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Ein bequemerer Weg nach Rom: per Zug bis zur Stazione Termini (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ein bequemerer Weg nach Rom: per Zug bis zur Stazione Termini
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Über die Alpen zu Fuß nach Rom: Christian Jostmann hat auf seiner Reise keine Strapazen gescheut. Touristen in der Toskana waren für ihn Exoten aus einer anderen Welt.

Die Erlebnisse von Italienreisenden bestehen meist aus dem Besuch historischer Stätten, von Museen, Kirchen, Architekturdenkmälern. In der verbleibenden Zeit wird auch die gastronomische Gastlichkeit charakteristischer Lokale genossen.

Da ist dann noch die andere Touristenkategorie, die nichts als Erholung sucht. Gänzlich abwesend ist fast überall das gewöhnliche Leben des Landes, der Alltag der Bevölkerung. Christian Jostmann hat fünf Wochen lang ein anderes Italien als das der Touristen erlebt und das in einem detailreichen Buch anschaulich beschrieben: «Nach Rom zu Fuß».

Der damals 33 Jahre alte Autor, an der Universität Bielefeld promoviert mit einer Arbeit über Papsttum und Prophetie im 13. Jahrhundert, machte sich am 1. August 2004 in München auf den langen Weg - Luftlinie München-Rom knapp über 700 Kilometer.

20.000 Höhenmeter überwunden
Auf seiner ersten Etappe, der Überquerung der deutschen, österreichischen und italienischen Alpen, bewältigte er 20.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg, wie er nach der Strapaze in Verona konstatiert. Weiter geht es durch die Po-Ebene, über Bologna und Florenz auf die letzte Etappe, auf der an einem Abend auch das Tyrrhenische Meer in Sicht kommt und er schließlich durch ein Tor der antiken Stadtmauer den Kern Roms betritt.

An jedem der 52 Morgen vorher war ungewiss, was der Tag bringt, wie und wo er mit Ausruhen und Schlaf endet. Jeweils dazwischen: Straßen, manche ohne Seitenstreifen, und kaum begangene Pfade, eine Natur mit berauschend schönen Landschaften, aber auch Unwegsamkeit und Hindernissen.

Die Nacht mag der Wanderer in einer Jugendherberge oder einem kirchlichen Haus verbringen. Findet er Aufnahme in einem Kloster oder bei einer gastfreundlichen Familie, kann es auch gute Gespräche geben oder sogar eine Freundschaft entstehen. Sicher aber ist das Nachtlager nicht. Zwischen dem Rifugio Fraccaroli und der Ankunft in Verona vergehen fast dreißig Stunden ohne Schlaf.

Panischer Hund stört Nachtruhe
Das Tagesende nach jener Schutzhütte beginnt mit einem Pfarrer, der auf die Bitte um Rat mit einer Schimpfkanonade reagiert. Dann lassen nacheinander zwei improvisierte Ruheplätze unter freiem Himmel keinen Schlaf zu - beim ersten penetrant helle Laternen, beim zweiten ein panisch jaulender Hund. Der nunmehr dreifach Vertriebene entschließt sich, die Nacht gehend zu verbringen. Auch das wird problematisch, als ein steiles, feuchtes, üppig bewachsenes Tal zu durchqueren ist und später auf der Straße das Fernlicht von Autos blendet.

Eine weitere Leidenseskalation bringt ein einstündiges Gewitter. Als schließlich in einem kleinen Laden ein älterer Mann dem Übernächtigten eine Dose Cola verkauft, hält er bei der Begrüßung dessen Hand fest, streichelt sie und blickt ihn warmherzig an. Eine andere Erfahrung dieses Unterwegsseins ist die immer gleiche Routine - geregelt und diszipliniert: Gehen, Essen, Gehen, Schlafen, Gehen.

Die Diät ist einförmig: Brot, Wurst, Käse, Oliven, etwas Obst und Joghurt, Schokolade und Wein - erstanden in kleinen «Alimentari»- Läden. Die Beschränkung der Hygiene, die dieses Leben mit sich bringt, wird zunehmend als Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen empfunden.

Aus dieser Sicht wirken die Mittelklasse-Touristen in einem toskanischen Ort wie Exoten aus einer anderen Welt - dicke Männer in Shorts, die «Bild»- Zeitung unter dem Arm. Gebräunte Frauen, die Sonnenbrille in die Stirn geschoben, fahren Sportcoupes spazieren.

Gespaltenes Verhältnis zur Kirche
Ist dieses «Nach Rom zu Fuß» eine «Pilgerreise»? Der Autor hatte damit offenbar Probleme. Jedenfalls beginnt er sein Unternehmen, für das er sich das Empfehlungsschreiben eines Pfarrers besorgte, mit dem Besuch einer Messe in der Michaelskirche. Da ihm dabei einiges missfällt, verlässt er sie noch vor dem Segen mit einem «unguten Gefühl». Als dann in Österreich eine Frau, der er sagt, er gehe nach Rom, wohl eher scherzhaft bemerkt «Da haben Sie ja einen Heiligenschein, wenn Sie ankommen» fühlt er sich «missverstanden».

Ein «aufgeklärter» Mensch, reflektiert er danach, glaube nicht an die Kraft von Apostelreliquien - in dieser Simplizität wohl seinerseits ein Missverständnis der Rompilgerschaft. Allerdings sieht er im «Pilgern», im Gehen überhaupt, eine «Geste der Demut», womit es durchaus etwa Religiöses habe. «Wer zu Fuß geht, stellt sich auf eine Stufe mit dem Anderen».

Wie wohl manche Leser erwarten, ist dann für ihn auch eher ärgerlich und befremdend, was er gleich nach seiner Ankunft in Rom in einer den Papst erwartenden und dann bejubelnden Menschenmenge auf dem Petersplatz erlebt. Er hätte sich den Ärger ersparen können, denn er wusste doch, einer Textstelle zufolge, schon vorher, dass «Rom mehr ist als der Sitz des Papstes». (Rudolf Grimm, dpa)

Christian Jostmann: Nach Rom zu Fuß. Geschichte einer Pilgerreise Verlag C.H. Beck, München 220 S. mit 20 Abb. und Karten, Euro 17,90 ISBN 978-3-406-55739-2