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Im Watt vor Baltrum lebt der Sand

06. Jul 2006 15:58
Wanderer im Watt bei Baltrum
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Wo eben noch Schiffe fuhren, laufen jetzt Wanderer durchs Watt. Vor der ostfriesischen Insel Baltrum zeigt ihnen ein Wattführer, dass der weiche Untergrund der Nordsee mehr Leben birgt als der Urwald.

Von Christiane Gläser

Auf den ersten Blick sieht man einfach nur nassen Sand. Hier und da finden sich auch kleine gekringelte Häufchen, die wie Würmer aussehen. Ansonsten ist das Watt für den Laien ziemlich unspektakulär. Hier soll mehr Leben als im Urwald zu finden sein? Wattwanderführer Torsten Moschner macht vor der ostfriesischen Insel Baltrum den Test.

Wattführer Torsten Moschner sticht mit einer Mistgabel in den sandigen Boden...
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Mit einer großen Mistgabel und unter neugierigen Blicken sticht er in den weichen Untergrund des Nordsee-Wattenmeeres und siehe da - der Sand lebt. Der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer begeht in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Am 8. und 9. Juli wird in Neßmersiel an der Nordseeküste gefeiert und dabei auch Bilanz über die vergangenen Jahre gezogen.

Laufen, wo gerade noch Schiffe fuhren

Würmer, Muscheln, Schnecken, Kieselalgen und winzige Krebse haben sich unter dem Boden versteckt. «Besonders eindrucksvoll ist für die Neulinge der Wanderung oft, dass wenige Stunden vorher an gleicher Stelle noch meterhoch das Wasser stand und sie jetzt über den Meeresboden laufen, über den sonst Schiffe fahren», sagt Moschner und navigiert die 15 Mann starke Gruppe noch tiefer ins Watt. Die verschlungenen Pfade der Reise führen über fast sechs Kilometer von der kleinsten ostfriesischen Insel Baltrum zum Festland nach Neßmersiel. Luftlinie 4,5 Kilometer.

...und zeigt einen Wattwurm
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Im Juni hatten sich die drei Nordseeküsten-Nationalparks auf eine enge Zusammenarbeit im Tourismus verständigt. Die Nationalparke Schleswig-Holsteinisches, Hamburgisches und Niedersächsisches Wattenmeer bilden mit zusammen mehr als 7300 Quadratkilometern die größte Nationalparkfläche des Kontinents. Bereits am 1. Oktober 2005 hatte der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer das 20- jährige Bestehen gefeiert.

Wattwanderungen nicht unterschätzen

Das Baltrumer Watt ist eines der meist begangenen Watt-Gebiete in der Nordsee. «Watten-Autobahn» sagen die Kenner auch gern dazu. Eine Wattwanderung sollte man als Laie nicht unterschätzen: «Wer sich mit dem örtlichen Watt nicht auskennt, sollte auf keinen Fall alleine wandern. Die Nordsee ist tückisch und hat trotz Ebbe zahlreiche Untiefen oder andere gefährliche Stellen im Schlamm versteckt», so Moschner.

Lizenz zum Laufen

Daher mussten die derzeit 150 in der Nordsee tätigen Wattwanderführer erst eine spezielle Ausbildung für die Führungen ablegen. Die Lizenz zum Laufen erwirbt man sich, wenn man unter anderem das Gebiet zwischen Weser und Ems, die in der Nordsee lebenden Arten, das Verhalten im Notfall und den Nationalpark gut kennt. Schließlich sind bis zu 4000 Tier- und Pflanzenarten auf den Lebensraum Wattenmeer spezialisiert.

Auch eine Zusatz-Ausbildung zum «Nationalpark-Wattführer» wird gemeinsam mit der Erwachsenenbildung angeboten.

Herzmuschel-Wettrennen

Auf Moschners Wattwanderung steht jetzt das Herzmuschel-Wettrennen auf dem Plan. Dazu haben die Wanderer je eine Muschel aus dem schlammigen Boden gepult und diese in eine kleine Pfütze geworfen. «Die Muschel, die zuerst im Boden verschwunden ist, hat gewonnen.»

Eine Muschel, die sich bewegt? Zunächst passiert nichts. Plötzlich drückt sich aus der Seite eine kleine weiße, fast durchsichtige Zunge aus der Schale, versinkt im Boden und die Muschel saugt sich damit in den Untergrund zurück. Großes Staunen in der Runde der Erwachsenen. «Etwas Neues vermitteln zu können, das macht am meisten Spaß. Vor allem Kinder sind so dankbar über diese Erfahrungen zum Anfassen. Das ist für mich das schönste Lob.»

Gefährliche Einwanderer

Auf der Wattwanderstrecke befindet sich eine Miesmuschelbank, die auch von der erst 2003 in die Nordsee eingewanderten pazifischen Austern bevölkert wird. «Das Problem ist, dass sie die Miesmuschel verdrängen könnte», erklärt Moschner.

Die Austernbestände haben sich in den vergangenen drei Jahren nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) nahezu verzehnfacht. Das könnte auch für Wattwanderer gefährlich werden, haben die Austern doch scharfe Kanten, die die nackten Wanderfüße schnell verletzen können.

Die letzten Meter der Wanderung Richtung Hafen führen durch tiefe Priele, über üppige Muschelbänke und durch tiefen Schlick - Fußsohlen-Massage und Waden-Training inklusive. Mit einem schlecht ausgeprägten Gleichgewichtssinn wird man dabei nicht nur nass, sondern auch dreckig. (dpa)

 
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