netzeitung.deAls der Mann zwei Mal brannte

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Vor 21 Jahren haben ein paar Jungs bei San Francisco eine Holzfigur verbrannt. Mittlerweile ist Burning Man ein Kunst- und Partyspektakel, das 40.000 Menschen in die Wüste lockt. Sophie Albers war Bürgerin von Black Rock City 2007.

Um überhaupt reinzukommen, muss man unterschreiben, dass keine Ansprüche erhoben werden, sollte man in Black Rock City sein Leben lassen. Dieser Life Waiver (Lebens-Verzichtserklärung) gibt einem schon ein komisches Gefühl, bevor man die Tore zu der Stadt, die jedes Jahr nur acht Tage lang existiert und die 2007 knapp 47.100 Einwohner gehabt haben soll, überhaupt durchschritten hat. Doch was soll einem auf einem Hippie-Festival schon passieren, beruhigt man sich und lächelt über das verstaubte Begrüßungskommitee in wilden Kostümen, das Umarmungen verteilt und jedem Neuankömmling ein freundliches «Willkommen daheim» entgegenruft.

Daheim? Black Rock City oder auch kurz BRC genannt liegt etwa 140 Kilometer von Reno entfernt mitten in der Wüste des Bundesstaates Nevada. 50 Grad am Tag, zwölf in der Nacht, lautete die Anweisung zum Kofferpacken. Kein Wasser, kein Strom, kein natürlicher Schatten, keine sanitären Einrichtungen außer Dixiklos. Dafür ein Experiment in Gesellschaft, radikalem Selbstausdruck sowie radikalem Selbstvertrauen, wie die Organisatoren das Burning Man Festival nennen. Und dann gibt es noch die zehn Gebote:


  • Respektiere deine Mitbürger, denn ihr sitzt im selben Boot.

  • Hinterlasse keine Spuren. Jeder Bürger muss seinen Abfall wieder mitnehmen. Hier gibt es keinen einzigen Mülleimer.
  • Hier wird weder ge- noch verkauft. In BRC gibt es bis auf zwei Ausnahmen keinen Geldverkehr.
  • Keine Autos.
  • Akzeptiere die Stadtgrenzen. Umliegenden Gemeinden ist das liberale Treiben schon lange ein Dorn im Auge.
  • Halte die Feuerregeln ein.
  • Keine Hunde.
  • Du musst ein Ticket haben, das übrigens schlappe 250 Dollar kostet.
  • Auch in BRC gelten die Staats- und Bundesgesetze.
  • Waffen sind verboten.

  • Der Rest liegt in der Eigenverantwortung der Einwohner.

    Verloren im Staubsturm
    Die Stadt besteht zu aller erst aus Staub, kein Sand, nur diese hellbeigen Partikel, die sich vor allem nachmittags gerne zu so genannten white outs verdichten, Staubstürme, die alles einhüllen und die Haut aussehen lassen wie Marmor. Da es keine Duschen gibt, lernt man schnell, mit dem Staub zu leben, und weil man so viel schwitzt, hält sich der unangenehme Körpergeruch tatsächlich in Grenzen.

    Der wahre Feind ist die Sonne. Wer die Stadt erforschen will, muss das morgens, am späten Nachmittag oder in der Nacht tun. Zwischen eins und vier Uhr nachmittags verfällt BRC in eine Echsenstarre. Da bleibt nur Schatten und kalte Getränke suchen. Auch wer sich sonst auf den Weg macht, muss immer eine gut gefüllte Wasserflasche bei sich tragen. Dehydration ist hier eine Frage von einer halben Stunde. Ebenso Staubmaske und Schutzbrille sollte man immer dabei haben, denn besagte Staubstürme fegen ohne Vorankündigung über die Ebene.

    Doch wenn die Sonne nicht gerade im Zenith steht und man die Zeltstadt das erste Mal verlässt, wird der Neuling mit dem überwältigenden Anblick der surrealen Schönheit dieses Ortes belohnt, der an irgendetwas zwischen Tankgirl, Dune der Wüstenplanet und die Landschaft eines Computerspiels erinnert. Irgendwie postapokalyptisch, doch trotz aller Unwirtlichkeit einladend.
    Burning Man zu früh angezündet
    Dem Blick über die völlig plane, harte Ebene sind keine Grenzen gesetzt bis zu den weich geschwungenen Hügeln am Horizont, hinter denen die Sonne auf- und untergeht. Über den Himmel schieben sich strahlend weiße Wolken, zwischen denen immer wieder Luftballons und wundersame Fluggeräte schweben oder auch knattern. Sogar zwei knallbunte Düsenjäger rasen einmal durch klares Blau.

    Wie die Ränge einer halbierten Arena liegen die Wohnblocks mit den Zeltbauten um den Burning Man, die rund zwölf Meter hohe Holzstatue, die das Zentrum der Stadt bildet, und die all dem hier den Namen gegeben hat. Als wir ankommen, ist der Man allerdings nicht da. Ein «Burner», wie die Wüstenstadtbewohner sich gegenseitig nennen, der alten Schule hat die Holzskulptur fünf Tage vor dem offiziellen Termin angezündet. So muss ein Neuer gebaut werden, und es ist amüsant zu sehen, wie die liberalsten der Amerikaner plötzlich über den Regelverstoß schimpfen und den Brandstifter hinter Gittern sehen wollen. Aber natürlich gibt es genauso viele, die unter anderem mit lustigen Kunstaktionen dessen Freilassung fordern.

    Eigentlich ist BRC ein großes Nichts. Auf der Playa, wie das kilometerweite Staubfeld in der Mitte heißt, verlaufen sich die Tausenden Besucher. Wenn man jemanden trifft, wird gegrüßt, gelacht, jeder ist verkleidet, was auch gar keine Kleidung bedeuten kann. Nicht sonderlich beliebt ist übrigens der Anblick der «shirt cocker», Männer die nur ein Tshirt tragen. Aber hier gilt schließlich die Freiheit des Ausdrucks, und so tummeln sich zwischen Kunstobjekten, die wie zufällig über die Playa verstreut scheinen, Wüstenamazonen, nackte und angezogene Hippies, Stelzenläufer und sonstige Fantasiegestalten, die unter Schirmen und großen Hüten der Sonne trotzen.
    Der Tempel wird brennen
    An den ersten Tagen zieht es die meisten BRC-Bürger ans Ende der Playa. Seit Jahren baut David Best dort den Tempel des Vergebens. Hier wird der Toten gedacht, und hier umgibt den Besucher eine Ruhe, als habe er eine neue Ebene im Spiel erreicht. In diesem Jahr ist es eine japanisch anmutende Kathedrale geworden, zu der in der blauen Stunde Hunderte pilgern. Das weiße Holz des Baus auf Zeit ist übersät mit Worten des Abschieds und der Trauer. Die Menschen sitzen dazwischen, einige weinen, andere lesen die Botschaften. Am letzten Tag des Festivals wird der Tempel brennen, 24 Stunden nach dem Burning Man.

    Lesen Sie Teil II am Donnerstag