In Rom kann jeder zum Entdecker werden
22. Jan 2007 11:23
 |  Rom von oben | Foto: dpa |
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Krüge, Becher, Münzen, Schmuck: Wer in Italiens Hauptstadt eine U-Bahn bauen oder sonst irgendwie graben will, muss auf Zufallsfunde gefasst sein.
Von Claudia DornerDie Anwohner der «Viale Manzoni» im römischen Lateran-Viertel ärgern sich. Eigentlich sollte ihre U-Bahn-Station nach Modernisierungsarbeiten schon im Dezember wieder geöffnet werden. Dann wurde der Termin auf April verlegt - und jetzt wird wohl auch daraus nichts. Denn beim Bau eines Belüftungsschachts stießen die Arbeiter auf Reste einer antiken Mauer. Unter der Schmutzschicht, die das Gemäuer bedeckt, sind Fresken und Stuck zu erkennen.
Archäologische Zufallsfunde wie an der U-Bahn-Station «Manzoni» sind in der Ewigen Stadt keine Seltenheit. «Immerhin liegt direkt unter unseren Füßen das größte archäologische Museum der Welt», gibt Maria Antonietta Tomei von der staatlichen Archäologischen Aufsichtsbehörde zu bedenken. Dass die Zufallsentdeckungen bei den Einwohnern oft nur für Ärger wegen der Bauverzögerungen sorgen, bedauert sie. «Wir Archäologen müssen den Menschen wieder mehr bewusst machen, wie wertvoll die Zeugnisse vergangener Zivilisationen für unsere heutige Kultur sind», meint Tomei.
«Rom - Erinnerungen aus dem Untergrund»
Deshalb haben sie und ihre Kollegen die Ausstellung «Rom - Erinnerungen aus dem Untergrund» konzipiert. In den ehemaligen päpstlichen Ölspeichern ist derzeit zumindest ein Teil dessen zu sehen, was in den vergangenen 25 Jahren aus dem Boden unter der Ewigen Stadt zum Vorschein kam: Tönerne Krüge, Becher aus Bronze, goldene Münzen und mit Edelsteinen besetzter Schmuck, aber auch größere Stücke wie Statuen, Mosaike und steinerne Särge. Viele Ausstellungsstücke stammen aus Zufallsfunden. Auf den marmornen Kopf einer Dionysos-Statue etwa stieß man beim Verlegen von Gasleitungen. Bei Straßenbauarbeiten kam eine ganze Grabanlage mit Sarkophag, Skeletten und reichen Grabbeigaben ans Tageslicht. Auch die ältesten gezeigten Stücke, Tonkrüge aus der Zeit der Etrusker, wurden nur durch Zufall ausgegraben. «Früher mussten wir darum kämpfen, dass an Baustellen in Rom archäologische Untersuchungen durchgeführt wurden», erzählt die Denkmalschutzbeauftragte. «Mittlerweile gibt aber sogar ein Gesetz, wonach es vor jedem größeren Bauvorhaben in Rom und Umgebung der Boden präventiv nach Zeugnissen alter Kulturen abgesucht werden muss.»
Antiker Hausrat und einzelne Säulen
Das heißt allerdings nicht, dass archäologische Denkmäler immer erhalten bleiben. Grabbeigaben, antiker Hausrat und einzelne Säulen, Statuen und Steinplatten werden geborgen, die Fundstätten selbst dagegen fallen meist den Erfordernissen der modernen Stadt zum Opfer - etwa dem Bau der U-Bahn. Was mit der freskengeschmückten Mauer an der Station «Manzoni» passiert, hängt von den weiteren Untersuchungen ab. Für den Bau einer überfälligen dritten U-Bahn-Linie in Rom haben sich Betreiber-Gesellschaft, Kommune und Archäologen bereits auf einen Kompromiss geeinigt. Archäologische Schätze, die dem Tunnel unter dem historischen Zentrum weichen müssen, erhalten dafür an der Haltestelle am Kolosseum einen eigenen, 3000 Quadratmeter großen unterirdischen Ausstellungsraum. Wirklich spektakuläre Funde gab es beim Bau der neuen Linie bislang allerdings noch nicht. Zu Tage kamen hauptsächlich Keramiken aus der Renaissance. «Wenn es um Ausgrabungen in Rom geht, denkt jeder gleich an die Antike», so die Archäologin.
Liebesbriefe
«Aber natürlich stößt man auch hier zunächst mal auf Zeugnisse aus der jüngeren Vergangenheit, bis man zu den tiefer liegenden Schichten vordringt.» Auch die Ausstellung «Erinnerungen aus dem Untergrund» spannt daher den Bogen durch die Jahrhunderte. Neben antiken Statuen und Münzen mit den Köpfen römischer Kaiser sind Lederschuhe aus dem Mittelalter zu sehen, bemalte Keramikteller aus der Renaissance, aber auch Liebesbriefe aus dem Jahr 1926, die offenbar absichtlich in einem Metallzylinder vergraben wurden. «Rom war immer eine lebendige Stadt und hat sich im Lauf der Zeit ständig verändert», sagt Maria Antonietta Tomei. «Genau daran wollen wir die Besucher unserer Ausstellung erinnern, indem wir ihnen den ganzen kulturellen Reichtum zeigen, der unter unseren Füßen liegt - manchmal nur einige Zentimeter.»
Hinweis: Die Ausstellung ist bis 9. April täglich von 9 bis 19 Uhr zu sehen (montags geschlossen). Olearie Papali, Piazza della Repubblica 12. Eintritt: 9 Euro. (kna)