13.09.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Abschied von Burning Man und Hasenohren
Yoga, Sexorgien und das Kunstwerk mit der größten Wahrscheinlichkeit, einen Hippie zu töten. In Black Rock City ist alles möglich. Sophie Albers hat sogar mit Gott telefoniert.
Die Sonne ist untergegangen, und nicht weit vom Tempel wummern die Bässe des Soundsystems. Nachts wird gefeiert. Zwischen Trauer und der Befreiung von ihr liegt ein zehnminütiger Fußmarsch. Die Playa sieht nun ein bisschen aus wie die Tiefsee. Seltsame Fische ziehen ihrer Wege, bunte Leuchtstäbe verhindern, dass man sich in der mondbeschienenen Dunkelheit über den Haufen rennt. Neben den Fußgängern sind die nun hell beleuchteten art cars unterwegs, auch Mutanten-Fahrzeuge genannt, schrille, alternativ angetriebene Vehikel, die mal nach Mad Max und mal nach Alice im Wunderland aussehen. Wer aufspringt, wird durch die Stadt gefahren. Viele der Burner fahren Fahrrad. Die meisten Leute trifft man jedoch immer noch zu Fuß. So auch Gott.
Auf der Esplanade, der Vergnügungsmeile zwischen Playa und dem Rest der Stadt, steht eine Telefonzelle, in der es klingelt, wenn man vorbei geht. «Sprich mit Gott» steht über der Tür. Er ist übrigens eine Sie, klingt ein bisschen müde, mag Hasenohren und verspricht, dass es in diesem Jahr weniger Staubstürme geben wird.
Die sorgen auch im Zelt für Ausnahmesituationen, weil der Staub einfach überall durchkommt. Wirklich alles - vom Schlafsack bis zum Inhalt des Rucksacks liegt unter einer dicken Schicht. Doch wenn man spät in der Nacht ins Zelt rollt, ist das eigentlich auch egal.
Knoten um den HalsAm nächsten Morgen stehen Workshops zur Auswahl: Capoeira, Yoga, Diskussionen über die globale Erwärmung oder auch Kuschelrunden und Sexorgien sind in einem imposanten Programmheft verzeichnet, an das sich allerdings fast niemand hält. Auf dem Weg zum Sonnengruß kommen wir vorbei am «Human Carwash»: Nackte Menschen lassen sich von anderen nackten Menschen den Staub abwaschen. «Wir feiern die Schönheit des Körpers», sagt der Obernackte. Vielleicht doch lieber die «Lavendel Lounge»: Unter Lavendel-parfümiertem Sprühregen liegt man mit Augenmaske auf einer Luftmatratze und bekommt den Kopf massiert. Jeder, der das Zelt verlässt, grinst so selig wie es wohl kein Trip zustande bekommt. Und all das sind Geschenke. Man «zahlt» mit einem Dankeschön, einer Umarmung, einem Lied aus dem Stehgreif oder auch einer Kette. Häufige Gabe ist Burning-Man Erinnerungsschmuck. So hat man am Ende des Abends neben der Maske, der Schutzbrille und dem headlight auch noch Ketten um den Hals hängen. Alles in einem großen Knoten.
Wohnen tut man am besten in einem Camp. Da gibt es auch das rationierte Wasser, das Essen und so etwas wie einen Anlaufpunkt. Hier steht das Zelt, das wegen der Stürme mit extralangen Metallstangen gesichert werden muss. Die Vorbereitungen für Burning Man haben mehrere Tage gedauert, denn man muss an all die grundlegenden Dinge denken, um die man sich sonst so rein gar nicht schert.
Kunstwerk mit der größten Wahrscheinlichkeit, einen Hippie zu tötenBurning Man ist vor allem auch ein Kunstfestival. Das größte Kunstwerk steht in diesem Jahr weit draußen, noch hinter dem Tempel: Mike Ross' «Big Rig Jig» sind zwei ineinander verschlungene Monstertrucks, die wie sich begattende Libellen in den Himmel ragen. Man kann hineinklettern, um das dschungelartige Innere zu erforschen. Doch bei der zwölf Meter hohen Allegorie auf das Verhältnis von Mensch und Natur, Furcht und Schönheit, kommt der Life Waiver wieder ins Spiel: Vor allem Männer klettern von außen an der Skulptur hoch. Das war nicht vorgesehen und ist ganz offensichtlich lebensgefährlich, doch gibt es in Black Rock City eben niemanden, der einen davon abhält, solch ein Risiko einzugehen. Das hat «Big Rig Jig» den Titel «Kunstwerk mit der größten Wahrscheinlichkeit, einen Hippie zu töten» eingebracht.
Ebenso imposant ist die Skulptur eines Ölförderturms, der umringt ist von bis zu zehn Meter hohen Stahlfiguren - Frauen und Männern, die halb in Flammen stehen und das Leid im Namen des Rohstoffs symbolisieren. Das ist jedoch nichts gegen die inszenierte Explosion des Turms, die selbst das (zweite) Abbrennen des Burning Man in diesem Jahr komplett übertrumpft. Wie ein Atompilz schrauben sich Flammen und Rauch in den Nachthimmel. Die Hitzewelle hat solche Wucht, dass sie noch etliche Meter hinter der Absperrung zu spüren ist. Dem leichten Schock folgt der Jubel, dann wird der Zaun niedergerissen, und die Menge läuft auf die Flammen zu, umringt sie, wärmt sich in der kalten Wüstennacht.
Zeit zu gehenEine Nacht später ist alles anders. Fast kein Wort ist zu hören, als der Tempel des Vergebens angezündet wird. Tausende sitzen um das abgesperrte Bauwerk, und Architekt Best geht eine riesige Runde. «Es ist nicht eure Schuld», ruft er in die Menge und umarmt ein Mädchen, das am Zaun steht und weint. Dann werden die Fackeln gebracht, und dieser Abschied ist endgültig. Zeit zu gehen.
Der Schlaf in dieser Woche in der Stadt des brennenden Mannes war für die meisten ihrer Bewohner ein traumloser. «Das liegt wohl daran, dass die wache Zeit schon wie ein Traum ist», sagt eine Frau, die sich in BRC den Kopf kahl rasiert hat. «Um mit einer Phase in meinem Leben abzuschließen», sagt die New Yorkerin. Und alle verstehen sie.
Burning Man, das ist das Gegenteil von dem, was sonst ist. Das ist Hitze in der Kälte, Fülle in der Leere, Farbe in der Eintönigkeit und irgendwie auch ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Gäbe es hier Bäume, möglicherweise würde ich einen umarmen.