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Rattenlinie Nord: Die Flucht der Nazi-Größen
06. Mai 2005 06:51

Letzte NS-Bastion in Flensburg
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Foto: dpa
Letzter Fluchtpunkt für Hitlers Führungsriege würde die Alpenfestung sein, vermuteten die Alliierten. Doch Himmler und Kumpane suchten Unterschlupf im Norden.

 
Von Margret Kiosz

Während Berlin vor der Roten Armee kapitulierte, richtete sich die geschäftsführende Reichsregierung in der Marineschule Mürwik bei Flensburg ein. Zwar sind die letzten Tage der Reichsregierung bis zum 23. Mai 1945 nur eine Fußnote in der Geschichte, gleichwohl fielen dort noch eine ganze Reihe Entscheidungen mit bedeutenden Auswirkungen. Vor seinem Selbstmord am 30.April 1945 hatte der Diktator Adolf Hitler in seinem politischen Testament den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, zum Reichspräsidenten ernannt.

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Dönitz übernahm am 1. Mai 1945 die Führung der letzten deutschen Reichsregierung und verlegte zwei Tage später sein Hauptquartier auf das Gelände der Marineschule Mürwik. Als Regierungsgebäude diente die Sportschule. Der letzte unbesetzte Rest des großdeutschen Reiches erstreckte sich rund sieben Kilometer die Fördeküste entlang. Dönitz und einige Minister nahmen Quartier auf dem Dampfer «Patria», der getarnt an der Blücherbrücke lag. Wirtschaftsminister Albert Speer zog in das Schloss Glücksburg.

Die Kapitulation

Hitlers Kindersoldaten ergeben sich
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Foto: dpa
Von Mürwik aus leitete Dönitz die Kapitulationsverhandlungen ein und organisierte die Rettung von zahlreichen Flüchtlingen und Verwundeten aus dem Osten des verbliebenen Reichsgebietes. Sein Ziel war es, möglichst viele deutsche Soldaten und Zivilisten in das Gebiet der Westmächte zu holen. Dönitz spielte Reichspräsident und Chef des Oberkommandos der Wehrmacht zugleich. Dementsprechend kapitulierte er am 4. Mai gegenüber dem britischen Feldmarschall Bernhard Montgomery für die Truppen in Norddeutschland.

Erst am 7. Mai 1945 flog Generaloberst Alfred Jodl von Flensburg aus nach Reims und unterschrieb dort die Gesamtkapitulation für Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt hatten die deutschen Teilkräfte in Berlin, Italien, Holland, Norddeutschland und Dänemark bereits kapituliert. Im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin wurde die Kapitulation am 8. Mai wiederholt. Ab Mitternacht schwiegen die Waffen.

Dönitz schmiedet Zukunftspläne

Doch auch nach dem 8. Mai blieb die Regierung in Flensburg zunächst unbehelligt. Die Alliierten waren sich in den ersten Tagen nach Kriegsende noch nicht einig, wie man mit ihr verfahren sollte. In völliger Verkennung ihrer Lage entwarf die Regierung Dönitz fantastische Pläne für die Zukunft Deutschlands und für ihre eigene.

Erst am 23. Mai wurde das Treiben der britischen Besatzungsmacht zu bunt: Sie verhaftete die Regierung Dönitz in der Marineschule. Albert Speer, der schon am 5. Mai aus der Regierung ausgestiegen war, wurde auf Schloss Glücksburg festgenommen.

Falsche Papiere am Fließband

Erst in der jüngsten Vergangenheit haben Historiker die Rolle Flensburgs als Fluchtpunkt für die Drahtzieher des dritten Reich aufgearbeitet. Nicht nur Dönitz mit seiner Reichsregierung hatte sich nach Norden abgesetzt. Die so genannte Rattenlinie Nord benutzten auch viele andere Nazis, die den Verfolgern entgehen wollten.

Zum Beispiel SS-Reichsführer Heinrich Himmler, der sich mit 150 Personen seines Stabes nach Norden absetzte. In großen Mengen wurden in den letzten Kriegstagen im Flensburger Polizeipräsidium und in Mürwik falsche Papiere ausgegeben, die aus Massenmördern einfache Soldaten machten.

Die Rückkehr der Nazis

Viele von denen, die den Alliierten nicht ins Netz gingen, fanden später Anstellung in der Verwaltung, Hochschulen und im Regierungsapparat der Kieler Landesregierung. In kaum einem anderen Bundesland war in den 1950er Jahren der Anteil der Staatsbediensteten, die eine Vergangenheit als Kriegsverbrecher oder Nazi-Größe aufzuweisen hatten, größer als in Schleswig-Holstein.

Dönitz wurde in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er komplett absaß. Er starb in seinem Haus in Aumühle bei Hamburg 1980 an Altersschwäche. (AP)






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