Expedition ans Ende der Welt
10. Nov 2006 11:42
 |  Der Lemaire-Kanal in der Antarktis | Foto: dpa |
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10.000 Touristen zieht es jährlich zum kältesten, windigsten, und einsamsten Flecken der Welt - der Antarktis. Zu sehen gibt es See-Leoparden, Robben, Albatrosse und Wale - und natürlich Pinguine.
Von Manuel Meyer
«Suche Freiwillige für gefährliche Reise. Niedriger Lohn, bittere Kälte, lange Stunden in völliger Finsternis garantiert. Ehre und Anerkennung nur im Fall des Erfolges.» Eigentlich müsste man glauben, dass sich auf diese Zeitungsanzeige aus dem Jahre 1907 keiner gemeldet hat. Doch der irische Abenteurer Sir Ernest Henry Shackleton konnte sich kaum vor Bewerbern retten, die unbedingt an seiner Antarktis-Expedition teilnehmen wollten.
Minus 89,6 Grad
Dabei handelt es sich bei der Antarktis um den kältesten, windigsten, einsamsten und entlegensten Flecken der Erde. Hier wurden Temperaturen von minus 89,6 Grad gemessen und wüten Winde mit über 300 Stundenkilometern. Dennoch hat sich auch knapp 100 Jahre nach der Annonce von Shackleton nichts an der Begeisterung für den weißen Kontinent geändert. 15.000 Urlauber besuchten allein im vergangenen Jahr die für Touristen zugängliche antarktische Halbinsel.
 |  Adelie-Pinguine | Foto: dpa |
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Die Fahrt von der argentinischen Hafenstadt Ushuaia vorbei am Kap Horn zur Antarktischen Halbinsel führt 860 Kilometer durch die berüchtigte Drake-Passage, eines der stürmischsten Gewässer der Welt. Gigantische Wellen von bis zu sechs Metern Höhe schütteln die «Ushuaia» durch. Doch Kapitän Jorge Aldegheri bleibt gelassen: «Das ist ja noch gar nichts». Die bleichen Passagiere, die sich auf der Brücke aufhalten, tun einfach so, als hätten sie den Kapitän nicht gehört und konzentrieren sich wieder darauf, nicht umzufallen.
Auf einer Eisscholle sonnt sich eine Robbe
Nach zwei Tagen erreicht das robuste Expeditionsboot die Südshetland-Inseln, einen der Antarktis vorgelagerten Archipel aus 20 kleinen Inseln, das erst 1819 von Kapitän William Smith entdeckt wurde. In kleinen Zodiacs, robusten Gummischlauchbooten, legen die Passagiere unter den skeptischen Blicken tausender Adelie-Pinguine und Weddell-Robben am Strand von King George Island an. Laut schnatternd verteidigen die Pinguine ihre Nester gegen gigantische Albatrosse. Gemütlich sonnt sich eine Robbe auf einer Eisscholle, die nur wenige Meter vom Strand entfernt treibt. Der Mensch scheint keine Rolle zu spielen in dieser Welt aus blau und weiß schimmerndem Eis.
See-Leoparden und Albatrosse
Die Antarktis ist ein einzigartiges Natur- und Tierparadies: See-Leoparden, Robben, Albatrosse, Wale, die seltenen Macaroni-Pinguine, Skuas und andere Sturmvögel leben hier. Es gibt nur wenige andere Orte auf der Welt, an denen wilde Tiere aus so unmittelbarer Nähe beobachtet werden können. Selbst die nicht ungefährlichen See-Leoparden lassen die Menschen bis auf wenige Meter heran. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen jedoch die riesigen Pinguin-Kolonien. Es gibt 17 Pinguin-Arten. Kaiserpinguine werden bis zu 120 Zentimeter groß, die Adelie-Pinguine bringen es nur auf ein Viertel der Größe.
Niemandsland
Eine der wenigen, ganzjährig bewohnten Siedlungen ist die argentinische Polarstation Basis Esperanza. Rund 20 Familien leben hier auf dem 63. Breitengrad. Zwar gilt die Antarktis völkerrechtlich als Niemandsland, dennoch erheben zahlreiche Staaten wie Argentinien, Chile, Australien, Frankreich und Norwegen Gebietsansprüche und unterhalten deshalb solche Basislager. Laut dem Antarktis-Vertrag von 1961, der die Antarktis als ein «dem Frieden und der Wissenschaft» gewidmetes Naturreservat definiert, werden territoriale Forderungen aber nicht anerkannt.
