netzeitung.de«Inside Deep Throat»: Als die Pornos rennen lernten

 Herausgeber: netzeitung.de

Lupe «Inside Deep Throat»: Als die Pornos rennen lernten

1972 markierte der Porno «Deep Throat» den Beginn der kommerziellen Porno-Industrie. Die Regisseure Fenton Bailey und Randy Barbato haben die Geschichte des erfolgreichsten Pornos aller Zeiten verfilmt.

Berlinale-Chef Dieter Kosslick hatte es ja bereits angekündigt: Eines der großen Themen des diesjährigen Filmfestes ist Sex. Nach Abschluss der ersten Festival-Woche hat man nun auch eine Ahnung davon, welche Ausprägungen und Ausmaße die entfesselten Lüste annehmen können.

Während sich am Mittwoch im Wettbewerb das taiwanesische Porno-Musical «The Wayward Cloud» mit diversen Melonen- und Wasserflaschenspielchen auf der Leinwand ergoss, liegt die wilde Affäre einer Ehefrau mit einem Mörder in «Asylum» schon hinter und die Filmbiografie des Sexforschers «Kinsey» noch vor den Berlinale-Zuschauern.

Im Panorama sind dagegen mehrere Dokumentationen zu sehen, die verschiedene Aspekte des Themas aufnehmen. Besonders auffällig ist dabei die Beschäftigung mit der Pornoindustrie: Jochen Hick thematisiert in «Cycle of Porn – Sex/Life in L.A.» die aktuelle Praxis des Barebacking, sprich ungeschützten Sex unter schwulen Pornodarstellern. Die Filmemacher Fenton Bailey und Randy Barbato haben zurückgeblickt und sich in den vergangenen Jahren eingehend mit dem wohl legendärsten Pornofilm aller Zeiten, «Deep Throat», befasst. «Inside Deep Throat» startet dabei wie ein verspätetes Making-Of und zeichnet die außergewöhnliche Geschichte des Films nach.

Bei Produktionskosten von gerade mal 25.000 Dollar sorgte «Deep Throat» 1972 als erster im Mainstream-Kino gezeigter Porno für lange Schlangen an den Kinokassen. Seit dieser Zeit, in der Porno durchaus als chic galt, hat der Film geschätzte 600 Millionen Dollar eingespielt. Er ist damit der erfolgreichste Independent-Film aller Zeiten und hat seine Hauptdarstellerin Linda Lovelace zur Porno-Ikone gemacht.

Aus heutiger Sicht wirkt «Deep Throat» allerdings eher wie ein unfreiwillig komischer Sexfilm: Er erzählt von einer Frau, die ihre Klitoris im Hals wähnt und deren herausragende Fähigkeit ist, mit eigenem Lustgewinn den Penis ihres Co-Darstellers völlig in den Untiefen ihres Rachens verschwinden lassen zu können. Für alle, die den berühmtesten Blow-Job der Filmgeschichte bislang verpasst haben sollten, hat ihn diese Dokumentation in Leinwand-ausfüllender Größe und völlig unverklemmt noch einmal eingebaut.

Eine Katze namens Hitler
Bailey und Barbato haben die Archive gründlich durchstöbert und witzige bis groteske Nachrichtenausschnitte, Zeitungsschnippsel und Fotos für ihren Film zusammengetragen: Das reicht von einem Foto von Lovelaces Katze «Adolf Hitler» bis zu einer Frau, die lauthals verkündet, dass sie die Freiheit habe, sich auch Schmuddelfilme anzusehen. Das alles ist mit zahllosen Statements verschiedenster Akteure und Kenner zusammen montiert worden. Dabei kommen Macher und Darsteller ebenso zu Wort wie erzkonservative Gegner, die Pornografie mit Terrorismus vergleichen sowie die für Sexthemen üblichen Verdächtigen wie Dr. Ruth Westheimer, Playboy Hugh Hefner oder Trash-Regie-Ikone John Waters.
200 Dollar Gage
Die Darsteller von damals befinden sich mehr als 30 Jahre nach dem ersten Erfolgssturm und trotz des daraus erwachsenen, matt glitzernden Kult-Porno-Ruhmes eher auf der Verlierer- als auf der Gewinnerseite wieder: Linda Lovelace kam, fast mittellos, 2002 bei einem Autounfall ums Leben. Der Regisseur geht mit bis auf Brustwarzenhöhe hochgezogenen Hosen durch seine Nachbarschaft spazieren, anstatt in einer Villa zu sitzen. Schließlich wurde ihm von den «Mafiosi-Produzenten» die Beteilgung am Einspielergebnis wieder abgenommen. Nur dem Hauptdarsteller Harry Deem scheint «Deep Throat» nicht geschadet zu haben. Zwar war er für seine sexuell schwingenden, express-erektiven Aktivitäten vor der Kamera damals mit nicht einmal 200 Dollar abgespeist worden und musste im Zuge des moralischen Kreuzzugs gegen «Deep Throat» sogar vor Gericht. Doch entging er einer fünfjährigen Haftstrafe und lebt heute als gut verdienender Immobilienmakler in Kalifornien.

«Inside Deep Throat» spannt den Bogen vom Erfolg bis zum Fluch – vom Kassenknüller, an dem Nixon ein Exempel statuieren wollte bis zum «Deep Throat»-Pioniertum für die kommerzielle Video-Pornoindustrie. Vor allem aber reibt sich die Doku als sehenwertes Zeitdokument an der Kontroverse, die der Film damals um staatliche Zensur und künstlerische Freiheit entfachte. In süffisanter Weise entlarvt sie dabei die Bigotterie der Gegner mit dem erschütternden Ergebnis, dass zwischen «Deep Throat» und «Inside Deep Throat» zwar mehr als 30 Jahre liegen, sich aber bezüglich der Zensur-Politik seit Nixon bis in die politische Gegenwart der USA kaum etwas verändert hat.