Ethik und Tourismus:
Sinn und Unsinn des Boykotts von China-Reisen
01. Apr 2008 17:42
 |  Demonstrieren, Boykottieren: Was hilft? | Foto: AP |
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Angesichts der Vorgänge in Tibet, überlegt sich manch ein China-Tourist, ob er eine Reise in das Riesenreich verantworten kann. Denkanstöße von zwei Experten und Tipps einer Juristin.
Die Olympischen Sommerspiele im August in Peking sollen China touristisch nach vorne bringen. Die ganze Welt wird auf den Gastgeber schauen. Und sie wird durch farbenfrohe Fernsehbilder etwas über die Vielfalt von China als Reiseland erfahren. Soweit die Theorie. Denn schon jetzt schaut die Welt auf China - allerdings wegen der Menschenrechtslage in Tibet.
Mancher, der seine China-Reise schon gebucht hat, bekommt da moralische Bedenken. Fahren oder nicht - diese Entscheidung fällt nicht ganz leicht. Ist es vertretbar, Urlaub zu machen, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden?
Thies: Erwägenswert, eine Reise abzusagen
 |  Christian Thies | Foto: privat |
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Christian Thies, stellvertretende Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover, hält das für eine eine schwierige Frage: «Die Vorfälle in Tibet sind zu verurteilen. Ich finde es erwägenswert, eine Reise aus moralischen Gründen abzusagen, auch wenn es sicher wichtigere Dinge zu tun gibt.» Thies sieht zum Beispiel Politiker stärker in der Pflicht als Urlauber. Bei der Entscheidung für eine Reise spielten mehrere Überlegungen eine Rolle - etwa die Frage, ob die eigene Meinung überhaupt richtig ist. Denn möglicherweise wird das, was Menschen in Deutschland verurteilenswert finden, von den Bewohnern des Landes als richtig empfunden. Bei China sei die Situation jedoch eindeutig: «Da geht es um den Schutz von Minderheiten und die Einhaltung von Menschenrechten. Da kann man schon sagen, dass China nicht auf dem richtigen Weg ist - was übrigens viele Menschen im Land genauso sehen», sagt Thies.
Kirstges: Absage kein vielversprechender Ansatz
Dagegen denkt Torsten Kirstges, es sei kein viel versprechender Ansatz, durch den Verzicht auf eine China-Reise gegen Pekings Politik zu protestieren. Ein Reiseboykott würde die politische Führung nicht so stark treffen, dass sich ein Umdenken in der Tibet-Frage erzwingen lasse, sagt der Tourismusforscher an der Fachhochschule Wilhelmshaven. Denn die Bedeutung des Tourismus für Chinas Wirtschaft sei nicht so groß, dass sich ein erheblicher Druck ausüben lasse.
 |  Torsten Kirstges | Foto: privat |
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Ein Reiseboykott bringe sogar Nachteile, sagt Kirstges: Tourismus trage immer auch zur Verständigung zwischen Völkern und Kulturen bei: «Das geht langsam, aber sehr nachhaltig und kann von der politischen Führung auf Dauer auch gar nicht verhindert werden.» Reisen nach China ermöglichten den Menschen dort Kontakte zu Europäern.
Kontakte sind wünschenswert
Solche Kontakte seien positiv für die gesellschaftliche Entwicklung eines Landes. «Auf diese Weise lassen sich auch Berührungsängste und Vorurteile abbauen, die es auf chinesischer Seite gibt.» Umso größer sei langfristig das Verständnis im Lande für westliche Sichtweisen und für Kritik - etwa an der Verletzung von Menschenrechten. Hinzu komme, dass China kein Land sei, in dem die Einnahmen aus dem Tourismus fast vollständig bei der Regierung landen. Ein Boykott träfe daher nicht zuletzt die Chinesen, die Kontakte ins Ausland suchen und in der Reisebranche arbeiten. Urlauber könnten aber durchaus Konsequenzen ziehen, so der Forscher. Vernünftig sei zum Beispiel, über die Form der Reise nachzudenken. Statt sich für die Standard-Pauschalrundreise zu entscheiden, seien Begegnungsreisen, bei denen Treffen mit Einheimischen fest zum Programm gehören, eine gute Alternative, findet Kirstges. «Das halte ich für sehr sinnvoll.»
Form des Reisens ist bei Abwägung wichtig
Wenn es die Möglichkeit gibt, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten und eigene Werte zu vermitteln, dann könnte das eine Reise eher legitimieren, meint auch Philosoph Thies. «In China sehe ich das aber kritisch. Als Tourist kommt man wahrscheinlich wenig mit den Menschen zusammen, weil man die Sprache nicht spricht.» Auch Thies denkt, dass die Organisationsform eine Rolle spielt: Wer mit einer Gruppe eine Partnerstadt seines Heimatortes besucht, bekomme eher Kontakt zu den Einheimischen als Teilnehmer einer Veranstalterreise. Bei einem Boykott stellt sich auch die Frage, was das eigene Handeln überhaupt bewirkt. «Wenn man als Einzelperson im stillen Kämmerlein entscheidet, nicht nach China zu reisen, besteht das Risiko, dass es nur der eigenen Gewissensberuhigung dient», sagt Thies.
Austausch in der Reisegruppe
Wer seinen Protest dagegen öffentlich machen möchte, könne mit Freunden oder der Reisegruppe darüber sprechen oder zum Beispiel den Veranstalter auffordern, China-Reisen auszusetzen. Wenn viele Menschen dem Land fernblieben, habe das Auswirkungen, etwa weil Devisen verloren gehen. Letztlich sollte die moralische Frage aber nicht von möglichen Folgen des Handelns abhängig gemacht werden, sagt Thies. «Nehmen Sie das Beispiel Ehrlichkeit. Wenn Sie nur fragen, ob Ehrlichkeit positive oder negative Folgen hat, werden Sie feststellen, dass der Ehrliche oft der Dumme ist.» Es gehe vielmehr um das Prinzip der Ehrlichkeit. Übertragen bedeutet das: Nicht die Folgen des moralischen Handelns stehen im Vordergrund, sondern das Prinzip, moralisch zu handeln, an sich. Und wie man dazu steht, müsse jeder nach Abwägung aller Argumente für sich selbst entscheiden.
Verbraucherzentrale: Reiserücktritt kostet Geld
Ein kostenloser Reiserücktritt aus moralischen Gründen wird dabei allerdings nicht das Ergebnis sein - denn für einen solchen Schritt fehlt Touristen die Handhabe, sagt die Reiserechterin Sabine Fischer von der Verbraucherzentrale Brandenburg in Potsdam. Absagen lasse sich eine Reise zwar immer, allerdings müssten im Falle Chinas die Urlauber die Stornokosten tragen. Das dürften bei «Olympia-Reise» im August derzeit - also gut viereinhalb Monate vor den Spielen - etwa 30 Prozent des Reisepreises sein. Wer moralische Bedenken hat, sollte mit einem Reiserücktritt allerdings nicht lange warten. Denn je näher der Termin rückt, desto höher wird auch der Stornokostenanteil. (Carina Frey und Andreas Heimann, dpa)