Abgesehen von kleinen Forschungsstationen ist die Antarktis nahezu unbewohnt. Lediglich 4000 Menschen - Wissenschaftler, Militärs und Hilfspersonal - leben in der 14 Millionen Quadratkilometer großen Eiswüste. Im Winter schrumpft die Zahl auf 1000.
 |  Polarstation | Foto: dpa |
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Stationsleiter José Manuel Ramírez zeigt den Besuchern das Dorf, die kleine Kirche und die Forschungsanlagen. Unter ähnlichen Bedingungen mussten auch die ersten Antarktis-Abenteurer leben. 1773 überquerte James Cook als erster Mensch den südlichen Polarkreis. Er sah Eisberge, aber kein Festland. Es sollte noch bis zum Jahre 1821 dauern, bis der erste Mensch den antarktischen Kontinent betrat. Es war der amerikanische Robbenjäger John Davis.
Schwarzer Vulkanstrand
Die Fahrt mit dem Schiff geht weiter Richtung Süden. Im Krater der Vulkaninsel Deception Island zeugen verfallene Holzhütten norwegischer Walfänger vom harten Leben in der Antarktis. Die Zodiac-Fahrer schaufeln den Passagieren in den schwarzen Vulkan-Sandstrand ein Loch. Das aufsteigende Wasser ist warm und lädt die Mutigsten bei minus 15 Grad zum Bad ein.
Auf Cuverville Island dösen unzählige See-Elefanten in der Sonne. In der von Eisbergen umsäumten Bucht hallt das Schnaufen und Schnarchen der Kolosse und das Geschrei der Eselpinguine wider. Ein Skua schwebt dicht über einer Kolonie. Plötzlich stürzt er herab und klaut einem unachtsamen Pinguin-Pärchen das Ei. Nur wenige Meter weiter verspeisen die Raubmöwen ihre Beute.
 |  Der Frachter "Usuaia" | Foto: dpa |
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Ein Höhepunkt jeder Antarktis-Tour ist die Fahrt durch den Lemaire-Kanal. Er gehört landschaftlich zu den schönsten Gebieten der Antarktis und zu den spektakulärsten Schiffspassagen der Welt. Vergletscherte Wände von 1000 Metern Höhe säumen den Weg. Langsam zerbricht die «Ushuaia» das dichte Packeis auf dem Wasser, bis es irgendwann so dick wird, dass das Schiff umkehren muss.
Tonnenschwere Buckelwale
In der Paradies-Bucht erreichen fast alle Antarktis-Touren ihren südlichsten Punkt. Einsam liegt die verlassene Forschungsstation Almirante Brown vor einer majestätischen Gletscherkulisse. Tonnenschwere Buckelwale wühlen das stahlblaue, ruhige Wasser in der Bucht auf. Vorbei an gigantischen Tafeleisbergen geht es wieder nordwärts. Bis auf nur wenige Meter nähern sich die Schiffe den 30 Meter hohen Kolossen, die wie Blöcke weißer Schokolade aussehen. Die größten Eisberge, die aus dem Schelfeis herausbrechen, sind so groß wie kleine Staaten. 2005 brach aus dem Ross-Schelfeis eine Platte von der Größe Mallorcas heraus.
Anreise: Mit dem Flugzeug nach Buenos Aires. Von dort fliegt Aerolineas Argentinas nach Ushuaia. Rund 35 Schiffe bereisen die antarktische Halbinsel, darunter russische Eisbrecher, Luxuskreuzer oder kleine Expeditionsschiffe. Der Vorteil kleiner Expeditionsschiffe: auf ihnen können mehr Landausflüge unternommen werden, da laut dem Antarktisvertrag gleichzeitig immer nur 100 Personen an Land dürfen.Klima und Reisezeit: Die beste Reisezeit ist im antarktischen Sommer zwischen November und März. Die Temperaturen pendeln dann zwischen null und minus 5 Grad, bei Wind fühlt es sich aber deutlich kälter an. Im November ist die See noch mit Packeis bedeckt, im Dezember und Januar schlüpfen die ersten Pinguine und Robben. Die Monate Februar und März sind ideal für Walbeobachtungen.
(dpa)