche die klassenlose Utopie im Innern ermöglichten: Jedes besetzte Land musste 50 Prozent des letzten Friedenshaushaltes als Besatzungskosten an Deutschland abführen. In der zweiten Hälfte des Kriegs überstiegen die Einkünfte aus der Plünderung der Volkswirtschaften der besetzten Länder die Steuereinnahmen im Reich.
Deutlich wird gleichzeitig, dass man solche Mechanismen der Umverteilung kaum als Sozialismus bezeichnen kann. An anderer Stelle schreibt Aly in Bezug auf den Staat: «Insgesamt zerstörte der NS-Staat die Grundlagen der alten bürgerlichen Ordnung weit weniger als der spätere DDR-Sozialismus. Das macht die kurzen zwölf Jahre seiner Herrschaft heute so schwer begreiflich.»
So widmet sich Aly etwa dem Reichs-Rabattgesetz vom 25. November 1933, das bis vor kurzem in Kraft war und in den ersten 60 Jahren seiner Existenz einer «verbreiteten Stimmung» entsprach: «Feste Preise, feste Löhne, betonharte Arbeitsverträge, ein ordentlicher Mieterschutz - das bestimmte die Regelmäßigkeit und die Qualität des deutschen Lebens.» Süffisant fügt Aly hinzu: «Alle gingen, sieht man von einem kriegerischen Vernichtungsfall ab, immer gern auf Nummer Sicher.»
Dabei geht es Aly natürlich nicht um formale Kontinuität als solche, sondern um die Tatsache, dass die metaphysische Überhöhung des Regimes zum irrationalen Bösen wie die Verengung der Naziideologie auf rassische Überlegenheit, Hass und Vernichtung oftmals übersehen lassen, wie modern und rational, wie egalitär und populär sie eigentlich war: «Im Gegensatz zu den kommunistischen Regimen blieb Hitler-Deutschland eine jederzeit mehrheitsfähige Zustimmungsdiktatur.»
Götz Aly: Rasse und Klasse. Nachforschungen zum deutschen Wesen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003. 18,90 Euro

