Von Sophie Albers
Mit der Wahl des Sitzplatzes im Kino verhält es sich ähnlich wie mit der Schlange im Supermarkt: Man erwischt meist den/die falsche(n). Im Kino sieht das so aus, dass sich zu guter Letzt immer noch jemand mit einem Hut, einer Turmfrisur oder von sehr großem Wuchs genau vor einen setzt. So auch auf der Berlinale, wobei es am Mittwoch eine ältere Dame mit einer ausladenden Pelzmütze, ein Sitzriese und eine junge Frau mit hochgebundenen Locken waren.An den Hindernissen vorbei gab es im Wettbewerb folgendes zu sehen: Alain Corneau präsentierte seinen Film «Les mots bleus», der die Geschichte der sechsjährigen Anna und ihrer Mutter Clara erzählt.
«Les mots bleus» ist ein einfühlsamer Film, dessen Intensität vor allem von den großen Augen der Anna-Darstellerin Camille Gauthier zehrt. 30 Minuten Autogramme Am Mittwoch hatte sich für 12 Uhr 10 ein Star einer anderen Sparte angemeldet: der Popsänger George Michael. Die Ankündigung sorgte im Vorfeld für Menschenaufläufe, die es selbst bei Keanu Reeves nicht gegeben hatte: Vor dem Hotel, in dem die Pressekonferenzen stattfinden, warteten Fans in der Berliner Kälte, im Hotel knubbelten sich Journalisten oder solche, die sich für den Augenblick so nannten, an der Taschenkontrolle, denn - und das sorgt derzeit ein bisschen für Spannungen - es gilt eine strenge Taschenpolitik, die immer wieder anders begründet und immer wieder anders durchgesetzt wird.
Besuch in Wes' World Für viele ist der Meeresbiologe Jacques Cousteau ein Held aus Kindertagen. Die Filme des wettergegerbten, weißhaarigen Mannes mit der Wollmütze scheinen auch den US-Regisseur Wes Anderson tief beeindruckt zu haben. Das legt sein Film «The Life Aquatic With Steve Zissou - Die Tiefseetaucher» nahe, in dem Bill Murray, Anjelica Huston, Cate Blanchett, Owen Wilson und Willem Dafoe die Geschichte der Meeresforschertruppe um Steve Zissou (Murray) erzählen, der sich à la Ahab auf die Suche nach dem Jaguar-Hai macht, der seinen Freund gefressen hat. In schrillen Farben und mit Andersonschem Humor kreuzt die Besatzung des Forschungsschiffs Belafonte die Weltmeere, kämpft gegen Piraten und Versicherungsagenten, sucht Liebe und findet Quallen.
Es gehe ihm um die Emotionen der Charaktere, so der Regisseur dieses großen Durcheinanders, dass sich langsam vor den Augen des Zuschauers entknäuelt. Und das macht die Filme von Anderson eben so spannend. Man muss sich auf eine sehr seltsame Sicht der Dinge einlassen, einer anderen Welt völlig ergeben, sonst versteht man einfach gar nichts. Sex mit Melonen Am Mittwochmorgen hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick dazu geraten, sich unbedingt Tsai Ming Liangs «The Wayward Cloud» anzusehen, «so etwas haben wir hier noch nicht gesehen.» Und tatsächlich: Gleich zu Beginn wird dem Publikum eine Wassermelonen-Sex-Szene präsentiert, die den Blick auf diese Frucht für viele zumindest in der kommenden Zeit verändern dürfte. In Taipei herrscht Wassermangel, was zu einem erhöhten Melonen-Konsum führt und auch dazu, dass eine junge Frau auf der Arbeit Wasser stiehlt, das sie zuhause in Plastikflaschen hortet. Eines Tages trifft sie im Park einen jungen Mann, den sie von früher kennt. Sie verlieben sich. Was die Frau nicht weiß: Der Mann ist Porno-Darsteller, und die Filme werden in dem Haus gedreht, in dem sie wohnt. Unterbrochen wird diese Geschichte von Körpern und Früchten immer wieder von Musical-Szenen - mal wird unter Melonen-Schirmen gesungen, mal tanzen Toilettenfrauen um einen Penismann. Keine Seele Er drehe seine Filme nicht, um Geschichten zu erzählen, sagte der Regisseur nach der Vorführung, in der viel gelacht wurde. «Sie haben keine Seele.» Es gehe ihm um die Schönheit und Hässlichkeit des menschlichen Körpers, der mal verkauft und mal verehrt wird. Körper seien nicht kontrollierbar so wie Gedanken. Doch auch wenn Liangs nachträgliche Erklärungen manche Szenen in «The Wayward Cloud» weniger albern erscheinen lassen, scheint das Hauptverdienst dieses Film jedoch zu sein, das neue Genre des Porno-Musicals eröffnet zu haben. Die 55. Berlinale hat ihre Halbzeit bereits hinter sich. Fünf Filme stehen im Wettbewerb um den Goldenen Bären noch aus: «Sometimes In April», «The Sun», «The Beat My Heart Skipped», «Peacock» und «Accused». Die Meinungen über die bereits gelaufenen Produktionen gehen stark auseinander. Die Jury wird es in diesem Jahr nicht einfach haben.
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