Berlinale: Alltag mit Bombengürtel
Die beiden jungen Palästinenser Said und Khaled leben im israelisch besetzten Nablus. Said ist der Hübsche - mit einem Gesicht wie Pierre Cosso - und Khaled der Lustige - er erinnert zuweilen an Roberto Benigni. Gemeinsam arbeiten sie in einer Autowerkstatt, allerdings verliert Khaled den Job bald wegen seiner Ungeschicklichkeit. Just als man meint, die beiden kennen gelernt zu haben, tritt ein gewisser Jamal an Said heran, um ihm zu sagen, dass er dazu auserwählt worden sei, zusammen mit Khaled als Selbstmordattentäter in den Tod zu gehen. Der Zuschauer erfährt, dass die beiden Freunde sich dazu bereits vor längerer Zeit sozusagen «angemeldet» hatten.
Im Folgenden zeigt der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad, wie die Männer vorbereitet werden: wie ihnen die Haare geschnitten und die Körper gewaschen werden, wie die Videobotschaften aufgenommen werden, in denen palästinensische Selbstmordattentäter vor ihrer Tat mit Maschinengewehr und Koran ihre Abschiedsworte sprechen und in der Khaled seiner Mutter noch schnell den Tipp gibt, wo es in Nablus billige Wasserfilter gibt. Der eine geht zum Supermarkt, der andere mit Bombengürtel zum Checkpoint, so die Botschaft.
Auf Khaleds Frage, was kommt, nachdem er an der schwarzen Strippe gezogen hat, antwortet Jamal ganz lapidar: «Dann kommen zwei Engel und holen dich.» «Bist du sicher?» «Ganz sicher.» Damit ist Khaled zufrieden.
Vor «Paradise Now» habe es noch keinen Spielfilm über die Selbstmordattentäter gegeben, sagt Regisseur Abu-Assad. Er habe alles hineingepackt, was innerhalb dieses Konfliktes schon passiert sei. «Das ist alles real.» Als er dann über die künstlerische Seite spricht, wie er Licht eingesetzt hat, was ihn in der Bildsprache inspiriert hat, kommt es fast zu einem kleinen Streit mit dem Darsteller Ashraf Barhoum, der den Hamas-Anführer Abu-Karem gespielt hat. Es gehe hier nicht um Kunst, sondern darum zu zeigen, was in Palästina passiert, sagt er. Abu-Assad greift ein, für ihn sei Kunst schon das Wichtigste. Doch Barhoum bleibt aufgebracht.
Ob der Film jemals in Palästina zu sehen sein werde, sei ungewiss, allein schon aus Mangel an Kinos. Ob sich Israelis einen Film über Menschen ansehen möchten, die für den Tod von Freunden und Bekannten verantwortlich sind, ist ebenso fraglich. Andererseits hat der Israelische Filmfond die Berlinale genutzt, um die Vertriebsrechte für «Paradise Now» zu erwerben. Das heiße zwar noch nicht, dass der Film dort auch in die Kinos kommt, so Harel, aber es bezeuge ein Interesse am Schicksal der Palästinenser. Und das wäre ein Anfang, den die Region gut gebrauchen könnte.
Trotz der Komplexität des Themas ist «Paradise Now» kein blutleerer Thesenfilm, sondern erzählt eine spannende, gut gefilmte Geschichte. Das hat ihn für viele Kritiker zum bisherigen Favoriten gemacht.
Allerdings ist «Le promeneur du Champ de Mars» für nicht-französische Zuschauer wegen der häufigen Anspielungen auf die damalige französische Innenpolitik zuweilen schwer zugänglich.
Dennoch liefert Guédiguians Geschichte eines jungen, ambitionierten Journalisten, der Mitterrand, wenige Wochen bevor dieser aus dem Amt scheidet, für dessen Memoiren interviewen darf, ein fein ziseliertes Porträt des großen Staatsmannes aus der Nachkriegszeit.
Die 115 Minuten sind lang, die einzelnen Geschichten tun sich schwer miteinander und wirken in manchen Augenblicken fast unmotiviert. Es ist so, als säße man in einem überfüllten IC und lasse den Blick schweifen. Da möchte man nach gewisser Zeit endlich ankommen.
Am Dienstag, zum Bergfest des Filmfestivals, steht der dritte deutsche Beitrag auf dem Programm: Christian Petzolds «Gespenster».

