26.03.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Heiligenbildchen gehören dazu, mitunter selbst eine Passionsszene mit Maria und Jesus, wie hier in einer Vitrine
Foto: nz/tst
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Vehikel, die auf Malta Pendler zur Arbeit bringen, sind liebenswert - und stünden in Mitteleuropa eher im Museum. Teil II der Reportage.
«No spare parts, no spare parts!», schimpft Muscat laut. Das Problem ist der akute Ersatzteilmangel für die rollenden Import-Fabrikate aus Fernost. Denn Leuchtschrift-Anzeigen und gepolsterte Sitze bringen kein Geld, wenn sie nur in der Werkstatt stehen. Und die King Longs tun dies oft.
«It's rubbish» - also Müll , stimmt auch Carmel in die Klage über die gelbe Mängel-Ware ein und ist froh, in seinem rustikalen Ford zu sein. Ein blaues Frotteetuch macht ihm das Sitzen auf dem Lederpolster angenehmer. Carmel bedient heute die Route 66, zwischen dem Busterminal von Valletta und dem nordmaltesischen Küstenort St. Andrews. Ab 7:20 morgens sieben mal täglich im Zweistundentakt hin und zurück. 70 Minuten Fahrzeit, anschließend 50 Minuten Pause. Die Transport Authority hat die Route Carmels Chef zugeteilt. Denn den Busverkehr in Malta organisiert der Staat. Die Busse aber sind Privateigentum, gesteuert von den Besitzern oder von angestellten Fahrern wie Carmel.
Am Nachmittag, sechs Touren später, liegt die letzte Sonne des Tages über dem Hafen von Valletta. Wenn Carmel seinen Bus reinigt, Öl- und Wasserstände überprüft und die Einnahmen abrechnet, wird es wieder dunkel sein. Noch erklimmen jedoch an jeder Station neue Fahrgäste die Stufen des türlosen Einstiegs, reichen Carmel Euro- oder 50-Cent-Münzen und zupfen Thermodruckbillets zu 47 Eurocent aus dem Drucker. Seitdem Malta im Januar 2008 den Euro einführte, grabbeln die Fahrer für das Wechselgeld immer auch drei Cent aus den Münzkästen rechts neben sich. Der Fahrpreis von 0,20 maltesischer Lira war einfacher zu handhaben. Nur wenige zahlen passend.
Längst sind die türkisfarbenen Kunstledersitze besetzt. 36 Sitz- und zwölf Stehplätze sind nicht viel, am Tag vor Ostern herrscht an der Hafenpromenade Hochbetrieb. Wer sitzt, hat einen nahezu unterbrechungsfreien Rundblick durch die breiten Schiebefenster auf Boote, Bauwerke und die glitzernde See. An der Haltestelle drängen Wartende hinein. Noch zwei, bedeutet Carmel mit den Fingern in Richtung Einstieg. Der Rest muss auf den nächsten Bus warten. «Move back», fordert er die Passagiere im Gang auf, in Richtung des ovalen Heckfensters aufzurücken. Es ruckelt laut, wenn er den Gang einlegt. Der Motor dröhnt, es hallt von den Mauern wider, als Carmel sein Gefährt die schmale Einkaufsstraße der Küstenstadt Sliema hinauf treibt. Es ist der Lärm eines Schwertransporters, einer Abrissbaustelle. Zurück bleibt schwarzer Dieselqualm.
Für die Fans gehört auch das dazu. Häufig flammen am Straßenrand Fotoblitze auf. Naht Carmel mit seinem gelborangefarbenen Star, reißen die Touristen die Kameras an die leuchtenden Augen, dem Charme der kurvigen mattschwarzen Kotflügel erlegen.
Wie alle Busfahrer antwortet Carmel auf die immer gleichen Fragen nach dem Fahrziel oder dem Fahrpreis. Wer komplexerer Informationen bedarf, sollte sich eher auf sein Gefühl verlassen als auf die Person am Lenkrad. Geht es etwa darum, wann der letzte Bus zurück fährt, entspricht die Zahl der unterschiedlichen Antworten mitunter der Zahl der Befragten.
Hell ertönt jetzt häufig die Glocke über Carmels Kopf, das Zeichen für ihn, an der nächsten Station zu stoppen. Denn wer aussteigen will, zieht an einer der Leinen, die über den Köpfen nach hinten führen. Oftmals bedeuten ihm auch die dort an der Straße Wartenden mit dem Arm, zu halten. Gelegentlich stoppen die Fahrer auch auf Wunsch, um Fahrgäste aufzunehmen oder aussteigen zu lassen.
Schon rollend, gibt er mit der Rechten noch Wechselgeld aus und reicht Tickets herüber. Er antwortet mit der Hupe, wenn ein Kollege im Vorüberfahren das sonore Zweitonhorn erklingen ließ. Es wird viel gehupt in Maltas Bussen: zum Gruß, oder wenn ein Fahrzeug am Vorankommen hindert.
Besonders häufig ist es etwa auf der kurvigen Strecke vom nordmaltesischen Bugibba nach St. Julians, wo eine teils doppelte Sperrlinie die Fahrtrichtungen trennt. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der Buslenker dem Pkw vor der eigenen Stoßstange mit dem Horn bedeutet, sich weit links zu halten. Das Gaspedal am Anschlag, geht es ungeniert über die Mitte hinweg. Ein elektronisches Horn ertönt der Fahrer hat eine SMS bekommen, die er prompt beantwortet, auch bei Vollgas in der Kurve im Dunklen. Das auch auf Malta geltende Handyverbot am Steuer kümmert hier kaum einen.
Auch Martin Galen schert es nicht, der mittags seinen 45 Jahre alten DAF-Bus zu den Dingli Cliffs an der Südküste steuert. Das Tachometer blieb bei 348.936 Kilometern stehen, die Nadel zeigt keinen Ausschlag. Durch eine coole Sonnenbrille blickt der Mann mit dem sportlich kurzen Haar auf die Tasten seines Telefons, bevor er es zum Ohr führt.
Die Mehrzahl der Fahrzeuge ist mittlerweile von Austauschmotoren angetrieben. Nicht jedoch der Bedford von 1967, der auf der Linie 62 von Valletta nach Paceville verkehrt. Das Triebwerk des britischen Lieferanten AEC sei original, beteuert der Fahrer mehrfach. Mehr als eine Million Kilometer ließ es die Räder rollen, 100 am Tag, siebenmal die Woche, zuverlässig. Die Kraft ist auch hörbar: Wer auf der Längsbank dicht beim Fahrer sitzt, versteht sein eigenes Wort nicht, wenn der Motor hochdreht. Alle 7000 Kilometer geht es in die Werkstatt, zum Ölwechsel. Sonstige Termine beim Mechaniker gibt es nur, wenn der Motor doch mal streikt: «Service is when the engine stops», erläutert er beim Ampelhalt.
Der Busterminal in Valletta ist mittlerweile von Straßenlaternen erleuchtet. Etwa 400 Menschen hat Ford-Fahrer Carmel befördert, wenn er die siebente Tour hinter sich hat. Noch rund 200.000 werden es insgesamt sein, dann ist für ihn Schluss. Mit 62 werde er in Rente gehen, sagt Abel. So Gott wolle Malta ist katholisch.